{"id":1814,"date":"2011-10-25T15:59:38","date_gmt":"2011-10-25T14:59:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?p=1814"},"modified":"2011-10-25T17:46:29","modified_gmt":"2011-10-25T16:46:29","slug":"contagion-steven-soderbergh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/contagion-steven-soderbergh\/","title":{"rendered":"CONTAGION ist ansteckend"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px;\"><a rel=\"attachment wp-att-1815\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/contagion-steven-soderbergh\/contagion-1\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1815\" title=\"Contagion-1\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-1.jpg 300w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-1-135x200.jpg 135w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-1-202x300.jpg 202w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><span style=\"color: #000000;\">Realistischer kann das Szenario kaum sein. Und hat man auch schon viele filmische Varianten einer anf\u00e4nglich unaufhaltsamen Seuche gesehen, war noch keine Verfilmung so real, aber gleichzeitig genauso aktuell. Wo ist auf einmal die Vogelgrippe? Was ist denn mit der Schweinegrippe? Stets wird der unbescholtene B\u00fcrger zwischen Angst und Gleichg\u00fcltigkeit alleine gelassen. Der Medienzirkus wechselt von Panikmache zu Verschw\u00f6rungstheorien. Scott Z. Burns greift in seinem Drehbuch diese gesamte Palette von Verunsicherung und Horrorspektakel auf. Burns und Soderbergh kollaborierten schon f\u00fcr den \u201eInformanten\u201c miteinander, dessen ebenfalls realistischer, ehrlicher Blick auf vermeintliche Wirtschaftsspionage nicht richtig funktionierte. Bei \u201eContagion\u201c hingegen wurde es ein Volltreffer. Es gibt die Guten, die B\u00f6sen, Identifikationsfiguren, emotionale Bindungen, Hoffnungen, und das absolute Grauen. Und wenn es \u00fcber das reine Spektakel hinausgehen soll, kann dies nur so gelingen, wie es Soderbergh auch umgesetzt hat.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><span style=\"color: #000000;\">Man nimmt nicht viel vorneweg, wenn man sagt, dass ein gro\u00dfes Zugpferd dieses Films gleich in den ersten zehn Minuten stirbt. Es ist Patient Null, mit einem Virus, der \u00fcber die Luft, Ber\u00fchrungen und ber\u00fchrte Objekte \u00fcbertragen wird. Der Film beginnt mit Tag 2 der Epidemie und steigert sich zu einem dramatischen H\u00f6hepunkt, der erst 135 Tage sp\u00e4ter erreicht sein wird. Sehr eindrucksvoll demonstriert die Kamera, wie der Virus seinen m\u00f6rderischen Weg der Verbreitung findet. Patient Null beginnt in Hongkong. Kreditkarte, H\u00e4ndesch\u00fctteln, Cocktailgl\u00e4ser, allein die Verbreitung im Hotel ist un\u00fcbersehbar. F\u00fcr nur Sekundenbruchteile bleibt der Fokus auf Unterschriftsmappen oder den Erdn\u00fcssen auf der Hotelbar. \u00dcberall unbedachte M\u00f6glichkeiten, einen Virus zu \u00fcbertragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Zwischenstopp Chicago, Weiterflug Minneapolis, allein die Flugh\u00e4fen sind ein einziger Alptraum. Die Inkubationszeit ist sehr kurz, der Krankheitsverlauf zumeist t\u00f6dlich. Den Ursprung und ein Gegenmittel zu finden ist \u00e4u\u00dferst schwierig. Wie der Leiter des amerikanischen Seuchenkontrollzentrums sagt, gibt es allein in Amerika 52 Staaten mit 52 eigenen Beh\u00f6rden. Allein diese Beh\u00f6rden zu koordinieren ist schon wegen autorit\u00e4rer Befindlichkeiten ein chaotisches Unterfangen, wie soll da erst eine weltumspannende Zusammenarbeit funktionieren? Hinzu kommen Verschw\u00f6rungstheoretiker und finanzielle Nutznie\u00dfer. Millionen sterben, und nur wenige Menschen sehen sich in der Lage, in diesem weltweiten Chaos einigerma\u00dfen den \u00dcberblick zu behalten.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_1817\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a rel=\"attachment wp-att-1817\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/contagion-steven-soderbergh\/contagion\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1817\" class=\"size-full wp-image-1817\" title=\"CONTAGION\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-2.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-2.jpg 550w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-2-200x118.jpg 200w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-2-300x177.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1817\" class=\"wp-caption-text\">Matt Damon als ungl\u00fcckseliger Witwer von Patient Null, sucht erfolglos einen Ausweg.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #000000;\">N\u00fcchtern, aber nicht kalt, inszenierte Soderbergh die Geschichte, ohne k\u00fcnstliche Aufregung, daf\u00fcr umso spannender. Denn alles ist m\u00f6glich, wie Patient Null beweist. Ein immuner Familienvater muss nicht unmittelbar selbst in Gefahr geraten, um dem Schrecken von Pl\u00fcnderungen und zivilem Chaos ausgesetzt zu sein. Hier liegt die eigentliche Kraft des Films, weil er die Figuren nicht unbedingt zu Opfern macht, sondern als Vertreter des Publikums agieren l\u00e4sst, durch die man den Niedergang einer geordneten Gesellschaft erleben muss. Weitgehend nimmt der Film auch Abstand von gro\u00dfen Gesten des Heldentums. Jede der Figuren ist mit dem einen oder anderen Makel behaftet, begeht Fehler oder wird missverstanden. In gewisser Weise k\u00f6nnen aber alle etwas bewirken. Doch in Zeiten von Verwirrung und Aktionismus werden wiederum die richtigen Bem\u00fchungen durch Umst\u00e4nde torpediert, die der eigentlichen Sache zuwiderlaufen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die vielen Handlungsstr\u00e4nge l\u00e4sst der Film fast m\u00fchelos immer wieder ineinander \u00fcbergehen. Alle Teile stehen gleichberechtigt und gleich wichtig in der Geschichte. Die Emotionalit\u00e4t entsteht dadurch, dass weder Drehbuch noch Inszenierung Emotionen vorgeben. Es wird greifbarer, ehrlicher und grausamer. Die N\u00fcchternheit in der klaren Struktur einzelner Szenen wurde mit den Bildern von Kubricks kalten Betrachtungen verglichen, was nur bedingt\u00a0 Berechtigung hat, denn Soderbergh schafft mit seiner Kameraf\u00fchrung eine Beziehung zu den Protagonisten, wo Kubrick gerne nur unbeteiligter Zuschauer sein wollte. Der Regisseur hat unter seinem Pseudonym Peter Andrews wieder selbst zur Kamera gegriffen. Neben Michael Mann ist Soderbergh einer der ganz wenigen Digital-Fanatiker, die mit der digitalen Photographie auch tats\u00e4chlich etwas anfangen k\u00f6nnen. Gefilmt mit einer Red-Digital, schaffen viele Szenen ein zus\u00e4tzliches Spannungsmoment, indem sehr viel Unsch\u00e4rfen und Sch\u00e4rfenverlagerung eingesetzt werden. So kann oftmals auf erkl\u00e4rende Dialoge verzichtet werden. Die Kamera als Erz\u00e4hler ist selten geworden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u201eContagion\u201c ist ein sehr ber\u00fchrender, aber auch unangenehmer Film. Ein Film, der seine Thematik beherrscht, weil er sich weitgehend der \u00fcblichen Versatzst\u00fccke verwehrt. Es gibt den einen oder anderen Dialog, der \u00fcbertreibt. Es gibt das eine oder andere Verhalten von Charakteren, das \u00fcberzogen wirkt. Doch diese Schw\u00e4chen k\u00f6nnen leicht ignoriert werden. Dies ist ein Film, der dadurch \u00fcberzeugt, dass er tats\u00e4chlich ganz neue Ans\u00e4tze zeigt, wie Realismus dargestellt und transportiert werden kann. Das Ensemble ist traumhaft, die technischen Umsetzungen grandios, und das Tempo des Films auf den Punkt. Und die Thematik macht Angst. Denn \u201eContagion\u201c ist nicht einfach nur ein Film \u00fcber eine sich weltweit ausbreitende Seuche, sondern ein Abbild der Verflechtungen, die mit einer solchen Katastrophe einhergehen werden. Da sind die L\u00fcgner und die Betr\u00fcger, die Beschwichtiger und die \u00dcberambitionierten. Der Film braucht keine Spezial-Effekte, er ben\u00f6tigt kein Spektakel. So ist er wesentlich effektiver, rationaler und furchteinfl\u00f6\u00dfender. Denn vor unseren geistigen Augen wurden wir schon immer mit solchen Schreckensszenarien konfrontiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Es trifft nat\u00fcrlich den unbescholtenen B\u00fcrger. Ist es schlimm, und wie schlimm tats\u00e4chlich? Steckt ein Pharmakonzern dahinter oder wird beschwichtigt, weil ohnehin alles unabwendbar geworden ist? Alles, was man bisher in solchen Zeiten geh\u00f6rt, gelesen, gesehen hat, hat Steven Soderbergh klar und n\u00fcchtern in seinen Film einflie\u00dfen lassen. Und deswegen ist er so ansprechend und erschreckend, denn jeder Aspekt spielt auf seine Weise mit in die Wahrheit hinein. Und irgendwo im Hintergrund, abgeschieden von all den Wahrheiten, die andere verkaufen wollen, gibt es jemanden, der tats\u00e4chlich hilft. Der Film fordert uns auf, die richtigen Fragen zu stellen, weniger vertrauensseelig zu sein, uns mehr zu engagieren. Er fordert unsere individuelle Verantwortung und unsere gesellschaftliche Integrit\u00e4t. Denn eines stellt \u201eContagion\u201c klar fest: Haben wir bisher nur Gl\u00fcck gehabt, oder sind wir in besten H\u00e4nden?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Der Film endet mit Bildern von Tag 1. Ein ganz gew\u00f6hnlicher Tag, an dem jeder unbeschwert seiner Arbeit nachgeht. Wo die Welt in Ordnung scheint. Ein Tag an dem Dinge getan werden, die man immer so tut. Man nennt es Alltag, und man verh\u00e4lt sich in seinen Angewohnheiten. Man nennt es Leben. Bis die Natur einen kleinen Haken schl\u00e4gt, an dem der Mensch nicht ganz unschuldig sein muss.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_1816\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a rel=\"attachment wp-att-1816\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/contagion-steven-soderbergh\/contagion-3\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1816\" class=\"size-full wp-image-1816\" title=\"Contagion-3\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-3.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-3.jpg 550w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-3-200x131.jpg 200w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Contagion-3-300x196.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1816\" class=\"wp-caption-text\">Peter Andrews (Soderbergh) in seinem Element<\/p><\/div>\n<p><em>Darsteller: <strong>Marion Cotillard, Matt Damon, Laurence Fishburne, Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Winslet, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, Sanaa Lathan, Elliott Gould, John Hawkes, Monique Gabriela Curnen, Armin Rohde, Chin Han, Anna Jacoby-Heron<\/strong> u.a.<\/em><br \/>\n<em>Regie: <strong>Steven Soderbergh<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Drehbuch: <strong>Scott Z. Burns<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Kamera: <strong>Peter Andrews<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Bildschnitt:<strong> Stephen Mirrione<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Produktionsdesign: <strong>Howard Cummings<\/strong><\/em><br \/>\n<em>Musik: <strong>Cliff Martinez<\/strong><\/em><br \/>\n<em>USA \/ 2011<\/em><br \/>\n<em>zirka <strong>106<\/strong> Minuten<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Realistischer kann das Szenario kaum sein. Und hat man auch schon viele filmische Varianten einer anf\u00e4nglich unaufhaltsamen Seuche gesehen, war noch keine Verfilmung so real, aber gleichzeitig genauso aktuell. Wo ist auf einmal die Vogelgrippe? 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