{"id":1094,"date":"2011-06-14T17:43:19","date_gmt":"2011-06-14T16:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?page_id=1094"},"modified":"2011-12-27T13:15:29","modified_gmt":"2011-12-27T12:15:29","slug":"metropolis-ufa","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/kino-essays\/metropolis-ufa\/","title":{"rendered":"Metropolis, die zweite Welturauff\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Dieser Beitrag entstand im Februar 2010 nach der Premiere von METROPOLIS<\/span><\/h5>\n<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Die Zwischenrufe von Andreas wurden nach heftigen und konstruktiven Diskussionen eingef\u00fcgt.<\/span><\/h5>\n<p><span style=\"color: #000000;\"> <\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_1099\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a rel=\"attachment wp-att-1099\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/kino-essays\/metropolis-ufa\/metropolis3\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1099\" class=\"size-full wp-image-1099\" title=\"metropolis3\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis3.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis3.jpg 250w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis3-138x200.jpg 138w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis3-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1099\" class=\"wp-caption-text\">Brigitte Helm, in bekanntem Zustand<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #000000;\">So nannte man das Event tats\u00e4chlich. Die zweite Welturauff\u00fchrung. Man mag diesen Unsinn verschmerzen. METROPOLIS, der gro\u00dfe, deutsche Science-Fiction-Film von Fritz Lang aus dem Jahre 1927, wurde in seiner restaurierten, urspr\u00fcnglichen Fassung der Welt pr\u00e4sentiert. Wieder einmal. Urspr\u00fcngliche Fassung? Nun, auch nur zum Teil. Historiker und Restauratoren sch\u00e4tzen, dass jetzt nur noch 8 Minuten zur eigentlichen Urfassung fehlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die 60te Berlinale scheint der perfekte Premieren-Hintergrund. Dort gab es schon die Feier zu METROPOLIS\u2018 digitaler Restaurierung von 2001. Da sprach man noch vom ewigen Torso. Jetzt, am 12. Februar 2010, 2000 geladene G\u00e4ste im Friedrichstadtpalast, die Alte Oper in Frankfurt ist ebenfalls zugeschalten, auch nur geladene G\u00e4ste. Der Filmfan darf bei Minusgraden das Public Viewing vorm Brandenburger Tor genie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Im Film METROPOLIS d\u00fcrfen sich im \u201aKlub der S\u00f6hne\u2019 die verw\u00f6hnten S\u00f6hne der herrschenden Oberschicht am\u00fcsieren, w\u00e4hrend diejenigen, welche die Stadt am Leben erhalten, noch nicht einmal das Tageslicht zu sehen bekommen. Eine wundersch\u00f6ne Parallele zu dem Ereignis am 12. Februar in Berlin, das man auch live auf ARTE mitverfolgen konnte. Politiker halten Ansprachen, begr\u00fc\u00dfen sich gegenseitig, erw\u00e4hnen ihr eigenes, nobles Handeln. Der, f\u00fcr den Filmgeschichte wirklich etwas bedeutet, bleibt au\u00dfen vor. Selbst die in der Alten Oper anwesende Paula Felix-Didier des Filmmuseums Buenos Aires findet nur nebens\u00e4chliche Erw\u00e4hnung. Sie hat mit ihrem Ex-Mann das lange verschollene, fehlende Material zu METROPOLIS in ihrem Archiv wiederentdeckt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nach der ARTE-Premiere gab es noch eine Dokumentation von Artem Demenok, die allerdings nichts erz\u00e4hlte, was im Folgenden und in diversen Zeitungsartikel nicht schon erz\u00e4hlt worden w\u00e4re. Keine neuen Informationen, keine Erkenntnisse, selbst Spekulationen bleiben drau\u00dfen. \u00dcber den Prozess, das neu gefundene Material zu rekonstruieren, erf\u00e4hrt man noch viel weniger.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Einfluss von METROPOLIS auf die Entwicklung im Film und in der Filmgeschichte selbst bleibt immens. Auch wenn sich sein Regisseur selbst von der zweifelhaften Aussage der Handlung lange Zeit distanziert hat. \u201eAls ich Metropolis fertig hatte, mochte ich Metropolis \u00fcberhaupt nicht. Ich fand, dass manche Sachen zu einfach gemacht waren\u201c, so Fritz Lang in einem Interview 1971.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Andrews Zwischenruf:<\/span><\/strong><span style=\"color: #800000;\"> Dass der Mittler zwischen Hirn und Hand, also zwischen der F\u00fchrungsschicht und den Arbeitern, das Herz sei, hielt Fritz Lang im Nachhinein f\u00fcr albern und dumm. Aber Fritz Lang redete gerne und viel, und gerne mal was ihm gerade in den Sinn kam. Das vorgebliche Versagen in der Handlung sprach er seiner Ex-Frau und verantwortlichen Drehbuchautorin Thea von Harbou zu. Eigentlich nicht die feine Art, aber von Harbou entwickelte sich zur gl\u00fchenden Nazi-Dame, und das gefiel dem Regisseur nicht wirklich.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der teuerste deutsche Film bis dato wurde im Premierenjahr 1927 ein gewaltiger Flop. Trotz noch nie zuvor gesehener Szenen dank epochaler Tricksequenzen, war das Publikum nicht f\u00fcr METROPOLIS zu begeistern. Vierzig Kopien waren im Umlauf, manche davon wurden verkauft, der Rest vernichtet. Ein Jahr zuvor hatten die Amerikaner bereits ein Kameranegativ erhalten und eine eigene, k\u00fcrzere und von der Handlung anders gestaltete Version erstellt. Daran orientierte sich die dann auch in Deutschland neu geschnittene Fassung, die ein halbes Jahr nach der Premiere erneut ins Kino kam. Das Publikum konnte sich allerdings auch daran nicht erw\u00e4rmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nun war es damals so, und \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg die Regel, dass man Rohmaterial grunds\u00e4tzlich vernichtete, wenn die fertige Filmfassung erstellt war. Grunds\u00e4tzlich war das Lagern von Material wegen des sehr leicht entz\u00fcndlichen Nitrofilms auch viel zu gef\u00e4hrlich. Gerade in den ersten beiden Jahrzehnten des Kinos war es dadurch auch \u00fcblich, sogar abgespielte Filmkopien zu vernichten. Einen geschichtlichen Wert von Filmen sah zu dieser Zeit wirklich niemand. Es war also kein Schlag gegen die Filmkunst, sondern normaler Ablauf, dass auch die aus METROPOLIS geschnittenen Sequenzen irgendwann in den Abfall wanderten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Ein argentinischer Verleiher hatte sogleich am Premierenabend zugeschlagen und eine urspr\u00fcngliche Kopie erstanden. Man wei\u00df, dass diese Kopie nicht exakt der Premierenfassung entspricht, ihr aber sehr \u00e4hnlich ist. Diese Kopie wanderte vom Verleiher in eine Privatsammlung und von dort in eine Kunstsammlung. In all den Stationen ihrer verschiedenen Besitzer wurde diese eine Kopie gerne und oft gezeigt. Und auch entsprechend behandelt. Staub, Schmutz und Kratzer. Alles, was eine gute Filmkopie \u00fcber sich ergehen lassen muss. \u00dcber Jahrzehnte hinweg.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #800000;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Andrews Zwischenruf:<\/span><\/strong> Es ist schon ein Wahnsinn. \u00dcber Monate wird gedreht, der aufwendigste Film der UFA entsteht, die UFA-Verantwortlichen genehmigen Fritz Lang eine Aufstockung des Budgets nach der anderen, Millionen Reichsmark flie\u00dfen, hunderte Menschen schinden sich, geben ihr Bestes, ein ausgekl\u00fcgelter Film entsteht &#8230; \u2013 und dann sehen ihn gerade mal 15.000 Menschen w\u00e4hrend weniger Monate Anfang 1927. Kurz darauf bekommt ein B\u00fchnenautor in Amerika den Film in die H\u00e4nde, ein Mann, der nichts, aber auch gar nichts mit dem Entstehen zu tun hat, keinen Menschen in dem fernen Deutschland gesprochen hat, nicht um ihre Absichten wei\u00df, keinen Tropfen Schwei\u00df f\u00fcr die Dreharbeiten verschwendet hat und sich trotzdem anma\u00dft, Urteil zu f\u00e4llen \u00fcber diesen Film. Und dieser Mensch zerst\u00fcckelt den Film, schreibt nach eigenem Gutd\u00fcnken um, wirft Szenen \u00fcber Bord und entscheidet, was von diesem bedeutenden Film \u00fcbrig bleibt. Was ihm nicht in den Kram passt, sehen fortan nur noch ein paar Menschen in Argentinien, das war es dann schon. Bis 2010.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Filmhistoriker und -archivare versuchten in unterschiedlichen Epochen immer wieder, das filmarchitektonische Meisterwerk in seiner G\u00e4nze herzustellen. Oder zumindest den urspr\u00fcnglichen Handlungsablauf zu rekonstruieren. Selbst politisch sich differenziert gegen\u00fcberstehende L\u00e4nder spielten sich \u00fcber ihre Archive Material zu und tauschten flei\u00dfig Material und Informationen. Dabei machte man eine sehr ungew\u00f6hnliche Entdeckung. Die Entdeckung der Katze.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Man lie\u00df Fassungen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern zeitgleich ablaufen, in der Hoffnung auf der einen Kopie eine Szene zu entdecken, die in der anderen nicht vorhanden war. Stattdessen fand man in einer Szene eine durchs Bild wandernde Katze, die in ein und derselben Sequenz auf der anderen Kopie nicht vorhanden war. Die Katze machte darauf aufmerksam, dass bei verschiedenen Negativen verschiedene Takes derselben Einstellung benutzt wurden. Dann erkannte man, dass sich bei diesen unterschiedlichen Negativen auch die Szenenfolgen variierten, die Szenenl\u00e4ngen aber stets gleich waren. Der Grund war einfach, man hatte das Rohmaterial nicht kopiert, sondern aus dem sogenannten Kameranegativ gleich drei komplette Fassungen geschnitzt. Da von jeder Szene mehrere Takes gemacht wurden und teilweise mit mehreren Kameras gleichzeitig gedreht wurde, war genug Material vorhanden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In Buenos Aires indessen war die vollst\u00e4ndige Premierenfassung bis zum Erbrechen abgespielt worden. \u00dcber die Jahre hinweg war sich aber keiner mehr dar\u00fcber bewusst, was f\u00fcr eine Fassung da eigentlich gezeigt wurde. Man war sehr gro\u00dfz\u00fcgig, ob Verleiher oder Privatbesitzer, man zeigte den Film, wenn gew\u00fcnscht. Und er wurde ohne jede Sorgfaltspflicht behandelt. Total verkratzt und verdreckt wurde der Film im Archiv gelagert, bis Mitte der Sechziger das Filmmuseum in Buenos Aires alles an gef\u00e4hrlichem Nitrofilm loswerden musste. Das komplette Archiv mit 35mm-Filmen wurde, ohne die einzelnen Filme vorher zu reinigen, auf 16mm Negativfilm umkopiert. Das reduzierte nicht nur die Bildaufl\u00f6sung um ein Viertel, sondern s\u00e4mtliche Schmutz- und Gebrauchsspuren wurden mitkopiert. METROPOLIS war bei dieser \u201aRettungsaktion\u2018 auch vertreten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"> <\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_1101\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a rel=\"attachment wp-att-1101\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/kino-essays\/metropolis-ufa\/metropolis1\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1101\" class=\"size-full wp-image-1101\" title=\"metropolis1\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"364\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1101\" class=\"wp-caption-text\">Brigitte Helm, selten so gesehen<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Zwischenzeitlich fand man auch die Original-Partitur der Filmmusik wieder, wie sie bei der Premiere gespielt wurde. F\u00fcr die Restauratoren bot das ganz wichtige Anhaltspunkte \u00fcber die richtige L\u00e4nge einzelner Szenen, die Szenenfolgen an sich und den Handlungsverlauf. Gottfried Huppertz\u2018 Musik war nicht einfach nur, wie zu dieser Zeit \u00fcblich, begleitend, sondern ist eine melodische Tonkollage, welche die stummen Worte und ausladenden Gesten instrumentiert, unterst\u00fctzt und auch eine zweite Handlungsebene er\u00f6ffnet. Zudem war auf den Notenbl\u00e4ttern an 1.028 Stellen vermerkt, was gerade auf der Leinwand zu sehen war. Irgendwann kam dann noch eine Sammlung in einem Schweizer Filmarchiv dazu, die unz\u00e4hlige Standfotos und Ablichtungen von den Dreharbeiten beinhaltete. In einem anderen Teil der Welt fand man die Zensurkarte der Premierenfassung, die noch ein wenig detaillierter die Szenenabfolge beschrieb.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Es entstand 2001 eine komplett digital bearbeitete Fassung auf Grundlage drei unterschiedlicher, aber qualitativ bestm\u00f6glichen Kopien. Soweit mit Zensurkarte und Original-Partitur rekonstruierbar, wurde der Film wieder in die Original-Szenenfolge geschnitten und die zirka 30 fehlenden Minuten mit Hilfe der Schweizer Stand- und Arbeitsfotos erl\u00e4utert. Die Fassung dauert 118 Minuten, wurde \u201aewiger Torso\u2018 benannt, begeisterte die Filmwelt, feierte auf der Berlinale Premiere und wurde Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Dann kamen die Argentinier und bel\u00e4stigten Martin K\u00f6rper mit Unterst\u00fctzung der Zeitung \u201eDie Zeit\u201c so lange mit ihrer 16mm Kopie, bis er klein beigab und sich das Material ansah. Martin K\u00f6rper hatte schon 1988 als Restaurator mit METROPOLIS zu tun und zeichnete sich auch verantwortlich f\u00fcr das Weltdokumentenerbe, das 2001 entstanden war. Aber von 16mm wollte er nichts wissen. Das w\u00e4re erstens qualitativ viel zu schlechtes Material, und warum sollte zweitens ausgerechnet aus Buenos Aires die gro\u00dfe Offenbarung kommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das war 2008. Und 2010 feierte METROPOLIS die zweite Welturauff\u00fchrung. Es ist nicht zu recherchieren, ob mit der Ver\u00f6ffentlichung des digitalen Triumphes 2001 \u00e4hnliche Plattit\u00fcden freigesetzt wurden. 2010 allerdings wirken sie m\u00e4chtig \u00fcbertrieben. Zweifellos gibt diese urspr\u00fcnglichste aller bisherigen Fassungen nun einen fantastischen Einblick auf den Aufbau und Ablauf der lange Zeit ungewissen Handlung. F\u00fcr einen unbeschwerten Filmgenuss ist das eingef\u00fcgte Material aus Argentinien allerdings nicht geeignet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Schadensanteil der fehlenden 25 Minuten ist weit gr\u00f6\u00dfer gewesen als das, was vom eigentlichen Bild \u00fcbrig geblieben war. Eine harte Nuss, welche die Computer nicht \u00fcberzeugend knacken konnten. Die Restauratoren entschieden sich nach eigenen Aussagen dazu, die weiterhin stark sichtbaren Zerst\u00f6rungen als Dokument des Alters und des Verfalls geltend zu machen, der ebenso Bestandteil der Geschichte METROPOLIS\u2018 sei.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #800000;\"><strong><span style=\"color: #000000;\">Andrews Zwischenruf:<\/span><\/strong> Man hat speziell eine Software entwickelt und versucht, zu verbessern. Sie liest Pixel f\u00fcr Pixel und vergleicht deren Grauwerte \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum. \u00c4ndert er sich einmal nur kurzfristig, wird er als Schaden erkannt und ausgebessert. Das funktioniert umso schlechter, je zahlreicher und kleiner die Details auf dem Bild sind und je schneller die Bewegungen. Dann k\u00f6nnten zu viele Details f\u00e4lschlich als Fehler erkannt werden, die Empfindlichkeit muss also herabgesetzt werden, es bleiben mehr Sch\u00e4den im Bild. Es stand fr\u00fchzeitig fest, dass der Film zur Berlinale 2010 gezeigt werden soll. An einem bestimmten Punkt musste man daher aufh\u00f6ren, die Software zu verbessern, und mit dem Rechnen anfangen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Wechsel vom glasklar aufbereiteten Bild der 2001-Fassung zu dem restaurierten 16mm-Material ist alles andere als leicht zu verschmerzen. Oftmals sind es nur Sekunden-Einstellungen, die mit ihren Streifen, Kratzern und \u00fcberlichteten Stellen das optisch perfektere Bild unterbrechen. St\u00e4ndig wird man ob der wechselnden Qualit\u00e4t aus dem Fluss des Filmes gerissen. Ein Fluss, der sowieso schwer zu halten ist, weil Fritz Lang allgemein seine Szenen immer sehr ausufernd erz\u00e4hlte. Einiges der f\u00fcnfundzwanzig neuen Minuten ist weniger erkl\u00e4rendes, als vielmehr F\u00fcllmaterial. Was man sofort in den Kontext des F\u00fcllmaterials bringt, weil man es ja anhand der Qualit\u00e4t sofort zuordnen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Nat\u00fcrlich gibt es dann die l\u00e4ngeren Passagen, die einen v\u00f6llig neuen Handlungsverlauf offenbaren. Sehr wichtige und interessante Szenen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #800000;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Andrews Zwischenruf:<\/strong><\/span> In der Tat: Es ist zwar schnell ersichtlich, dass man diese Szenen urspr\u00fcnglich in Amerika geschnitten hatte, weil sich durch Auslassen der Nebenhandlung leicht die Filml\u00e4nge reduzieren l\u00e4sst. Einiges war regelrecht zensiert. So der Mord unter zwei Nebenbuhlern im Yoshiwara oder der \u00dcberlebenskampf der Kinder. Am wichtigsten sind die legend\u00e4ren Szenen mit der Hel, das Objekt der Begierde des Wissenschaftlers und des Firmenchefs, die die Feindschaft der beiden erst ausgel\u00f6st hat. S\u00e4mtliche geschnittenen Szenen, so sie nicht nur aus ein paar Sekunden bestehen, gew\u00e4hren einen interessanten Einblick in die Historie der Rekonstruktion und die Gedanken des einstmaligen Verst\u00fcmmelers, der diese Verst\u00fcmmelung f\u00fcr den interessantesten Job seines Lebens hielt. Welche Ironie, dass so viele Menschen danach bestrebt waren, eben jenen Job wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, dadurch seinen Namen aber umso mehr verewigten: Channing Pollock.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Doch insgeheim w\u00fcnscht man sich dann doch einen schnellstm\u00f6glichen Wechsel zum sauber und perfekt digital restaurierten Material. Solche Gedanken sind der kunsthistorischen Bedeutung des urspr\u00fcnglichen Films \u00fcberhaupt nicht zutr\u00e4glich. Doch ein Film wie METROPOLIS kann in dieser Form keine Akzeptanz bei einem Publikum finden, das man vom Wert solcher Werke \u00fcberzeugen sollte. Diese, immerhin auch noch nicht wirklich vollst\u00e4ndige Fassung, ist lediglich ein St\u00fcck Geschichte, dass sich elit\u00e4r f\u00fchlende Historiker und Cineasten mit geschwellter Brust einzuverleiben bem\u00fchen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Selbstredend war die verkl\u00e4pperte Disco-Fassung von Giorgio Moroder 1984 jedem Kunstverst\u00e4ndigen mit Selbstachtung ein qu\u00e4lender Dorn im Auge. Doch hat es der damaligen Generation METROPOLIS als Kunstform und seine architektonische Bedeutung f\u00fcr die Filmgeschichte sehr nahe gebracht. N\u00e4her, als jede anderweitige restaurierte Fassung. Das David-Fincher-Video zu Madonnas \u201aExpress Yourself\u2018 geht komplett in der von Fritz Lang erschaffenen \u00c4sthetik auf. Und Fincher l\u00e4sst sogar die ber\u00fcchtigte Katze als verbindendes Element einflie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Metropolis METROPOLIS in seiner urspr\u00fcnglichsten Form sehen zu k\u00f6nnen, war nat\u00fcrlich ein sehr interessantes, doch eher analytisches Vergn\u00fcgen. Ein Sich-fallen-lassen war durch die Umst\u00e4nde allerdings nicht gegeben, so wie es die 2001-Fassung noch vermochte. Dass der Erhalt des Materials unheimlich wichtig und bedeutend ist, muss unbestritten bleiben. Filmgenuss als solcher definiert sich allerdings anders. Es ist eben kein bl\u00f6des Wortspiel, wenn man behauptet, dass man \u00fcber die zwei unterschiedlichen Qualit\u00e4ten des Materials nicht \u201ahinwegsehen\u2018 kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Und noch ein Gedanke, der weder im Rahmen des Events oder des begleitenden Materials zu finden ist: Wie setzte sich Fritz Lang mit den K\u00fcrzungen und umgeschnittenen Versionen auseinander? Man m\u00f6ge sich vorstellen, da er sich mit der Aussage seiner eigenen Fassung sowieso unzufrieden zeigte, dass er der ver\u00e4nderten Handlung der amerikanischen Verleih-Version den Vorzug gab. Jede weitere Rekonstruktion der Premierenfassung w\u00fcrde ja dem Gedanken des Regisseurs zuwider laufen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a rel=\"attachment wp-att-1100\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/kino-essays\/metropolis-ufa\/metropolis2\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1100\" title=\"metropolis2\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis2.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"677\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis2.jpg 500w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis2-147x200.jpg 147w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/metropolis2-221x300.jpg 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a>Man stelle sich weiterhin vor, in achtzig Jahren beginnen Filmhistoriker die urspr\u00fcngliche Kinofassung von Ridley Scotts ALIEN wieder herstellen. Als Cent-Fox 2003 Scott um einen \u201aDirectors Cut\u2018 bat, war der Film am Ende eine Minute k\u00fcrzer. Zwar hatte er vier zus\u00e4tzliche Minuten Handlung hineingeschnitten, an anderen Stellen allerdings f\u00fcnf Minuten gek\u00fcrzt. Eine Minute k\u00fcrzer als die urspr\u00fcngliche Kinofassung, allerdings ganz im Sinne des Erfinders, sprich des Regisseurs. Und dann bem\u00fcht man sich achtzig Jahre sp\u00e4ter\u2026 Es w\u00e4re ein blamables Unterfangen. Aber dies nur als spekulatives Gedankenspiel.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #800000;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Andrews letzte Worte:<\/strong><\/span> Wiederauferstehung einer Legende. Quotenerfolg f\u00fcr ARTE, zwei gef\u00fcllte Kinos in Berlin und Frankfurt, Public Viewing vor dem Brandenburger Tor; schon jetzt hat man die Zuschauerzahl von 1927 \u00fcbertroffen. Die filmische Qualit\u00e4t von damals, die Unversehrtheit wird man nie mehr erreichen. Aber der Film hat es dennoch \u00fcberlebt. Es hat noch einmal Millionen gekostet \u00fcber die Jahre hinweg, die Intentionen der Kreativen wiederherzustellen, aber Metropolis lebt. Und ist sogar im Weltdokumentenerbe gelandet. Welch ein Erfolg. Fritz Lang und Thea Harbouch k\u00f6nnen doch stolz sein. Sie leben schon lange nicht mehr. An ihrer Stelle schm\u00fccken sich Politiker mit ihren Lorbeeren und offenbaren in ihren Reden, wie wenig sie wirklich verstanden haben. Nein, wenn Metropolis weiterlebt, dann in den Zuschauern, die er auch in kommenden Generationen erreichen wird. Der Triumph des Herzens \u00fcber Hirn und Hand.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">METROPOLIS hat also wieder einmal eine Weltpremiere hinter sich. Gesehen und zur Kenntnis genommen. Nur ein bisschen gefreut. Aber vielleicht tauchen ja w\u00e4hrend einer Anti-Terror-Aktion im Hindukusch sechs mysteri\u00f6se Filmdosen auf, in denen man die fehlenden acht Minuten von METROPOLIS findet. Oder vielleicht sogar unbeschadet, die letzte der vierzig, eigentlich vernichtet gedachten Kopien der Premierenfassung. Vielleicht kann man dann in ein paar Jahren eine noch urspr\u00fcnglichere Fassung feiern. Dann werden wieder Staatsminister geladen. Menschen mit Beziehungen d\u00fcrfen den Kinosaal bev\u00f6lkern. Falsche Reden hallen durch die Kulturwelt. Sensationen werden heraufbeschworen. Gegenseitiges Klopfen auf die Schulter. W\u00e4hrend Entdecker und Restauratoren mit den wirklichen Filmfreaks bei Minusgraden am Brandenburger Tor stehen d\u00fcrfen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag entstand im Februar 2010 nach der Premiere von METROPOLIS Die Zwischenrufe von Andreas wurden nach heftigen und konstruktiven Diskussionen eingef\u00fcgt. So nannte man das Event tats\u00e4chlich. Die zweite Welturauff\u00fchrung. Man mag diesen Unsinn verschmerzen. 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