{"id":4812,"date":"2013-02-23T12:00:31","date_gmt":"2013-02-23T11:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?p=4812"},"modified":"2013-03-08T22:15:57","modified_gmt":"2013-03-08T21:15:57","slug":"the-master","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2013\/the-master\/","title":{"rendered":"THE MASTER ist kein Scheinheiliger"},"content":{"rendered":"<p><em>THE MASTER &#8211; Bundesstart 21.02.2013<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2013\/the-master\/master-01\/\" rel=\"attachment wp-att-4813\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-4813\" title=\"Master-01, Copyright Senator Entertainment \/ The Weinstein Company\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-01.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"390\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-01.jpg 300w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-01-153x200.jpg 153w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-01-230x300.jpg 230w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><span style=\"color: #000000;\">Es geht nie um Schuld und S\u00fchne, nicht um das gro\u00dfe Ganze, niemals um Schwarz und Wei\u00df. Wenn Paul Thomas Anderson einen Film macht, dann hat er mit der Komplexit\u00e4t des Individuums zu tun. So exzessiv MAGNOLIA war, so episch sich THERE WILL BE BLOOD ausnahm, was au\u00dfen herum stattfindet, ist unterst\u00fctzendes Beiwerk, aber niemals im Fokus. Dann hie\u00df es, Anderson w\u00fcrde einen Film \u00fcber Kirchengr\u00fcnder L. Ron Hubbard machen, und der protestierende Aufschrei war zu h\u00f6ren, verhielt sich aber im Vergleich zu den Erwartungen sehr minimalistisch. Weltverschw\u00f6rungstheoretiker werden aber nicht m\u00fcde zu behaupten, Universal h\u00e4tte die Finanzierung des Filmes gestoppt, weil Scientology Einfluss genommen h\u00e4tte. Anderson hingegen, der Scientologies Hubbard unumwunden als Vorlage f\u00fcr seine Hauptfigur angab, offerierte die Dokumentation LET THERE BE LIGHT f\u00fcr seine Inspiration. John Huston drehte diese verst\u00f6rende Dokumentation von 1944 bis 1946 im Auftrag des Verteidigungsministeriums, um Veteranen mit Posttraumatischem Stress-Syndrom zu dokumentieren. Das Ergebnis war kein Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr das Milit\u00e4r. Der Film wurde umgehend aus dem Verkehr gezogen und erst nach beherzten Bem\u00fchungen von Vertretern der Filmindustrie 1980 wieder freigegeben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><!--more-->Freddie Quell und Lancaster Dodd sind beide WWII-Veteranen. Ersterer kommt mit Krieg und dem Leben danach \u00fcberhaupt nicht mehr zurecht, der andere hat etwas daraus gemacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Sektengr\u00fcndungen und spirituelle Bewegungen einen breitgef\u00e4cherten N\u00e4hrboden. Dass L. Ron Hubbard als Vorlage f\u00fcr Lancaster Dodd herhalten musste, ist wahrscheinlich dem Umstand zu verdanken, dass Hubbards Scientology die einzige Gruppierung ist, welche die Zeit \u00fcberdauert hat und somit aktuell im Bewusstsein ist. Lancaster Dodd nennt seine Bewegung \u201cDie Sache\u201d, und seine Anh\u00e4ngerschaft in der gehobenen Mittelschicht w\u00e4chst. Wieder einmal in volltrunkenem Zustand, verirrt sich Freddie Quell unbemerkt auf die gerade vom Hafen ablegende Yacht Dodds. Die Reise geht von Los Angeles durch den Panama-Kanal die Ostk\u00fcste hinauf. Anstatt den unbelehrbaren Querulanten und steten Trinker Freddie \u00fcber Bord zu werfen, entdeckt Lancaster in dem gebrochenen Mann den perfekten Probanden, um die Methoden des \u201cProcessings\u201d, der Verarbeitung, verbessern zu k\u00f6nnen. Zutiefst pers\u00f6nliche Fragen werden wiederholt gestellt, bis der psychologische Druck kein Ausweichen mehr zul\u00e4sst. Letztendlich entpuppt sich \u201cDie Sache\u201d als bunter Mix diverser psychologischer Therapieans\u00e4tze, untermalt mit einem Hokuspokus aus Mythen und Legenden \u00fcber die Allmacht des Menschen und seinen unsterblichen Geist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Was sich wie die perfekte Basis f\u00fcr die Abrechnung mit Scharlatanerie und hausgemachten Ideologien ausnimmt, l\u00e4sst Paul Thomas Anderson vollkommen kalt. Ihm liegt nicht daran, den Wahnsinn selbsternannter Kirchen zu kommentieren, oder ihn gar blo\u00dfzustellen. Es gibt eine Szene, in der The Master, wie Dodd von seinen Anh\u00e4ngern genannt wird, von einem Au\u00dfenstehenden in Frage gestellt wird. Und wenn Philip Seymour Hoffman als Dodd darauf antwortet, dann wird dem Zuschauer sehr schnell bewusst, wie eine psychologisch dominierende Pers\u00f6nlichkeit einem den gr\u00f6\u00dften Unfug plausibel machen kann. Der zweifelnde Fragesteller wird am selben Abend noch unangenehmen Besuch von Freddie erhalten. Allerdings ist dieser nicht vom Master diktiert, sondern ein Selbstl\u00e4ufer, der das Gef\u00fcge und die Faszination einer Sekte verdeutlicht. Aber nach wie vor bleibt Andersons Augenmerk bei seinen Figuren und str\u00e4ubt sich gegen die eigentliche Sinnfrage. Viel spannender als die Entmystifizierung von falschen Propheten und fragw\u00fcrdigen Sekten ist die psychologische Tiefe von zwei nur scheinbaren Individuen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Lancaster Dodd braucht Freddie Quell genauso wenig wie umgekehrt Freddie Lancaster braucht. Dodds Frau warnt ihren Mann sogar davor, dass der Querulant nicht gut f\u00fcr \u201cDie Sache\u201d sei. Was beide M\u00e4nner allerdings aneinander bindet, ist gerade diese geglaubte Unabh\u00e4ngigkeit voneinander. Daraus entsteht ein gef\u00e4hrlicher Zirkelschluss f\u00fcr beide. Freddie denkt nie wirklich daran, mit dem Trinken aufzuh\u00f6ren, und kann auch gar nicht anders, als spontan gef\u00e4hrlichen Unfug anzufangen. Weil er sich nicht unterordnen will, unterwirft sich Freddie gewisserma\u00dfen doch seinem Meister, denn dieser akzeptiert als einziger die Art des schwierigen Trinkers, und das wei\u00df Freddie zu sch\u00e4tzen. Auf der anderen Seite hat der charismatische Sektenf\u00fchrer in Freddie so etwas wie ein Leuchtfeuer der au\u00dfenstehenden Gesellschaft, das ihn nicht den Bezug zur Realit\u00e4t verlieren l\u00e4sst. Lancaster glaubt in Freddie jemanden zu sehen, der weder Speichellecker noch unterw\u00fcrfiger Anbeter ist. An Freddie Quell zu arbeiten, aber auch immer wieder zu scheitern, gibt Lancaster Dodd aus seinem Umfeld heraus das letzte bisschen Normalit\u00e4t und die Erkenntnis, dass an der \u201cSache\u201d noch hart gearbeitet werden muss.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix, sein erster Film nach dem Aussteigerprojekt I\u2019M STILL HERE, schenken sich nichts, dem Zuschauer daf\u00fcr umso mehr. Jeder f\u00fcr sich ist schon eine emotionale Wucht, sie stecken an und faszinieren, man ist und bleibt bei ihnen. Zusammen haben sie dann etwas Gespenstisches, wo die blanke Faszination in pathologische Hingabe umschlagen kann. Wenngleich Amy Adams Rolle als Peggy Dodd keine unwesentliche f\u00fcr die Geschichte ist, bleibt sie zugunsten der Hauptfiguren im Hintergrund. Ihre wenigen f\u00fchrenden Szenen pr\u00e4gen sich allerdings ein und festigen Adams Weg, mehr und mehr eine bestimmende Figur in Hollywood zu werden. Laura Dern kommt leider kaum zu Zug, daf\u00fcr offeriert ihr Charakter einige interessante Spekulationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Geschichte von der \u201cSache\u201d.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Frage, warum Anderson allerdings ausgerechnet auf 65 mm drehen lie\u00df, kann auch nur durch Spekulation angereichert werden. Seine Vorliebe, auf Film zu drehen und auch physisch zu schneiden, ist bekannt. Daf\u00fcr aber auf ein seit f\u00fcnfzehn Jahren nicht mehr verwendetes Format zur\u00fcckzugreifen, da steckt die Liebe tats\u00e4chlich im \u00fcbertriebenen Detail. Die Auserw\u00e4hlten wird es sicherlich erfreut haben, die einer der dem eigentlichen Filmstart vorausgegangenen Sondervorstellungen beiwohnen durften, wo THE MASTER auch auf 70-mm-Film vorgef\u00fchrt wurde. Der Rest der Welt muss mit einer digitalen Kopie vorlieb nehmen. Nichtsdestotrotz bleibt THE MASTER ein \u00e4u\u00dferst anspruchsvolles Kinoerlebnis, welches sich nicht so leicht nehmen l\u00e4sst wie Andersons bisherige Filme, aber mit seiner Intensit\u00e4t und kaum zu beschreibenden Faszination Andersons bisherigen Filmen in nichts nachsteht. Man muss also keine falsche Kirche oder irregeleitete Sekte demontieren, um die Geschichte einer solchen zu erz\u00e4hlen. Letztendlich geht es um Menschen und ihre Beziehung zueinander. Und solange es Menschen wie Freddie Quell gibt, werden sie Menschen wie Lancaster Dodd nur noch mehr Ansporn verleihen.<\/span><\/p>\n<h5><span style=\"color: #808080;\"><em>THERE WILL BE LIGHT von John Huston ist auf YouTube in voller L\u00e4nge zu sehen<\/em><\/span><\/h5>\n<p><a href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2013\/the-master\/master-03\/\" rel=\"attachment wp-att-4815\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-4815\" title=\"Master-03, Copyright Senator Entertainment \/ The Weinstein Company\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-03.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"371\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-03.jpg 600w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-03-200x123.jpg 200w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Master-03-300x185.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Darsteller: <strong>Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Jesse Plemons, Laura Dern, Christopher Evan Welch<\/strong> u.v.a.<\/em><br \/>\n<em> Regie &amp; Drehbuch: <strong>Paul Thomas Anderson<\/strong><\/em><br \/>\n<em> Kamera: <strong>Mihai Malaimare Jr.<\/strong><\/em><br \/>\n<em> Bildschnitt:<strong> Leslie Jones, Peter McNulty<\/strong><\/em><br \/>\n<em> Musik:<strong> Jonny Greenwood<\/strong><\/em><br \/>\n<em> Produktionsdesign: <strong>David Crank, Jack Fisk<\/strong><\/em><br \/>\n<em> USA \/ 2012<\/em><br \/>\n<em> zirka <strong>144<\/strong> Minuten<\/em><\/p>\n<h5>Bildquelle: <strong>Senator Entertainment \/ The Weinstein Company<\/strong><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>THE MASTER &#8211; Bundesstart 21.02.2013 Es geht nie um Schuld und S\u00fchne, nicht um das gro\u00dfe Ganze, niemals um Schwarz und Wei\u00df. 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