fasst verpasst: Nolans FOLLOWING

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Bundesstart 17. Februar 2005

Zuerst einmal wird Christopher Nolan immer zuerst mit BATMAN in Verbindung gebracht werden. Verständlich. Anhänger des Briten werden dagegen immer wieder mit MEMENTO kontern, der Film, der Nolan regelrecht ins Rampenlicht katapultierte. Aber nicht sein erster Spielfilm. Nur zwei Jahre vorher drehte er mit minimalsten Budget FOLLOWING. 6000 Dollar werden dafür immer angegeben, obwohl der Film in Großbritannien entstanden war. Dennoch wäre es nach wie vor einer der minimalst produziertesten No-Budget-Filme. Über ein Jahr nahm die Produktion in Anspruch, weil alle Beteiligten anderweitige Vollzeitjobs hatten, und sich die Drehtage auf die Wochenenden beschränkten. Jede Szene wurde zuerst exzessiv geprobt, um das Drehverhältnis möglichst bei 1:1 zu halten.

Bill ist ein erfolgloser Schriftsteller, mit eigenartigem Hobby. Er folgt Leuten, beobachtet wohin sie gehen, was sie tun, was sie vielleicht in ihren Einkaufstaschen tragen. Bill sieht sich nicht als Voyeur, sondern will sich durch seine Beobachtungen für seine Geschichten inspirieren lassen. Doch eines Tages fliegt er auf, und wird von Cobb angesprochen, der Bills Tun sofort durchschaut hat. Natürlich, denn Cobb ist Einbrecher, also ein Mann mit sehr viel Menschenkenntnis. Denn Cobb bricht nicht ein um zu stehlen, sondern weil ihn die Menschen interessieren. Was besitzen sie, wie sind sie eingerichtet, auf was legen sie wert, welche Weine trinken sie, und wie kann man ihnen durch diesen Einbruch schaden, ohne zu stehlen. Bill wird ein wissbegierige Begleiter. Bei einem dieser Streifzüge kommen sie in die Wohnung eines Pärchens, wo überall Fotos der “blonden Frau” herum liegen. Bill ist von ihr fasziniert, beginnt bald auch ihr zu folgen, und spricht sie schließlich in einer Bar an.

Wie in diversen seiner nachfolgenden Filme, erzählt Nolan auch diese Geschichte nicht chronologisch. Das ist oftmals sehr spannend, gerade wenn es auf die Auflösung zugeht. Doch ab und an verwirrt Nolan auch mit dieser Erzählstruktur. Der Zuschauer braucht dabei immer etwas, um sich orientieren zu können. Mit seinen groben Schwarzweißaufnahmen auf 16mm gedreht, und der hauptsächlichen Schulterkamera, zelebriert der Filmautor ganz starke Anleihen an die Nouvelle Vague. Viele Dialoge und die Inszenierung mancher Sequenzen könnten ohne weiteres von François Truffaut oder Jean-Luc Godard sein. Doch gleichzeitig macht Nolan mit seiner Geschichte eine große Verbeugung vor der Hochzeit des Film-Noir. Alles undurchschaubare Charaktere, kaum nachvollziehbare Handlungen. Erst am Ende fügt sich ein Puzzleteil ans nächste, bekommt vieles erst einen Sinn. Einen sehr raffinierten, auch sehr perfiden Sinn. Wer sagt die Wahrheit? Wer spielt welche Rolle? Bill, eigentlich als “der junge Mann” geführt, steht mittendrin. Ahnungslos und naiv, und als er endlich Zusammenhänge richtig zu deuten versteht, könnte es schon fast zu spät sein.

Mit den aufgeführten Anleihen ans Kunstkino, entwickelt Nolan gleichzeitig sein ganz eigenes Kino, wenn er die Zeitlinie der Handlung verschachtelt. Tatsächlich ist der Filmautor hier noch weit weg von der Genialität bei MEMENTO, aber FOLLOWING für sich ist sehr spannendes, gut erzähltes Kino, das kaum einen Filmfreund enttäuschen dürfte. Und wenn man über Schwächen des Films reden müsste, dann sind sie sicherlich dem atemberaubend niedrigen Budget von 6000 Dollar geschuldet. Der dreiminütige Erstling DOODLEBUG von Nolan soll fast 1000 Dollar gekostet haben. Also das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt allemal. Darüber hinaus ist FOLLOWING für sich ein durchaus sehenswerter Film, wenn man fairerweise einmal die Vergleiche außen vor lässt.

DOODLEBUG kann man auf YouTube sehen.

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Darsteller: Jeremy Theobald, Alex Haw, Lucy Russell, John Nolan u.a.
Regie & Drehbuch & Kamera: Christopher Nolan
Bildschnitt: Gareth Heal, Christopher Nolan
Musik: David Julyan
Produktionsdesign: Tristan Martin
Großbritannien / 1998
69 Minuten

Bildrechte: Momentum Pictures
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