BIG EYES

BIG EYES – Bundesstart 23.04.2015

Big-Eyes-1, Copyright StudioCanal / The Weinstein CompanyDie Besprechung basiert auf der britischen BluRay-Fassung im Originalton.

Scott Alexander und Larry Karaszewski sind wahre Spezialisten, einzigartigen Künstlern in die Seele zu schauen. Wie dem Hustler-Herausgeber in THE PEOPLE VS. LARRY FLYNT. Oder in der Andy Kaufman Biografie MAN IN THE MOON, wo das Autoren-Duo ganz im Sinne von Kaufman, den Film mit dem Abspann beginnen lässt, weil dann die Leute noch nicht einfach aus dem Kino laufen. Natürlich nicht zu vergessen ist Alexander und Karaszewskis Buch für ED WOOD, den Tim Burton ganz hervorragend inszenierte. ED WOOD ist auch der einzige Film in Tim Burtons Karriere, der BIG EYES für einen Hauch am nächsten kommt. Ansonsten muss man unumwunden sagen, dass BIG EYES Tim Burtons ungewöhnlichster Film ist. Weil er eben nicht das Ungewöhnliche zelebriert. Es sind die 1950er, und da war es fast noch eine Selbstverständlichkeit, dass sich eine Frau ihrem Mann unterwirft. Oder sie haut einfach ab. So wie es Margaret Ulbrich am Anfang tut. Das Notwendigste gepackt, die Tochter ins Auto verfrachtet, und raus aus der synthetischen Vorstadt ins bunte Leben von San Francisco.  

Bruno Delbonnel schafft ganz klar strukturierte Bilder, mit kräftigen, hellen Farben. In vielen Einstellungen ist das Bild sogar von einer fast schon irritierenden Symmetrie beherrscht. Es unterstreicht Tim Burtons Ansatz, eine Geschichte aus den Fünfzigern, auch im cineastischen Look der Fünfziger zu halten, und sich aller filmischen Extravaganzen zu erwehren. Das Zeitkolorit und Atmosphäre schon überwältigende Ausmaße annehmen, hat aber eindeutig mit Rick Heinrichs Produktionsdesign zu tun. Jedes Straßenbild, die Autos, die einzelnen Setting, die Kostüme, alle Möbelstücke. Hier scheint alles zu passen, alles ist stimmig. In dieser Welt versucht Margaret Ulbrich selbstständig zu werden. Sie geht arbeiten, und malt nebenher. Kinder mit überproportionierten Augen sind ihr Motiv. Sehr traurig wirkende Kinder, aber auch sehr ansprechend. Nur verkaufen kann sie keines ihrer Gemälde. Da kommt ihr der Dampfplauderer und Frauenschwarm Walter Keane gerade recht, der seine eigenen Bilder von Pariser Straßenimpressionen sehr gut an den Mann und auch die Frau zu bringen versteht. Beide verstehen sich auf Anhieb, und er schafft es mögliche Kunden für Margarets Big-Eyes-Bilder zu interessieren. In seinem Übereifer geschieht Walter allerdings das zuerst nicht geplante Missgeschick, die Bilder als seine Kreationen auszugeben, um überhaupt erst Leute darauf aufmerksam zu machen.

Tim Burton hat in seiner Karriere kaum eine Darstellerin so sensibel inszeniert, wie Amy Adams als Margaret Keane. Sie ist gleichzeitig starke Persönlichkeit und verunsicherte Person. Adams gibt einen sehr guten Eindruck davon, wie ein Frau in dieser Zeit zwischen Tradition und Moderne hin und her gerissen wurde. Ihre erfüllende Präsenz beherrscht jede Szene, und vermittelt augenblicklich, wie sich das Frauenbild in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Margaret Keane, geschiedene Ulbrich, ist noch ein verzweifeltes Opfer einer Zeit, wo die Rollenverteilung klar geregelt war. Aber Amy Adams braucht dazu nicht den exaltierten Ausbruch, oder die überschwänglichen Emotionen. Mit nur kleinen Gesten, und gesetzterer Mimik wird sie nur noch um ein vielfaches realistischer. Amy Adams hat erneut die Möglichkeit erhalten, sich als Schauspielerin zu beweisen, die mit allen Frauentypen überzeugen kann.

Weniger gut hat es da Gegenpart Christoph Waltz, schon jetzt einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschsprachigen Schauspieler in Hollywood. Gleich mit seinem ersten englischsprachigen Film, konnte Waltz dem deutschen Film komplett den Rücken kehren. Aber Waltz leidet darunter, dass er seit eben diesem INGLOURIOUS BASTERDS immer wieder die selbe Rolle spielt. Ein aufgeregter, überdrehter Aufsprecher, der mit seinen sich stets wiederholenden Manierismen und vokalen Ausdrucksweisen zugegebenermaßen sein Publikum begeistert, aber auch in BIG EYES keine neue Facette in seinem Spiel zu zeigen versteht. Waltz mag einen sehr treffend gespielten Walter Keane geben, allerdings ist dieser Keane eine Figur, die kein Eigenleben hat, sondern lediglich den Geist eines etablierten Darstellers atmet.

Mit den Big-Eyes-Bildern baut Walter schließlich ein Imperium auf, wo Margaret lediglich im Dachgeschoss immer neue Motive produzieren muss. Obwohl von ihre gezeichnet, werden die Bilder mehr und mehr zu Walters Kreationen. Die Welt sieht in den traurigen Kindergesichtern auch nur Walters Kunst. Der Punkt des Umkehrens ist schon lange überschritten. Doch was Margaret am meisten schmerzt, ist ihre Tochter für dieses ganze Unterfangen angelogen zu haben. Während für Walter die Lüge immer mehr zur Realität wird, leidet die eigentliche Künstlerin vermehrt darunter, nie zu sich selbst stehen zu dürfen. Und nicht einmal die eigene Tochter involvieren zu können.

BIG EYES ist bis zu diesem Zeitpunkt ein sehr eindringlicher Film, der Dank seiner hervorragenden Hauptdarstellerin zu einem sehr einnehmenden Drama wird. Und auch Delaney Raye und Madeleine Arthur als junge und ältere Tochter Jane unterstützen diesen emotionalen Reigen in eindringlicher Form, weil das Drehbuch sie nicht als bloße Statistenrolle, sondern als bindendes Glied zwischen der an sich zweifelnden und der lethargischen Margaret nutzen kann. Das Besetzungsbüro hat großartiges geleistet, die nicht verwandten Raye und Arthur zu engagieren, die nicht nur darstellerisch, sondern vor allem äußerlich perfekt besetzt wurden. Dann geschieht in der letzten Viertelstunde, was man bei einem Tim Burton Film eigentlich wirklich vermisst hätte. Und das ist das absurde Moment. Diese fein übersteigerten Szenen, die so unbekümmert zwischen Realität und Absurdität hin und her schwanken. Denn am Ende wird Margaret ihr Recht auf ihr künstlerisches Eigentum einfordern, und es mag einen realen Hintergrund haben, wie Walter Keane darauf reagierte. Im Films selbst wirkt diese Selbstdarstellung dann doch eher wie eine versponnene Drehbuchidee, die keine reale Rückendeckung zu haben scheint.

BIG EYES ist ein wundervoller Film, der durch seine Darsteller lebt. Die Inszenierung ist frei von möglichen Eskapaden, und so findet der Zuschauer sehr schnell Zugang zu den Figuren. Es ist eine wahre Geschichte, nach wahren Begebenheiten. Und die heute noch malende Margaret Keane, war sehr angetan von der für sie sehr realistischen Umsetzung von Handlung und Figuren. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000, hat Walter Keane behauptet der Schöpfer der Big-Eyes-Bilder zu sein, obwohl das Gericht Jahre zuvor durch klare Indizien zu Gunsten von Margaret entschieden hatte. In einer Szene, die man im nachhinein als sehr entlarvende Darstellung gegen Walter Keane sehen muss, kann man die wirkliche Margaret Keane auf einer Parkbank sitzend sehen. Das man sich dies nur durch eigene Recherche, ohne Hilfe von Presseheft oder -mitteilung erarbeiten muss, ist sehr traurig. Schließlich hätte Margaret Keane in einer Biografie über sich selbst mehr verdient, als nur einen prominent besetzten Hintergrund, der nicht einmal von der PR für erwähnenswert gehalten wurde.

Big-Eyes-2, Copyright StudioCanal / The Weinstein Company

Darsteller: Amy Adams, Christoph Waltz, Danny Huston, Terence Stamp, Jason Schwartzman, Krysten Ritter u.a.
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Scott Alexander, Larry Karaszewski
Kamera: Bruno Delbonnel
Bildschnitt: JC Bond
Musik: Danny Elfman
Produktionsdesign: Rick Heinrichs
USA – Kanada / 2014
106 Minuten

Bildrechte: StudioCanal / The Weinstein Company
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