{"id":1167,"date":"2011-06-14T21:25:13","date_gmt":"2011-06-14T20:25:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?page_id=1167"},"modified":"2011-12-27T13:16:04","modified_gmt":"2011-12-27T12:16:04","slug":"digitale-revolution","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/kino-essays\/digitale-revolution\/","title":{"rendered":"Digitale Revolution"},"content":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zur Jahrtausendwende verk\u00fcndete der   Regisseur und Produzent George Lucas den Beginn der digitalen Revolution.   Sein seit den Anf\u00e4ngen wegbegleitender Freund Walter Murch, vielfach   ausgezeichneter Cutter und Sounddesigner, tat es ihm sogar eine Spur   enthusiastischer nach. Kein Mikrofon, das nicht die lobpreisenden Worte des   digitalen Umsturzes auffing.<\/p>\n<p>In der Encyclopedia Britannica steht bei Revolution unter anderem: \u201eDer Terminus wird sinngem\u00e4\u00df auch in Ausdr\u00fccken wie der Industriellen Revolution verwendet, wo er sich auf einen radikalen und grundlegenden Wandel in \u00f6konomischen Beziehungen und technologischen Gegebenheiten bezieht.\u201c<\/p>\n<p>Da haben Lucas und Murch nicht \u00fcbertrieben, k\u00f6nnte man wenigstens glauben.<\/p>\n<p>Das kleine Kino um die Ecke hat nun auch dicht gemacht. Da ging man noch hin, wenn man was auf sich hielt, wenn man wirklich etwas von Kinoflair sp\u00fcren wollte. Das gro\u00dfe Kino um die Ecke gibt es noch, eines der \u00e4ltesten in der Stadt. Noch die alten Wandteppiche, die schon leicht riechen, nicht zu vergessen die historisch anmutenden Holzsitze mit Schaumstoff und Kunstlederbezug. Dieses \u00e4chzende Quietschen des Seilzuges, wenn sich der Vorhang \u00f6ffnet. Das Nachstellen von Bildstand und Sch\u00e4rfe, wenn das erste Bild auf die Leinwand f\u00e4llt. Wahre Kino-Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>Keine von Popcorn verschmierte Sitzreihen und auch kein st\u00f6rendes Publikum, wie in den \u00fcberf\u00fcllten, umtriebigen Abspielst\u00e4tten des Multiplex. Hier um die Ecke, da rattert noch die alte Ernemann. In leisen Sequenzen h\u00f6rt man sie aus dem Vorf\u00fchrraum in den Saal. Die Xenon-Lampe m\u00fcsste erneuert werden, das Bild ist schon einen Hauch zu dunkel. Aber das Bild ist auch ein bisschen milchig, der Spiegel im Lampenhaus sollte mal gereinigt werden. Daf\u00fcr knallt es ordentlich, wenn von der Pausenmusik auf Filmton umgeschaltet wird.<\/p>\n<p>Alte Kinos haben ein erstaunliches Flair. Sie bestechen tats\u00e4chlich noch durch \u00c4sthetik statt durch Funktionalit\u00e4t. Ein bisschen Prunk, ein Hauch Historie, das Gef\u00fchl, dass hier Gro\u00dfes stattgefunden hat. Sie sind sch\u00f6n anzuschauen, und sie laden zum Tr\u00e4umen ein. Und diese alten S\u00e4le werfen die berechtigte Frage auf, warum es heute nicht genauso sein kann. Vielleicht, weil es w\u00e4hrend 99 Prozent unseres Aufenthaltes an diesem Ort sowieso dunkel ist.<\/p>\n<p>Aber haltet ein, ihr dunklen Gedanken. Da, eine 40.000-Einwohner-Stadt. Der hoffnungslose Fall eines einzigen, nur 125 Menschen fassenden Saales. Der filmverr\u00fcckte Privatmann investiert m\u00fchsam angesparte 80.000 Euro f\u00fcr eine komplett digitale Technik. Die Filmauswahl ist entsprechend gering, aber das Publikum dankbar \u2013 und zahlreich.<\/p>\n<p>Vereinzelt gibt es nat\u00fcrlich diese ehemaligen Pal\u00e4ste und Schachtelkinos aus den F\u00fcnfzigern und Siebzigern, die sich den technologischen Gegebenheiten angepasst haben. Doch selten sind sie, und meistens reichte der Umbau-Etat auch nicht f\u00fcr den Komfort. Zum glasklaren Bild und wuchtigen Ton gibt es Schwielen am Hintern und Nackensteife. Der Rest der geschichtsreichen Kinos d\u00fcmpelt mit schwedischen Kunstfilmen und deutschem Underground dahin, bis die Pacht nicht mehr bezahlt werden kann.<\/p>\n<p>Ohne Zweifel spricht sehr viel f\u00fcr den nostalgischen Charme dieser Lichtspielh\u00e4user. Doch die Frage muss erlaubt sein, ob sie auch noch die existenzielle Begr\u00fcndung ihres Daseins erf\u00fcllen. Liebhaber der alten Zeit, verkl\u00e4rte Nostalgiker, Verfechter kultureller Besonderheit. Sie erf\u00fcllen sich selbst eine sehr noble Absicht. Der Erhalt von\u2026, ja, von was eigentlich? Wohin f\u00fchren diese noblen Absichten bei ihnen selbst?<\/p>\n<p>Der Soziologe und Filmhistoriker John Belton nannte den Wandel zum Digitalen eine Scheinrevolution. In einem 14-seitigen Essay zum Umsturz in der Kinolandschaft meint er: \u201eJedenfalls in ihrer heutigen Form ver\u00e4ndert die digitale Projektion unsere Erfahrung im Kino in keiner Weise und ist nicht mit der \u00dcberw\u00e4ltigung eines Publikums zu vergleichen, das erstmals Ton, Farbe, Breitwand oder Stereoton erlebte.\u201c Und er bringt es auf den Punkt mit den Worten, \u201edie digitale Projektion vermittelt keine neue Erfahrung.\u201c Was auf den ersten Blick sofort bestritten werden m\u00fcsste, relativiert sich im zweiten Gedankengang.<\/p>\n<p>STAR WARS war 1977 der erste Blockbuster, der Computergraphiken verwendete, die in der Gigantomanie des Gesamtkunstwerkes nicht die Welt aus den Angeln hoben. TRON von 1982 wird noch heute die offizielle Anerkennung als bahnbrechendes Filmwerk verweigert, weil er seinerzeit so weit voraus war, dass ihn niemand verstand. Mit der Einf\u00fchrung des digitalen Tons Anfang der Neunziger gab es mehr Sorgen um den Standard als Begeisterung um die Klangqualit\u00e4t. SDDS, Dolby und DTS wollten sich in unnachgiebigen Schlachten Vormachtstellungen sichern, welche die Kinobetreiber nicht bereit waren mitzutragen. Zelluloid-Kopien schleppen noch heute vier verschiedene Tonsystem-Spuren auf dem Filmstreifen, inklusive des alten Lichttons.<\/p>\n<p>Der Wechsel vom Analogschnitt zu Vertretern wie heute AVID oder Final Cut verl\u00e4uft seit Jahren schleichend und unbemerkt, und ist zudem noch nicht wirklich abgeschlossen. Digitale Aufzeichnung ist auch seit Mitte der Neunziger schon handels\u00fcblich. Mit der Entwicklung von Kameras, die digital 24 Vollbilder aufnehmen, wurde das Format auch kinotauglich. Zum Jahrtausendwechsel konkurrierten CineComms JVC-Projektor und Texas Instruments DLP-Projektor mit STAR WARS \u2013 EPISODE 1 um den Standard zur digitalen Projektion. JVC wird dabei soweit in die Schranken gewiesen, dass die Industrie noch weitere f\u00fcnf Jahre braucht, um neben Texas Instruments mit einem konkurrenzf\u00e4higen Projektor den Abschluss zur Einleitung ins digitale Zeitalter feiern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>2002 entstand mit STAR WARS \u2013 EPISODE 2 der erste Blockbuster, der in allen Bereichen von Produktion, Nachbearbeitung und Vorf\u00fchrung digital war. George Lucas hatte sich somit einen Traum erf\u00fcllt und die digitale Revolution ausgerufen, welche allerdings schon sehr lange vor seinen salbungsvollen Worten vor sich hin brodelte und zu diesem Zeitpunkt nach lange nicht abgeschlossen ist. Sein Freund und Mentor Francis Coppola sah in dieser schleichenden Entwicklung ganz andere Chancen und rief alle aufstrebenden, aber mittellosen Filmemacher auf, die digitale Technik f\u00fcr die Erf\u00fcllung ihrer Tr\u00e4ume zu nutzen.<\/p>\n<p>Der digitale Wandel hatte wirklich in den Haushalten schneller stattgefunden als in der daf\u00fcr eigentlich angedachten Industrie. Mini-DV und Schnittprogramme auf PC waren zu Hause schneller verbreitet und genutzt, als Hollywood f\u00fcr die eigenen Annehmlichkeiten nachziehen konnte. Schnell ergab sich daraus eine Alternativszene zu JURASSIC PARK &amp; Co. Nicht als Gegenbewegung gedacht, sondern als bezahlbares Instrument f\u00fcr die Umsetzung vision\u00e4rer Kunstkinomacher, verlief die Entwicklung \u201eDigital\u201c mit einem Mal links und rechts des traditionellen Filmemachens mit mechanischen Kameras und greifbarem Material.<\/p>\n<p>Wackelfreier Bildstand, flickerfreies Sehen und eine kratzerlose Vorf\u00fchrungen haben durchaus sehr bestechende Vorteile. Der Ton muss zudem nicht mehr auf den Filmstreifen gequetscht werden, sondern wird unkomprimiert von der Festplatte abgespielt, was ann\u00e4hernd der Qualit\u00e4t entspricht, die der Toningenieur auch bei der Endmischung im Studio h\u00f6rt. Digital ist eine feine Sache, die enorme Vorz\u00fcge gebracht hat, f\u00fcr den Anwender wie f\u00fcr den Konsumenten. Aber der Ausdruck \u201erevolution\u00e4r\u201c bleibt dabei wirklich relativ.<\/p>\n<p>Durch die unregelm\u00e4\u00dfige Silberk\u00f6rnung von Filmmaterial kann man die Bildaufl\u00f6sung kaum mit der eines digital erstellten Bildes gleichstellen. Stellt man diese aber ins Verh\u00e4ltnis, spricht man von einer drei- bis sechsmal h\u00f6heren Bildaufl\u00f6sung eines 70mm-Films zum bisherigen digitalen Projektions-Standard von 2048 mal 932 Pixel Aufl\u00f6sung im selben Bildformat. Die Angaben schwanken ja nach Quelle. Und auch wenn digitaler Ton die Eigenschaft haben kann, rauschfrei und klar sein, wird er nicht das nat\u00fcrliche Klangvolumen von sechs Magnettonspuren auf einem 70mm-Film erreichen.<\/p>\n<p>Zumindest der physische Vergleich l\u00e4sst digitales Kino gar nicht so vorteilhaft erscheinen. Das propagieren auch jederzeit die Puristen. Aber Digital hat in seiner Begrifflichkeit auch die Eigenschaft, f\u00fcr den Konsumenten als makellos zu gelten. Au\u00dferdem bedeutet Digital Fortschritt, und das Publikum dr\u00e4ngt auf Fortschritt. Doch welche Argumente auch immer gegen Digital ins Felde gef\u00fchrt werden m\u00f6chten, sie verlieren an Bedeutung. Die Entwicklung ist evolution\u00e4r gesehen lange nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p>Von der Rentabilit\u00e4t einmal ganz zu schweigen. In Zeiten von Massenstarts und Day-and-Date-Ver\u00f6ffentlichungen, die den Filmstart zeitgleich in vielen L\u00e4ndern rund um den Globus ansetzen, kann sich die Industrie die Menge an Kopien gar nicht mehr leisten, weil die Firmenkonglomerate, welche die Filmstudios leiten, das finanziell nicht tragen w\u00fcrden. Die Menge an zu bespielenden Leinw\u00e4nden ist mit Zelluloid-Kopien auf Dauer technisch nicht zu bew\u00e4ltigen. K\u00fcnstlerisch entscheidend ist zudem der uniforme Standard. Abgesehen von der Synchronisation in einigen L\u00e4ndern kann man weltweit dieselbe, zertifizierte Bild- und Tonqualit\u00e4t genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Stellet man das digitale \u00c4quivalent der traditionellen 35mm-Kopie von STAR WARS von `77 gegen\u00fcber, kann Digital dem Zelluloid niemals das visuelle Wasser reichen kann, stellt es doch die optischen wie akustischen Anspr\u00fcche des Zuschauers zufrieden. Wohingegen Mini-DV-Material oder ein grobk\u00f6rniger 16mm-Umkehrfilm durch Bearbeitung und Projektion auf digitaler Ebene sehr viel gewinnt.<\/p>\n<p>Bild und Ton, wie es der Filmemacher gedacht hat. Nicht nur die Michael Bays einer \u00fcberfrachteten\u00a0 Effekte-Welt, sondern auch die Von Triers und Hanekes aus der kuscheligen Nische des Programmkinos. Selbst der bleichgesichtigste Nischenfilmer stellt einen gewissen Anspruch an sich und somit an sein Werk. Der Filmemacher hat eine audiovisuelle Vorstellung, die er versucht umzusetzen. Man sollte diese angedachte Vision auch so genie\u00dfen, wie es der Macher dem vermeintlichen Publikum nahebringen wollte<\/p>\n<p>Wer nicht davon ablassen kann, das Sterben der alten, traditionellen Kinos hinauszuz\u00f6gern, dem mag dies geg\u00f6nnt sein. Ja, denn es hat etwas. Dieser stark \u00f6lige Geruch aus dem Vorf\u00fchrraum, das unsaubere Bild und diese Atmosph\u00e4re, dass hier schon so einiges stattgefunden hat. Das alles hat etwas, das muss unbestritten bleiben. Aber man muss sich von der irrealen Vorstellung l\u00f6sen, dass es sich dabei um das einzig wahre Kino im kunsthistorischen Sinne handelt.<\/p>\n<p>Der erste Satz in der Encyclopedia Britannica unter dem Begriff Revolution lautet: \u201eIn der sozialen und politischen Wissenschaft eine gro\u00dfe, pl\u00f6tzliche, und folglich typisch brachiale Ver\u00e4nderung in der Regierung und ihren angeschlossenen Verb\u00e4nde und deren Strukturen.\u201c Also, im \u00fcbertragenen Sinne, k\u00f6nnte man Lucas und Murch vielleicht sogar ihren Hurra-Schreien zustimmen. Und man muss gleichzeitig den Filmhistoriker John Belton hinterfragen k\u00f6nne, ob digitales Kino nicht doch neue Erfahrungen vermitteln kann.<\/p>\n<p>Die digitale Revolution war keine pl\u00f6tzliche und auch nicht brachial in ihren Ver\u00e4nderungen. Aber auf der anderen Seite hat digitales Kino durchaus neue Erfahrungen vermitteln k\u00f6nnen. Der Filmriss ist zumindest verschwunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zur Jahrtausendwende verk\u00fcndete der Regisseur und Produzent George Lucas den Beginn der digitalen Revolution. Sein seit den Anf\u00e4ngen wegbegleitender Freund Walter Murch, vielfach ausgezeichneter Cutter und Sounddesigner, tat es ihm sogar eine Spur enthusiastischer nach. 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