TO THE WONDER sehr wundersam

TO THE WONDER – Bundesstart 30.05.2013

Nur ein Jahr nach TREE OF LIFE, einem autobiografisch angehauchten Film von Terrence Malick, schiebt der Ausnahmeregisseur schon TO THE WONDER nach. Die kürzeste Zeitspanne zwischen zwei seiner bisher nur sechs Kinofilme, betrug bisher 5 Jahre. Zwischen DAYS OF HEAVEN und THIN RED LINE lagen sogar 20. Dieses eine Jahr könnte bedeuten, dass Malick nicht einfach etwas zu sagen hat, sondern etwas unbedingt loswerden wollte. Noch viel stärker als TREE OF LIFE, ist TO THE WONDER vom persönlichen Schicksal des gleichzeitigen Autor und Regisseur geprägt. Die Pressemappe erklärt dies mit den Worten, es wäre ein Film über die Liebe und das Glück, und die Vergänglichkeit von Beiden. Die Liebe lässt Französin Marina dem Amerikaner Neil von Paris nach Oklahoma folgen. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, und Marina kehrt zurück nach Frankreich. Neil indes, findet in seiner Jugendliebe Jane sofort wieder eine Beziehung. Doch auch diese Verbindung scheitert. Schließlich kommt Marina wieder zu Neil nach Oklahoma. Ob dieses Verhältnis nun von Dauer sein wird, oder letztlich ebenfalls zerbrechen muss, kann der Zuschauer sogar ganz für sich allein entscheiden.

Man bezeichnet Terrence Malick gerne als Poeten, oder auch als Visionär. Beides konnte man ihm bisher ohne Weiteres zugestehen. Bei TREE OF LIFE hat er sein Publikum durchaus verwirrt, stärker als bei seinen Filmen vorher, doch seinen Ruf als eben dieser Poet und Visionär durchaus gefestigt. Doch was er mit TO THE WONDER nachlegt, lässt alle Deutungen, aber auch alle Kritikpunkte zu. Es ist ein Film, der alles ist, und doch wieder überhaupt nichts. Wenn bei WONDER Dialoge zu hören sind, dann erklären sie überhaupt nichts, sondern vermitteln nur Emotionen. Es ist ein sehr sperriger Film, der sein Publikum findet, oder es abstößt. Die Konsequenz, mit der Malick ausschließlich über Bilder erzählt, ist äußerst radikal. Aber WONDER muss man dennoch nicht zwangsläufig als cineastisches Wunder bezeichnen, nur weil der Macher Terrence Malick heißt.

Für den Titel des Films gibt es nur eine fadenscheinige Erklärung, die thematisch nicht mehr viel mit dem eigentlichen Konsens zu tun hat. Die von Malick-Filmen bevorzugten Gegenlicht-Aufnahmen sind auf ein Maximum angehoben. Es gibt keine Nahaufnahmen, entgegen allen Regeln und Sehgewohnheiten schneidet der Film von Halbtotalen auf Halbtotalen. Fünf Cutter haben sich an WONDER ausgetobt. Blockbuster mit mehr als zwei Cuttern sind eigentlich schon zum Scheitern verurteilt. Zudem inszeniert der Regisseur seine Hauptfigur als teilnahmslosen Charakter. Er ist kaum im Fokus, wirkt abwesend und verweigert sich irgendwelchen emotionalen Äußerungen. Ob Olga Kurylenko oder Rachel McAdams, sie tanzen unablässig durchs Bild, drehen Pirouetten, hopsen auf Matratzen, dies sind ihre Äußerungen von Wohlbefinden. Das alles hat etwas Surrealistisches. Das alles beobachtet Ben Affleck ohne Gemütsregung, sieht den Frauen nur anteilnahmslos zu, seine einzige Reaktion ist Desinteresse an von ihm verursachten, unangenehmen Situationen.

TO THE WONDER entzieht sich jeder vernünftigen Analyse. Ihn als guten, revolutionären  Film zu bezeichnen wäre einfach. Aber es muss ebenso gestattet sein, einen Künstler kritischen Bemerkungen unterziehen zu dürfen. Die guten, künstlerischen, aber auch abstrakten Absichten von Terrence Malick kann man durchaus positiv bewerten. Das macht aus TO THE WONDER noch lange keinen guten Film. Nur weil sich Malick zu viel vorgenommen hat, sollte man sich nicht genötigt fühlen, diese Bemühungen als Meisterwerk zu feiern. Würde man TO THE WONDER zu einem Experiment herabwürdigen, wäre es nach wie vor ein annehmbares Ereignis. Aber TO THE WONDER ist eine kinematographische Erfahrung, die jeder individuell für sich selbst als kulturelles  Ereignis einstufen muss. Da helfen keine intellektuell gefärbten, salbungsvollen Worte. Aber auch keine subjektiven Schlammschlachten. TO THE WONDER ist kein Film der sich seinen Zuschauern offenbart, sondern dieses herausfordert. Und zu welcher Entscheidung über den Unterhaltungswert des Films der Zuschauer auch kommen mag, es ist die individuell richtige Eingebung. Denn jeder objektiven Betrachtung entzieht sich Terrence Malicks Film vollkommen, weil er dieses, sein sechstes Werk, ebenso individuell und egozentrisch inszenierte.

Darsteller: Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem, Tatiana Chiline, Romina Mondello u.a.
Regie & Drehbuch: Terrence Malick
Kamera: Emmanuel Lubezki
Bildschnitt: A.J. Edwards, Keith Fraase, Shane Hazen, Christopher Roldan, Mark Yoshikawa
Musik: Hanan Townhend
Produktionsdesign: Jack Fisk
USA / 2012
zirka 112 Minuten

Bildquelle:   Lionsgate / Concorde Filmverleih
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