{"id":301,"date":"2010-02-01T00:00:08","date_gmt":"2010-01-31T23:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?p=301"},"modified":"2011-03-26T14:15:03","modified_gmt":"2011-03-26T13:15:03","slug":"301","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2010\/301\/","title":{"rendered":"Guy Ritchie &#038; SHERLOCK HOLMES"},"content":{"rendered":"<p><strong><a rel=\"attachment wp-att-652\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?attachment_id=652\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-652\" title=\"SherlockHolmes1\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/SherlockHolmes11.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"200\" \/><\/a>Sherlock Holmes im Zeichen der Zeit<\/strong><em><strong><\/strong><\/em><em><strong><\/strong><\/em><\/p>\n<h4><em><strong><span style=\"color: #000000;\">Andrew<\/span><\/strong> und <strong><span style=\"color: #800000;\">Uwe<\/span><\/strong> sind wieder im Kino gewesen und haben einen Ausflug in alte Zeiten gemacht:<\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">SHERLOCK HOLMES schleicht sich im Schatten von AVATAR leise an und schl\u00e4gt umso m\u00e4chtiger zu. Ein Film ganz auf der Welle des neu erfundenen Helden vergangener Tage. Ein Abebben ist nicht in Sicht, das Konzept geht immer wieder auf. Stellt sich die Frage:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Sind die klassischen Charaktere wirklich so stark, dass sie bei Neuverfilmungen stets aktuell bleiben, oder gar immer besser zu werden scheinen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><!--more-->Sie sind unverw\u00fcstlich. Warum? Sie erscheinen beinahe wie Archetypen ihres jeweiligen Genres. Damals hatte man noch ein weites Feld f\u00fcr neue Charaktere und konnte sich das Beste rauspicken. Ist dann heute alles nur noch eine blasse Kopie?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Der ber\u00fchmteste Hut der Detektivgeschichte ist abgelegt, daf\u00fcr durfte die Pfeife bleiben. Damit ist nicht Sherlock Holmes gemeint. Guy Ritchies neue Filmversion eines der bekanntesten Detektive der Buch- und Filmgeschichte ist tats\u00e4chlich die Inkarnation der Neuinterpretation. Und sie funktioniert, wie kaum ein Remake, Re-Do, Restart in den letzten Jahren. Mit Ausnahme von Batman vielleicht. Oder Spider-Man. Oh, und die Helden aus STAR TREK. Alles starke Charaktere, die sich \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte als feste kulturelle Gr\u00f6\u00dfe in der Gesellschaft etabliert haben. Man kennt sie, mit ihnen kommt die Welt in Ordnung, sie sind die St\u00fctzpfeiler der Gerechtigkeit. Jedenfalls auf dem Papier oder der Leinwand.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Bekanntheit der Charaktere gibt jedem neuen Film \u00fcber einen klassischen Helden eine Vorgeschichte und damit einen Vorsprung mit. Aber sie engt auch ein, da Neues im Bekannten gefunden werden muss, um den Zuschauer zu \u00fcberraschen. Denn die Grundstruktur der Kriminalgeschichte ist nur allzu bekannt: B\u00f6ser Bube tut B\u00f6ses, guter Bube geht heldenhaft in den Kampf gegen das B\u00f6se. Er gewinnt den Kampf und nebenbei als Belohnung eine neue Liebe. Das Neue ergibt sich immer nur aus der Variation des Wie: Wie geht der Gute vor? Die etablierten Charaktere decken bereits die ganze Bandbreite ab, das Feld ist abgegrast, Langeweile scheint programmiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Hatte man bis vor kurzem nur die Wahl, ob der Gute mit dem Kopf oder mit den F\u00e4usten k\u00e4mpft, lautet heutzutage die innovative und damit dann doch \u00fcberraschende Antwort: Mit beidem! Hinzu kommt f\u00fcr Drehbuchautoren ein gl\u00fccklicher Umstand: Weil wir in einer desillusionierten Welt leben, muss der Held nicht makellos und ausschlie\u00dflich heldenhaft sein. Er darf Fehler machen und Fehler haben, wir lieben ihn daf\u00fcr umso mehr. Im Gegenteil: Wir werden misstrauisch, wenn er keinen Fehler zugibt. Es ergeben sich spannendere Konstellationen mit h\u00f6herem Identifikationspotenzial. Statt sich krampfhaft neue Figuren auszudenken, kann man nun die alten beibehalten und schwungvoller verpacken. All das beherrscht der neue SHERLOCK HOLMES virtuos und macht so einfach nur gute Laune.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">BATMAN war dieser von Grund auf d\u00fcstere Held. In den Sechzigern wurde er zum poppig bunten Fernsehheld. Tim Burton in den Achtzigern verlegte die wiederentdeckte, gequ\u00e4lte Seele des dunklen Ritters in ein \u00fcberdrehtes Umfeld. Im orientierungslosen 21. Jahrhundert wird beinahe jedes \u00fcber- und widernat\u00fcrliche Element entfernt. Die Geschichten um Batman werden von den psychologischen Tiefen der Figuren bestimmt. Jedes Jahrzehnt hat eine Weiter- oder Neuentwicklung des Charakters erlebt. Der Zeitgeist bestimmt den Erfolg.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Guy Ritchie hat diesen stets \u00fcberlegenen Helden aus der Baker Street dem Zeitgeist angepasst. Der sich im FIGHT CLUB wohlf\u00fchlende Holmes ist l\u00e4ngst nicht mehr Gro\u00dfvaters Holmes. Aber ist es \u00fcberhaupt noch Holmes? Was sich oberfl\u00e4chlich wie ein typischer Film von Ritchie ausnimmt, dringt mit den Stilmitteln des Regisseurs in das Innerste des von Robert Downey gespielten Detektivs vor. Mit \u00fcberraschenden Kniffen bringt er den desillusionierten Neuen mit dem analytischen Alten zusammen. Der sich aus einer Wettleidenschaft herauspr\u00fcgelnde Holmes kann nur Dank seines wachen und allumfassenden Verstands wirklich gut k\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Eine nicht enden wollende Explosionskette, in der sich Holmes bewegt, geh\u00f6rt in ihrer \u00fcberw\u00e4ltigenden Inszenierung zu den aufsehenerregendsten Momenten der modernen Kinogeschichte. Auch am Ende, als im Showdown dieser bis dahin stimmige Film in den vollen Hollywood-Modus zu gleiten droht, durchbricht das tadellos konzipierte Drehbuch die modernen Sehgewohnheiten. Allerdings nicht auf der bildlichen Ebene, sondern in der Erz\u00e4hlstruktur. Gebrochene und auch gelangweilte Charaktere, die ohne ihre sie fordernde Aufgabe kaum bestehen k\u00f6nnen, sind alles andere als selten. Und doch ist dieser Sherlock Holmes anders. Er ist anders, weil wir ihn kennen. Als modernes Kulturgut muss er weder erkl\u00e4rt noch vorgestellt werden oder gar Akzeptanz aufbauen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Es ist die Vermenschlichung, die den Erfolg begr\u00fcndet. Ironischerweise funktioniert sie umso besser, je fiktiver ein Charakter von der Anlage her ist. Niemand wird behaupten, dass er tats\u00e4chlich damit rechnet, um die n\u00e4chste Stra\u00dfenecke Batman zu begegnen. Und doch erwartet man heute, auch diesen Helden \u201ereal\u201c verk\u00f6rpert zu sehen. Gerade weil Holmes im neuen Film oft so aussieht, als h\u00e4tte er in seinen Klamotten den Tag auf dem Sofa verschlafen, nimmt man ihm das Genie ab. Ein Paradoxon, denn damit entspricht er ja eigentlich wieder dem Klischee des leicht trotteligen Professors, des Fachidioten, der sich nicht um gesellschaftliche Konditionen und soziale Kontakte k\u00fcmmert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Viele Szenen sind mit Super-Zeitlupe aufgenommen. In Zeiten, in denen Kameras gerne die Action-Szenen zersch\u00fctteln, um so dokumentarische Wirkung zu erzielen, geht auch dieser Film neue Wege Richtung Realismus. Ich sehe als Zuschauer alles genau, ich bekomme die Wirkung der Aktionen exakt beschrieben, also ist es realistisch, was mir da gezeigt wird. Und ich bin ein Eingeweihter, der alles detailliert wei\u00df. Zugegeben, der Showdown leidet, was die Originalit\u00e4t betrifft, unter einem Mount-Rushmore-Komplex. Aber wenn selbst Hitchcock zum Mittel der schwindelerregenden Sehensw\u00fcrdigkeit gegriffen hat, um dem Zuschauer zu zeigen, dass er jetzt buchst\u00e4blich beim H\u00f6hepunkt des Films angekommen ist, wer will es dann Guy Ritchie \u00fcbel nehmen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Den Amerikaner Robert Downey Jr. mit einem nahezu perfekten britischen Englisch durch die vom Computer geschaffenen H\u00e4userschluchten des viktorianischen Londons jagen zu sehen, ist eine besondere Freude. Als Inbegriff des tadellosen Watsons k\u00f6nnte der echte Londoner Jude Law durchgehen, wenn man durch sein Spiel nicht st\u00e4ndig das Gef\u00fchl vermittelt bekommen w\u00fcrde, dass auch hier unergr\u00fcndliche Tiefen schlummern. Am Ende eines stimmigen Filmvergn\u00fcgens, das mit Witz, Spannung, sogar ein bisschen Tiefgang und \u00fcberzeugender Optik zu unterhalten versteht, lauert dieses gemeine Gef\u00fchl, noch nicht genug gesehen zu haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">J\u00fcngeren, unbescholtenen Konsumenten wird der Zugang zu diesem hellen Kopf mit finsterer Seele noch viel leichter fallen. Wer \u00e4lteren Semesters schon Abenteuer des Meisterdetektives gesehen, gelesen oder geh\u00f6rt hat, der d\u00fcrfte angenehm \u00fcberrascht werden. Diese \u00fcberaus moderne, stilsichere Variante einer Neuinterpretation bleibt der von Arthur Conan Doyle ersonnenen Philosophie treu, dass w\u00e4hrend des zeitlichen Umbruchs in eine vernunftorientierte, aufgekl\u00e4rte Epoche das wissenschaftliche Weltbild gest\u00e4rkt werden muss. So wird die hier explizit auf Schwarze Magie ausgelegte Handlung am Ende selbstverst\u00e4ndlich entlarvt. Und wer vom H\u00f6ren-Sagen den biederen Peter Cushing nicht in Einklang mit der von Downey gespielten Figur bringt, dem sei versichert, dass bereits der Autor Doyle selbst seinen Detektiv zu einem hervorragenden Faustk\u00e4mpfer machte, der durchaus auch Kenntnis von fern\u00f6stlichen Kampftechniken hatte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Hat am Ende Guy Ritchie den ersten wahren Sherlock Holmes von der Vorlage zur Leinwand gebracht?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Starke Charaktere erfordern starke Schauspieler. Wenn das Innere eines Menschen nach au\u00dfen gekehrt werden soll, muss der Schauspieler dies zeigen k\u00f6nnen. Das Duo Downey und Law ist dazu in der Lage. Die beiden haben zum Gl\u00fcck sehr viel mehr Chemie als so manches Paar aus den romantischen Kom\u00f6dien der letzten Jahre. Und wenn man nicht gerade von der hervorragenden Optik des Films abgelenkt ist, lohnt es sich immer, einen Blick auf die Mimik dieser Schauspieler zu werfen \u2013 selbst dann, wenn sie nur am Rand der Leinwand zu sehen sind. Man nimmt ihnen ab, schon jahrelang zusammenzuarbeiten, obwohl sie eigentlich zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera stehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Werden uns heute die wahren Personifikationen der klassischen Charaktere gezeigt? Ja und nein. Holmes &amp; Co. wirkten noch nie so real und greifbar wie heute, ber\u00fchren uns und bieten viel Identifikationspotenzial. Doch jede Zeit braucht ihre eigene Reinkarnation. Ein anderer Doktor aus England hat es vorgemacht, wie man sich \u00fcber die Jahrzehnte hinweg immer wieder erfolgreich regenerieren kann. W\u00fcnschen wir dieser Inkarnation von Holmes und Watson viel Erfolg. Und freuen wir uns auf eine neue, wenn die Zeit daf\u00fcr reif ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Der klassische Charakter eines Batman, Kirk oder sogar Holmes ist in seiner Zeit durchaus stark gewesen. Aber vielleicht nicht zeitlos. War Rhett Butler f\u00fcr seine Generation der bewundernswerte Treibauf, d\u00fcrfte er heute Scarlett nicht einfach nur verlassen, sondern m\u00fcsste umgehend mit Puffmutter Belle Watling drei uneheliche Kinder zeugen, die f\u00fcr ihn alles auf der Welt bedeuten. Es sind also greifbare, starke Charaktere, die nur die Zeit \u00fcberdauern, weil sie st\u00e4ndig den Zeichen der Zeit unterworfen werden. Sie erfahren nicht so sehr Entwicklung als vielmehr Neuinterpretation. Superman ist bei seinem letzten Abenteuer nicht an einem schlechten Film gescheitert, sondern am unverr\u00fcckbaren Festhalten an seinen bekannten Werten. Den Werten, die ihn allerdings erst zu einer Ikone werden lie\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #800000;\">Das stete Bem\u00fchen dieser Figuren h\u00e4lt sie frisch, macht sie immer wieder aktuell und l\u00e4sst sie nicht altern. Aber starke Charaktere bleiben nicht einfach starke Charaktere, wenn man nicht an und mit ihnen arbeitet. Sie d\u00fcrfen nicht in ihrer Gesamtheit einfach neu erfunden werden. Man muss sie auseinandernehmen und die Teile einzeln bearbeiten. Zu diesen Einzelteilen geh\u00f6ren nicht nur Wesensz\u00fcge der Figur, sondern auch die Bedeutung eines Charakters f\u00fcr den gesellschaftlichen Status Quo. Interessanterweise hatte man mit Sherlock Holmes das Gl\u00fcck, dass er sich im Laufe der Jahrzehnte soweit ver\u00e4ndert hat, dass man tats\u00e4chlich zu den Urspr\u00fcngen zur\u00fcckgehen konnte und dabei nur augenscheinlich einen neuen Holmes pr\u00e4sentierte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"color: #800000;\">Nun darf der Detektiv ganz unbeschwert drogenabh\u00e4ngig sein. Der d\u00fcstere Holmes und der strahlende Watson werden endlich als sich erg\u00e4nzende Einheit entlarvt. Und auch die eine oder andere Pr\u00fcgelei ist ganz im Sinne des Erfinders Conan Doyle. Und wirft man einen vergleichenden Blick auf die weltlichen und gesellschaftlichen Umbr\u00fcche der damaligen und heutigen Zeit, verwundert es nicht, dass der urspr\u00fcngliche Holmes aktueller nicht sein k\u00f6nnte.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"> Ist das nicht elementar, mein lieber Watson?<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"color: #000000;\">Bildquelle: Warner Bros. Pictures<\/span><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sherlock Holmes im Zeichen der Zeit Andrew und Uwe sind wieder im Kino gewesen und haben einen Ausflug in alte Zeiten gemacht: SHERLOCK HOLMES schleicht sich im Schatten von AVATAR leise an und schl\u00e4gt umso m\u00e4chtiger zu. 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