{"id":233,"date":"2009-09-01T00:00:57","date_gmt":"2009-08-31T23:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?p=233"},"modified":"2011-03-26T14:18:48","modified_gmt":"2011-03-26T13:18:48","slug":"district-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2009\/district-9\/","title":{"rendered":"District 9"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><a rel=\"attachment wp-att-234\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?attachment_id=234\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-234\" title=\"district9-1\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/district9-1.jpg\" alt=\"\" width=\"137\" height=\"200\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Wikus Van De Merwe ist genau der Typ, der gerne Ziel des Spotts wird. Und genau so inszeniert ihn Neill Blomkamp auch. Mit Pullunder \u00fcber dem wei\u00dfen Hemd und dem Tick, seine Nervosit\u00e4t hinter Zwischenfragen zu verbergen. Wikus hat allen Grund, nerv\u00f6s zu sein, denn ein Kamerateam wird ihn begleiten, wenn er im Dienste der MNU mit einem Trupp Soldaten ein Ghetto verlegt. Wikus ist alles andere als eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit, und dennoch liegt es in seinen H\u00e4nden, f\u00fcr einen ordnungsgem\u00e4\u00dfen und reibungslosen Ablauf der Verlegung zu sorgen. Erschwerend kommt hinzu, dass Wikus diese ehrenvolle Aufgabe nur erhalten hat, weil sein Schwiegervater der Vorsitzende der MNU ist, dem Amt f\u00fcr Au\u00dferirdischenfragen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><!--more-->In der ersten, als Dokumentation angelegten Viertelstunde, schneidet der Film zwischen Interviewfetzen des linkisch agierenden Wikus vor den Ereignissen und den zutiefst betroffenen Zeugen und Kollegen nach den Ereignissen hin und her. Schon in den ersten Minuten wird der anf\u00e4ngliche Trottel zur tragischen Figur, ohne dass man wissen sollte, was kommt. Nat\u00fcrlich wei\u00df man, was kommt. Zum einen hat der gewitzte Filmfan schon ALIVE IN JO\u2019BURG gesehen und zum anderen kommt man nicht umhin, den \u00fcberschw\u00e4nglichen Reaktionen auf den Film zu entgehen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">ALIVE IN JO\u2019BURG ist der 2005 entstandene Kurzfilm von Neill Blomkamp, auf dem DISTRICT 9 basiert. Nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch hat Blomkamp nicht viel ver\u00e4ndern lassen. Das Team ist weitgehend dasselbe geblieben, nur bei den Trickeffekten hat sich ein zus\u00e4tzliches Schwergewicht eingeschlichen. Die \u00fcberschw\u00e4nglichen Kritiken sind das Ergebnis einer ohne \u00dcbertreibung weltweiten Begeisterung, weil ein derart kleiner Film alles an gro\u00dfen Hollywood-Blockbustern ausgestochen hat, was diesen Sommer auf den Tisch geworfen wurde. Dieser f\u00fcr nur 30 Millionen Dollar produzierte Film z\u00e4hlt f\u00fcr die meisten Kritiker als Beleg, dass intelligente Filme nur ohne Beteiligung der gro\u00dfen Studios aus Glitzerstadt inhaltlich und formell \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Das ist oftmals sehr weit hergeholt, ja sogar \u00fcbertrieben, hat aber einen begr\u00fcndeten N\u00e4hrboden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Sehr behutsam reduziert Neill Blomkamp den Charakter der Dokumentation, geht \u00fcber in l\u00e4ngere, nicht in die Kamera gesprochene Dialoge. Doch die sporadisch eingeworfenen Nachrichtenbl\u00f6cke, wie die eines echten 24-Stunden-Nachrichtenkanals, erkl\u00e4ren und erg\u00e4nzen, lassen den Zuschauer tiefer blicken in eine Welt, die sich mit dem Erscheinen von Au\u00dferirdischen ergeben hat. \u00dcber Johannisburg ist ihr Raumschiff havariert und h\u00e4ngt dort seit Jahren wie eine d\u00fcstere Warnung. Die \u00fcber eineinhalb Millionen gestrandeter Bewohner einer anderen Welt hat man in einem Ghetto angesiedelt, direkt unter ihrem nutzlos gewordenen Raumschiff. Wenn es sich nicht mehr in der Luft halten kann, trifft es wenigstens die richtigen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Dies sind weder die Au\u00dferirdischen, die uns Spielberg mit E.T. gebracht hat, noch die Typen, die den KRIEG DER WELTEN entfacht haben. Es sind \u00dcberlebensk\u00fcnstler, die sich sehr schnell an ihre Umgebung anpassen k\u00f6nnen. Sie saufen, rotten sich mit kriminellen Nigerianern zusammen, w\u00fchlen sich durch M\u00fcll, erbrechen ungeniert schwarzen Schleim, bezahlen f\u00fcr menschliche Frauen und betreiben mit ihren eigenen Waffen regen Handel, obwohl die Waffen nur durch lebendes Zellgewebe der Au\u00dferirdischen aktiviert werden k\u00f6nnen. Und f\u00fcr Katzenfutter w\u00fcrden sie sich selbst verkaufen. Solche will man nicht haben. Die Prawns sollen gehen, wohin auch immer. Prawns nennt man sie wegen ihrer \u00c4hnlichkeit mit zwei Meter gro\u00dfen Krabben. Und die Prawns sind nicht willkommen. District 10 hei\u00dft das Ziel der Umsiedlung, 100 Kilometer au\u00dferhalb der Stadt. Dort wird es ihnen besser gehen, verspricht man. Dort wird es noch \u201aunmenschlicher\u2018, wei\u00df man. Die Schwarzen in den Elendsvierteln von S\u00fcdafrika haben ihre eigenen Schwarzen bekommen. Bittere Ironie in einer Inszenierung, die der Film nicht formulieren muss. Gerade weil der Film sich vehement str\u00e4ubt, die Vergleiche zur Apartheidpolitik herauszuarbeiten, funktioniert das Thema sehr glaubhaft. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">In diese Welt, in der sich selbst der Zuschauer zwischen Mitleid und Ablehnung hin- und hergeworfen sieht, h\u00e4tte das Schicksal, oder besser gesagt das Drehbuch von Blomkamp und Terri Tatchell, keinen besseren als Wikus Van Der Merwe werfen k\u00f6nnen. Sein oftmals t\u00f6lpelhaftes Benehmen macht ihn nicht l\u00e4cherlich, sondern oft sogar sympathischer. Seine lockeren Spr\u00fcche sind ganz offensichtliche Fassade, um der eigenen gesellschaftlichen Umgebung zu gefallen. Er ist ein Mitl\u00e4ufer, der davon \u00fcberzeugt ist dazuzugeh\u00f6ren, wenn er genau das tut, was man von ihm erwartet. Und indem er st\u00e4ndig diesem irrigen Glauben hinterher rennt, eckt er nur an. Wikus ist dieses arme W\u00fcrstchen, von dem der Zuschauer sofort wei\u00df, dass von all seinen rassistischen Spr\u00fcchen keiner wirklich aus dem Mund dieses \u00fcberforderten Vorgesetzten kommt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Wikus ist ein fabelhafter Charakter, der von Sharlto Copley nicht nur glaubw\u00fcrdig verk\u00f6rpert wird, sondern von der Regie so nat\u00fcrlich gef\u00fchrt wird, dass das Publikum eine gute Vorstellung von seiner Gedankenwelt bekommt. Wenn das Schicksal mit Wikus seiner Wege geht, trifft der Schock der Erkenntnis ebenso den Zuschauer. Trotz einiger deftiger Action-Szenen und spektakul\u00e4rer visuelle Effekte bleibt DISTRICT 9 ein Film, der auf zwei ganz anderen Ebenen funktioniert und damit \u00fcberzeugt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Zum einen ist da das Leben im Ghetto. Eine kaputte, ekelhafte Welt, mit der man nichts zu tun haben will und bei der man einfach nur wegsehen m\u00f6chte. Man kennt diese Bilder, denn sie sind realen Ursprungs. Kopfsch\u00fctteln ist programmiert, weil solche im Dreck w\u00fchlenden, betrunkenen Aliens nicht in unser Universalbild passen. Und doch werden die Verh\u00e4ltnisse verst\u00e4ndlich, weil Neill Blompkamp dieses Verst\u00e4ndnis schafft. Das ist kein Leben, das sie sich ausgesucht haben, sondern in welches die friedlichen Hilfesuchenden gedr\u00e4ngt wurden. Die Welt beweist sich wieder als ungesunder Ort.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Auf der zweiten Ebene ist DISRICT 9 das Profil eines armen Mitl\u00e4ufers, der dadurch aber auch zum T\u00e4ter wird. Es ist wie der l\u00e4ngst vergessene Status Quo des durchschnittlichen B\u00fcrgers. Sich anpassen, keine eigene Meinung kommunizieren, das eigene Umfeld als gegeben nehmen. Der augenscheinlich Action-orientierte Streifen weckt unweigerlich Assoziationen an Opas Kino der F\u00fcnfzigerjahre und seinen brillanten Science-Fiction-Klassikern. Ein verschleierter Blick auf den Zustand unserer Gesellschaft, unterschwellige \u00c4ngste, aber auch nicht formulierbare Hoffnungen. Dies ist bei DISTRICT 9 ebenso geschickt hinter der Fassade von purer Unterhaltung versteckt. Und es funktioniert, gerade weil es ihm ohne weiteres gelingt, nicht offensichtlich zu werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Neill Blomkamp hat seit geraumer Zeit den ersten Film gemacht der intellektuell \u00fcberzeugt, obwohl er vordergr\u00fcndig daran \u00fcberhaupt nicht interessiert ist. Mit einem etwas zu lange geratenen Showdown und einem allzu klischeebehafteten B\u00f6sewicht sind die Schw\u00e4chen in der Inszenierung sehr schnell ersichtlich, werden aber durch den Gesamteindruck leicht hinf\u00e4llig. Was bleibt, ist ein Gef\u00fchl des Besonderen, das im ersten Augenblick schwer greifbar ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Das Team das ALIVE IN JO\u2019BURG schon zu einer Besonderheit machte, vollendet hier grandios seine d\u00fcstere, aber glaubhafte Vision. Mit dem Schwergewicht WETA hat sich die optische Dimension dieser Vision wesentlich gesteigert. Das Trickfilmstudio hat die Prawns \u00fcberw\u00e4ltigend umgesetzt, nicht nur mit ihrem photorealistischen Aussehen, sondern vor allem durch das makellose Einf\u00fcgen in die gegebenen Szenerien. Die gemeinsame Vergangenheit von WETA und Produzent Peter Jackson k\u00f6nnte durchaus auch f\u00fcr das enorm niedrige Budget von nur 30 Millionen Dollar verantwortlich sein. Denn orientiert an \u00e4hnlichen Produktionen dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung, sieht Gezeigtes nach wesentlich mehr aus. Doch solange die Budget-Frage in den Augen der meisten Kritiker mit dem Grad des Anspruchs einhergeht, darf dies ruhig Spekulation bleiben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Film ist nicht gut, weil er ein geringes Budget hatte oder alle Kritiker dieser Welt ihn preisen. Er ist nicht deswegen gut weil er den Vergleichen zu Opas Kino standh\u00e4lt oder WETA die Prawns animiert hat. DISTRICT 9\u00a0 ist deswegen so gut, weil er sp\u00fcrbar mit Herzblut gemacht wurde und keine Absicht hat, den Zuschauer mit plumper Art zu hintergehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>DISTRICT 9<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>Darsteller: Sharlto Copley, Jason Cope, David James, Vanessa Haywood, Mandla Gaduka, Kenneth Nkosi, Eugene Khumbayiwa, Louis Minnaar, William Allen Young u.a.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>Regie: Neill Blomkamp \u2013 Drehbuch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell \u2013 Kamera: Trent Opaloch \u2013 Bildschnitt: Julian Clarke \u2013 Musik: Clinton Shorter \u2013 Produktionsdesign: Philip Ivey<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>Neuseeland \/ 2009 \u2013 circa 111 Minuten<\/em><\/span><\/p>\n<h5><span style=\"color: #000000;\">Bildquelle: Tri Star \/ Sony Pictures<\/span><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wikus Van De Merwe ist genau der Typ, der gerne Ziel des Spotts wird. 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