ARGO, exzellentes Kino

Argo – Bundesstart 08.11.2012

Postermotiv, Copyright Warner Bros. Pictures

Diese Geschichte ist so absurd, dass sie nur wahr sein kann. Es ist eine bisher kaum bekannte Geschichte, die aus einem nach dem Vietnam-Krieg bis dahin größten Trauma erwuchs, das die Vereinigten Staaten im Ausland erleben mussten. 1979 stürmen iranische Demonstranten des Ayatollah-Regimes die Botschaft des verhassten Amerikas und nehmen das Personal als Geisel. Nicht das gesamte Personal, denn sechs Botschaftsangestellten gelingt es zu entkommen, die nach einer kurzen Odyssee schließlich von der kanadischen Botschaft aufgenommen werden. Die Iraner sind ungestüm, aber nicht dumm. Mit aberwitzigen Aktionen finden die iranischen Geiselnehmer schnell heraus, dass in der gestürmten Botschaft sechs Diplomaten fehlen und geflüchtet sein müssen. Wer flüchtet, macht sich verdächtigt, und Verdächtige sind automatisch Spione. Und Spione werden gnadenlos öffentlich hingerichtet.

Dieser Film ist erstaunlich. In seiner Umsetzung, in der Handhabung seiner Geschichte, mit seinem Ensemble, dem Gefühl für seine Zeit, die visuelle Realisation, das Gespür für das Kino jener Zeit. ARGO ist ein Thriller, aber auch pointierte Zeitgeschichte. ARGO ist eine sehr kraftvolle Reminiszenz an die Polit-Thriller der Siebzigerjahre und ein sehr eigenständiger Film innerhalb dieses Kontextes.

John Goodman, Alan Arkin und Ben Affleck, Copyright Warner Bros. Pictures

Mit seinem Kumpel Matt Damon hat Ben Affleck das mit einem Oscar prämierte Drehbuch zu GOOD WILL HUNTING verfasst. Afflecks ersten beiden Regie-Aufgaben, GONE BABY GONE und THE TOWN, waren in einem Milieu angesiedelt, über das Affleck aus persönlichen Erlebnissen wie bei GOOD WILL HUNTING schreiben konnte. Aber ARGO ist ein ganz anderes filmisches Kaliber, dessen Realisation nicht mit persönlichen Erfahrungen kompensiert werden konnte. Dass Ben Affleck mit nur sieben Jahren den Teheran-Konflikt und dessen einhergehende Geiselnahme in vollem Umfang erfassen konnte, ist wohl anzuzweifeln. Dass ARGO so ein expliziter und auf den geschichtlichen Punkt gebrachter Thriller wurde, ist also nicht der Arbeits- und Lebenserfahrung des Regisseurs geschuldet, sondern einem Regisseur, der sehr viel Fingerspitzengefühl besitzt und sein Handwerk beherrscht.

Dass dieser alle Register ziehende Regisseur ausgerechnet in Ben Affleck zu finden ist, mag dabei die größte Überraschung an ARGO sein. Aber nicht die einzige Überraschung. Das beginnt schon mit dem einleitenden Monolog über den von den Amerikanern unterstützten Umsturz zugunsten des Schahs, seiner späteren Vertreibung  und die Rückkehr des Ayatollah. Die jeweiligen authentischen Nachrichtenbilder für diesen Monolog beginnen als Storyboard-Zeichnung, womit der Film seinen ersten stimmungsvollen Ton setzt, der die politischen Umstände, das Geiseldrama und das Filmgeschäft zusammenbringt. Denn schließlich geht es darum, dass die sechs in der kanadischen Botschaft befindlichen Flüchtlinge in einer CIA-Operation von einer inszenierten Filmcrew gerettet werden sollen.

Agent Tony Mendez (Affleck) erklärt den sonderbaren Plan, Copyright Warner Bros. Pictures

Aber ein nur vorgegebener Titel eines Films ist keine Grundlage für eine so riskante Rettungsaktion. Es bedarf eines Drehbuches, eines Produzenten, einer Crew und einiger Schauspieler. Und man braucht Publicity, um dem Unternehmen eine solide Basis zu garantieren. Im Schatten von STAR WARS scheint das Buch mit dem Titel ARGO eine exquisite Wahl. Ein Weltraummärchen mit exotischen Schauplätzen – und wo gibt es märchenhaftere und exotischere Schauplätze als in Teheran? Auch wenn dieser Film auf wahren Begebenheiten beruht, läuft die Verfilmung sehr leicht Gefahr, genau an diesem Punkt zu einer Farce zu geraten. Denn das komische Moment eines vorgetäuschten Filmprojektes hätte die dramatischen Ereignisse im Iran schnell ad absurdum führen können. Und tatsächlich haben die Szenen in Hollywood und der künstliche Aufbau des Filmprojektes eine sehr heitere Note, die oft mit Seitenhieben und Insiderwitzen angereichert ist. Als Agent Ben Affleck den Produzenten John Chambers, gespielt von John Goodman, auf die Operation anspricht und meint, die Arbeiten würden am schlimmsten Ort stattfinden, den er sich vorstellen könne, antwortet Goodman schockiert: „Universal Studios“.

Sehr schnell hätte der Thriller aus dem Ruder laufen können, aber das starke Drehbuch von Langfilm-Erstling Chris Terrio und eine exzellente Regie von Ben Affleck verlieren nie den Fokus der Geschichte. Das Wechselspiel von Thriller-Elementen und heiteren Szenen ist ausgewogen, was in den letzten 45 Minuten zu einem mustergültigen Spanungsfilm kulminiert. Wie nahe Freude und Schrecken beieinander liegen und die Regie sich ihrer Verantwortung für die wahren Ereignisse bewusst ist, zeigt eine grandiose Parallel-Montage. Die erste Pressekonferenz zu dem Film ARGO und die Lesung des Drehbuchs mit Darstellern in aberwitzigen Plagiaten von Star-Wars-Kostümen wechselt mit Bildern einer Iranerin, die ihrerseits die Forderungen verliest, welche die Botschaftsbesatzer an die Amerikaner richten. Auch wenn Schmunzeln erwünscht ist, wird der Schrecken nie aus den Augen verloren. Und diese Parallel-Montage lässt einem schnell das Lächeln im Gesicht gefrieren.

 

Hochspannung im Bazar, opyright Warner Bros. Pictures

Rodrigo Pietro hat mit seinen Bildern keine großen Momente geschaffen, allerdings ist es ihm perfekt gelungen, den Look und die Farbstimmung an die Thriller der Siebzigerjahre anzupassen. Unbestätigt ist allerdings, dass es Afflecks Idee gewesen sein soll, auf regulärem Filmmaterial zu drehen, nur die Hälfte des Bildes zu belichten und die Aufnahmen dann auf die richtige Größe aufzublasen, um eine seiner Zeit angemessene Körnigkeit des Bildes zu erhalten. Wie auch immer, es hat dem Film gut getan und die Stimmung im Film zweifelsfrei unterstützt. Erinnerungen an legendäre Thriller wie SERPICO oder DIE UNBESTECHLICHEN kommen nicht von ungefähr, allerdings funktioniert ARGO auch erzähltechnisch so überzeugend wie seine großen Vorbilder.

Es ist erfreulich, dass sich Ben Affleck nicht selbst groß in Szene gesetzt hat, sondern das akzentuierte Spiel eher von seinen Mitspielern und Nebenrollen einfordert. Es hat den Eindruck, als wüsste Affleck um sein Talent gegenüber Größen wie Cranston oder eben Goodman und Arkin. Das gesamte Ensemble ist einfach perfekt besetzt und das Spiel tadellos. Aber wann immer John Goodman und/oder Alan Arkin auf der Leinwand zu sehen sind, verkommt jeder andere Darsteller zu einem unwichtigen Häuflein. In Argo gibt es keine schlechten Schauspieler und selbst Affleck schlägt sich wacker, in dem er sich angemessen zurücknimmt, aber Goodman und Arkin dominieren ihre Szenen ohne Chance für andere. Aber sie sind es auch, die den Film immer wieder zurückholen, damit die Gewichtung stimmt.

Verdächtige gelten als Spione, und Spione werden hingerichtet, Copyright Warner Bros. Pictures

Der Blick auf Hollywood ist in ARGO genauso schräg und ehrlich wie auf den aberwitzigen Apparat von Khomeinis Gefolgsleuten, denen es tatsächlich gelingt, die sechs flüchtigen Diplomaten ausfindig zu machen. Wer nun die Befürchtung hegt, ARGO könnte eines dieser Hurra-Stücke sein, wie raffiniert der Westen doch ist, der sei beruhigt. Schon im Eingangsmonolog wird klargestellt, dass die Amerikaner selbst am Debakel Iran schuld seien, als sie zum eigenen Vorteil den Schah an die Macht brachten, der sich allerdings nur selbst an dieser Macht bereicherte, wodurch ein Umsturz durch den Ayatollah zwangsläufig wurde. Zudem war die CIA allein überhaupt nicht handlungsfähig. Nur mit Hilfe des kanadischen Geheimdienstes war es möglich, das Projekt ARGO umzusetzen und erfolgreich zum Abschluss zu bringen. So weist der Film am Ende darauf hin, dass dieses Stück Geschichte als Anfang von länderübergreifenden Zusammenarbeiten der Geheimdienste gesehen wird. Genauso wie der Film am Ende darauf hinweist, dass Ben Affleck wirklich etwas Großartiges geleistet hat. ARGO ist nicht nur perfektes Spannungskino, sondern auch zeitgeschichtliches Dokument, wenngleich man sich nicht akribisch an die Fakten halten konnte, und eine tiefe und gelungene Verbeugung vor einem Genre, das durch authentische Geschichten überzeugte.

Das damalige Original-Poster zum fingierten Film, Urheber US-Regierung daher frei zur Nutzung

 

 

 

„Wir brauchen jemanden der etwas ist und seinen Namen dafür hergibt. Jemanden mit Ansehen. Einen mit Erfolg. Dem man streng geheime Informationen anvertrauen kann. Der einen imaginären Film produzieren soll. Umsonst.“

John Chambers war Maskenbildner, entwarf Spocks Ohren und die Affenmasken für ‚Planet der Affen‘. Durch sein Mitwirken und seine Inspiration wurde die Befreiungsaktion erst möglich.

 

Darsteller: Ben Affleck, Bryan Cranston, Alan Arkin, John Goodman, Victor Garber, Tate Donovan, Clea DuVall, Scoot McNairy, Zeljko Ivanek u.v.a.
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Chris Terrio nach dem Artikel von Joshuah Bearman
Kamera: Rodrigo Prieto
Bildschnitt: William Goldenberg
Musik: Alexandre Desplat
Produktionsdesign: Sharon Seymour
USA / 2012
zirka 120 Minuten

Bildquelle: Warner Bros. Pictures
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