EDITORIAL: Sony, alles schon gesagt

MainstreamIch habe sehr viel Filme von und mit Seth Rogen gesehen. Und ich habe jeden Film gesehen, den Seth Rogen mit James Franco zusammen gedreht hat. Da liegt die Ansicht nicht fern, dass THE INTERVIEW alles andere als eine Satire sein wird. Ein Genre welches in den Medien rechtfertigen soll, warum der Film gezeigt werden muss. Eine Kifferkomödie wie PINEAPPLE EXPRESS hätte niemals als mahnendes Symbol für die freie Meinungsäußerung sein können. Mittlerweile hat Sony auch in Deutschland den eigentlich für den 5. Februar 2015 angekündigten Starttermin gestrichen. Man wird wohl abwarten müssen, um irgendwann einmal festzustellen, dass THE INTERVIEW dann doch genau ein Film wie PINEAPPLE EXPRESS, oder THIS IS THE END ist. Etwas weit von der Satire entfernt. Doch das Kind brauchte einen griffigeren Namen, um dem ganzen medial globalen Überbau gerecht zu werden. Denn in was für einen Wahnsinn der eher bescheidene Film gerutscht war, könnten sich nicht einmal die kreativsten Werbeköpfe einfallen lassen. Und genau das wird ja gerne propagiert, alles nur ein großer Marketing-Gag sein muss.

Amy Pascal

Amy Pascal

Bereits Mitte des Jahres richtete die sogenannte Regierung von Pjöngjang heftige Beschwerden über die Komödie THE INTERVIEW gegen ihren Erzfeind Amerika. Ein Team von Journalisten reisen für ein Interview mit Diktator Kim Jong-un nach Nordkorea, mit dem CIA-Auftrag, den Machthaber zu ermorden. Das ist natürlich politisch nicht sehr korrekt, der Protest mitunter auch nachvollziehbar. Das störte allerdings die amerikanische Regierung genauso wenig, wie das produzierende Studio Sony. Europäische Gutmenschen stellen sich dann gerne einmal hin, und erklären das wieder mit dem nie zu ermüden scheinenden Argument der Arroganz und Ignoranz des Amerikaners schlecht hin. Anfang November wurde dann per Hack in das Netzwerk von Sony Pictures Entertainment eingedrungen, wo nicht überschaubare Datenmengen kopiert wurden. Die Hacker forderten zuerst Geldsummen, um die Veröffentlichung von brisanten und pikanten Informationen zurück zu halten. Tatsächlich versendeten die Guardians of Peace, wie sich die Hacker nennen, sehr vertrauliche Dokumente an sehr viele Nachrichtenagenturen und Zeitungs- und Onlineverlage. Die Drohung war ernst zu nehmen. Zudem kopierten GoP vier Sony-Filme, und machten sie Online verfügbar. Ein Spaß sollte das also nicht werden.

Michael Lynton

Michael Lynton

Egal wie sich Sony um Schadensbegrenzung bemühte, die Lage wurde Woche um Woche schlimmer. Natürlich ließ sich das Studio nicht erpressen. Ein Teil der Verschwörungstheorie um das Marketing von THE INTERVIEW könnte hier beginnen, als diverse Online-Plattformen die Gagen von Seth Rogen und James Franco bekanntgaben, welche sie für INTERVIEW erhielten. Die beiden Kumpels selbst standen darüber. Es war nicht das Futter, welches die neugierige Welt schlucken wollte. Zudem hielten sich ein überraschend großer Teil von Publikationsinstitutionen zurück überhaupt etwas aus dem ihnen zugesendeten Datenmaterial zu veröffentlichen. In Deutschland war das gesamte Thema über Wochen hinweg, als solches überhaupt keines. Die Studioleitung Amy Pascal und Michael Lynton steckten nichts desto trotz, bis über die Schultern in Schwierigkeiten, weil niemand auch nur annähernd abschätzen konnte, was GoP wirklich kopiert hatte, und was den Weg an die Öffentlichkeit finden würde. Und sie sollten es bald heraus finden, spätestens als Email-Verkehr zwischen Amy Pascal und Produzent Scott Rudin bekannt wurde, wo sich beide nicht sehr politisch korrekt über Barack Obama ausließen.

Sony-1, Copyright Copyright Sony Pictures EntertainmentIn einer kaum zu erwartenden Wendung wollten die Guardians of Peace unvermittelt, dass Sony THE INTERVIEW aus dem Verkehr ziehen sollte. Zwischenzeitlich drang GoP immer wieder ins Sonys Netzwerk ein, drohte einzelnen Mitarbeitern über ihren persönlichen Bildschirm, oder verunsicherte gleich die gesamte Belegschaft. Weder Sicherheitsdienste, noch FBI, konnten das Netz schützen, oder die Täter zurück verfolgen. Und das war und ist es, was wirklich die Unruhe bei Sony verstärkte. Mit der Forderung, THE INTERVIEW nicht starten zu lassen, kam dann schnell Nordkorea als möglicher Drahtzieher von GoP ins Visier. Was trotzdem kein Thema für Deutschland war, wer also die bedenklichen Vorfälle verfolgen wollte, musste sich auf ausländische Medien verlassen. Dann kam die Drohung elfter-September-ähnliche Anschläge sollten Kinos erwarten, die THE INTERVIEW zeigen würden. Und bei jedem Amerikaner hört hier der Spaß auf. Fälschlicherweise hieß es ab diesem Zeitpunkt immer wieder, auch die deutschen Medien zeigten nun mildes Interesse, Sony hätte den Schwanz vor einer ausländischen Diktatur eingezogen. Denn jedermann war überzeugt, das Nordkorea hinter dem Angriff auf Sony stehen musste. Und solche überzogenen Drohungen gehören einfach zu Kim Jong-uns Regime.

Ab diesem Zeitpunkt zeichneten viele Journalisten immer wieder falsche Bilder. Wären diese Drohungen wirklich von Pjöngjang ausgegangen, hätte man entspannt den Kopf zurück lehnen können. Nordkorea hätte weder die Möglichkeit gehabt, solche Anschläge zu verüben, noch hätten sie das wirklich riskieren können. Aber es gibt immer einen amerikanischen Wirrkopf, der sich mit bunt gefärbten Haaren und einer halbautomatischen Waffe in ein Kino stellen kann. Diesen Punkt bringen viele durcheinander. THE INTERVIEW wurde nicht zurück gezogen weil man Angst vor Nordkorea hatte, sondern weil es zu viele mögliche Trittbrettfahrer gibt. Nicht Sony Pictures Entertainment hat den Filmstart ausgesetzt, sondern die fünf größten Kinoketten in Amerika, die nach den veröffentlichten Drohungen einen Rückzieher machten. 2500 Leinwände sollten zuerst am ersten Weihnachtsfeiertag in Amerika bespielt werden. Nach Rückzug der großen Ketten, wäre es nur ein Bruchteil davon gewesen.

Amy Pascal und Michael Lynton üben sich schon seit Wochen in Schadensbegrenzung, und nehmen THE INTERVIEW aus dem Verkehr. Nicht wegen der Drohungen, nicht wegen dem Mangel von Einnahmen, nicht weil es nur eine Seth-Rogen-James-Franco-Komödie ist. Sondern weil Sony in diesem Augenblick verdammt wichtigere, essenziellere Probleme hat. Das Problem mit GoP ist ein ungelöstes. Da muss ein vulgäre Komödie mit einem mickrigen Budget von 40 Millionen Dollar einfach zurück stecken können, und das Einfachste war, den Start auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Doch niemand scholl die NATO, die National Association of Theatre Owners bei denen zum Beispiel Landmark eines der größten Mitglieder ist. Es wurde explizit Sony vorgeworfen dem Terror eines diktatorischen Regimes nachgegeben zu haben. Und das haben sie eben nicht. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten, bedauert Pascals und Lyntons Entscheidung, welche nicht ihre war. Und immer noch hat das Studio viel größere Probleme, weil weder FBI, und wahrscheinlich nur inoffiziell die CIA, die Guardians of Peace weder stoppen noch ausfindig machen können.

In diese ungehörigen Stresssituation, der sich fast wie ein zwei-Fronten-Krieg ausnimmt, beschließen die Studioköpfe sehr kurzfristig THE INTERVIEW doch für den 25. Dezember frei zu geben. An jedes willige Independent-Kino, an organisierte Ketten, oder über diverse Online-Plattformen für 6 Dollar. Und wieder beißt sich die Nehmer-Mentalität einer freien Marktwirtschaft in den Schwanz, weil sich Verleiher gegenüber Sonys Entscheidung sehr entrüstet zeigen, den Film mehr oder weniger selbst zu vermarkten, obwohl ein gleicher Einwand während des kompletten Rückzuges nicht statt fand. Und jetzt wird THE INTERVIEW gefeiert, als das Symbol gegen Terror und Machtwillkür. Hut ab, das haben sich Seth Rogen und James Franco bestimmt nicht vorstellen können, als sie in Kiffer-Laune vor einiger Zeit dieses Projekt besprochen hatten.

Und dies ist dann auch der Moment, wo der Verfasser das Wort erhebt, um zu erklären, was die endlose Liste von vorangegangenen Informationen eigentlich bewirken soll. Ja, was weiß ich denn? Anlass war vielleicht eine tief im Herzen verwurzelte Ausstrahlung einer Nachrichtensendung eines Privatsenders im deutschen Fernsehen, der am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages die Premierenkinos mit einer Zahl von 200 bezifferte, obwohl 24 Stunden vorher (dem Geburtstag unseres Herrn Jesus) in Amerika die aufgelisteten Theater bereits über 300 betrugen, und zudem in den Bauchbinden Seths Nachname mit A wie Rogan geschrieben wurde. Leben wir tatsächlich in einer derart unreflektierten Welt, dass wir nur sehen und konsumieren? Welcher dieser Protestler, die Sony Pictures Entertainment herausforderten, nicht klein bei zu geben, würde Mitschuld übernehmen, wenn ein unbedeutender Kleingeist in einem Kino wahllos das Feuer auf Besucher eröffnen würde, nur weil er sich um dessen Bedeutung bewusst war? So scharf Amy Pascal und Michael Lynton im Kreuzfeuer der Kritik stehen mögen, wünsche ich ihnen das Beste. Weil sie die undankbarste Aufgabe von allen tragen, nämlich ein renommiertes Studio durch die Unwegsamkeiten von selbst den unbedachtesten Äußerungen zu schippern. Hand aufs Herz, wer reißt keine unangebrachten Beleidigungen, die weniger so gemeint sind, als dass sie nur dahin geplappert wurden. Und plötzlich wird man damit in der Öffentlichkeit konfrontiert. Pascal und Lynton haben wirklich weit schwierigere Probleme, um sich jetzt allein um eine verruchte Komödie zu kümmern.

Bildrechte: Sony Pictures Entertainment
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