{"id":806,"date":"2011-04-14T07:12:14","date_gmt":"2011-04-14T06:12:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/?p=806"},"modified":"2011-04-14T09:23:06","modified_gmt":"2011-04-14T08:23:06","slug":"alles-was-wir-geben-mussten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/alles-was-wir-geben-mussten\/","title":{"rendered":"Alles, was wir geben mussten"},"content":{"rendered":"<p><a rel=\"attachment wp-att-811\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/alles-was-wir-geben-mussten\/never-let-me-go-1\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-811\" title=\"Never-let-me-go-1\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Never-let-me-go-1.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"200\" \/><\/a><span style=\"color: #000000;\">Mark Romaneks sehr seltene Ausfl\u00fcge auf die gro\u00dfe Leinwand sind atemberaubende Gegenentw\u00fcrfe zu seinen sonstigen Arbeiten als Musikvideo-Regisseur. Diese Ausfl\u00fcge sind zudem sehr \u00fcberraschende Abwandlungen von bekannten Kino-Mustern. In ONE HOUR PHOTO machte Romanek nicht nur Clown und Sentimentalist Robin Williams zum unberechenbaren Psychopathen, zudem f\u00fchrte er das Publikum mit einer kaltbl\u00fctigen Gelassenheit\u00a0 zu einer Erwartungshaltung, um diese mit einer nicht zu erahnenden Wendung aufzubrechen, die zu den besten des Kinos geh\u00f6rt. Erwartungshaltungen wird auch jeder Zuschauer bei NEVER LET ME GO \u2013 ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN aufbauen, sofern dieser die Romanvorlage von Kazuo Ishiguro noch nicht gelesen hat. Und Mark Romanek tut sein Bestes, mit diesen Erwartungen zu spielen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><!--more-->Ist der Film Romanze oder Drama? Eigentlich beides, aber zudem einer der ungew\u00f6hnlichsten Science-Fiction-Filme der j\u00fcngeren Zeit. Der Zuschauer lernt drei Freunde kennen, die in einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit auf dem englischen Land leben und aufwachsen. Diese l\u00e4ngst vergangene Zeit ist eine, die es nie gegeben hat. Sie beginnt 1952 und endet 1984. Auch wenn sich das Schicksal der Kinder und sp\u00e4teren Erwachsenen schnell offenbart, beschreibt der Film nicht unbedingt eine Dystopie. Indem sich Drehbuch und Romaneks Inszenierung auf die charakterliche Entwicklung der Figuren konzentrieren, wird die Moral der sozialen Utopie nicht hinterfragt. Die Auseinandersetzung mit den Hintergr\u00fcnden der Gesellschaft \u00fcberlassen die Filmemacher vollst\u00e4ndig dem Zuschauer.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die Welt, in der die Freunde Kathy, Tommy und Ruth leben, wirkt wie ein einziger Anachronismus. Die Orientierung anhand der Jahreszahlen wirkt nur noch verst\u00f6render. Der medizinische Fortschritt, die gesellschaftliche Ordnung, Kleidung, die elektronische Ausstattung oder die unverr\u00fcckbare Akzeptanz des Schicksals, alles will nicht so richtig zusammenpassen. Und doch ist alles stimmig, weil der Film damit eine Grundstimmung erzeugt, die den Zuschauer stets fordert. In einer Szene gibt es im Internat einen Basar, auf dem sich die Kinder von ihrem kargen Taschengeld etwas kaufen k\u00f6nnen. Es ist eine bizarre Szenerie, wie freudig erregt die Sch\u00fcler auf ausrangiertes Spielzeug oder nutzlos gewordene Gebrauchsgegenst\u00e4nde reagieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">St\u00e4ndig bewegen sich die Figuren in l\u00e4ndlichen und kleinst\u00e4dtischen Idyllen, doch die Farben wirken ausgeblichen. Das Idyll tr\u00fcgt nur die Figuren, nicht das Publikum. Es ist eben ihre Welt, mit einem Leben, das sie bedingungslos akzeptieren. Nat\u00fcrlich wirft in einer normalen Filmwelt diese bedingungslose Akzeptanz Fragen auf, doch nur, weil dem geneigten Zuschauer ein Blick von au\u00dfen gew\u00e4hrt wird, aus einer alternativen Welt, welche den Figuren innerhalb dieses bizarren Anachronismus unbekannt ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Was Kathy, Tommy und Ruth allerdings hinterfragen, ist ihre Beziehung zueinander. Es ist das zentrale Thema des Films. Liebe, Vergebung und Hoffnung. Die Freundschaft zerbricht, aber nur dem Anschein nach. Denn durch ihr vorherbestimmtes Schicksal bleibt ihre Liebe bestehen und wirkt die Vergebung selbstverst\u00e4ndlich. Und es weckt Hoffnung, Hoffnung auf etwas, das nicht sein kann, weil es in dieser anderen Welt unnat\u00fcrlich w\u00e4re.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><a rel=\"attachment wp-att-815\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/alles-was-wir-geben-mussten\/never-let-me-go-2\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-815\" title=\"Never-let-me-go-2\" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Never-let-me-go-2.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"305\" srcset=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Never-let-me-go-2.jpg 500w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Never-let-me-go-2-200x122.jpg 200w, https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Never-let-me-go-2-300x183.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a>Einer der sch\u00f6nsten Einf\u00e4lle in dieser Geschichte ist die sogenannte Kunstgalerie. W\u00e4hrend ihrer Internatszeit m\u00fcssen die Kinder in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Bilder malen. Eine franz\u00f6sische Sachverst\u00e4ndige begutachtet anschlie\u00dfend die Werke und nimmt sie mit, die besten Gem\u00e4lde werden angeblich in einer Kunstgalerie ausgestellt. Erst sp\u00e4ter im Leben glaubt Tommy zu erkennen, dass die Gem\u00e4lde nicht in einer Galerie ausgestellt, sondern als psychologisches Profil ausgewertet werden. Tommy beginnt exzessiv zu malen, aber auch dabei geht es nicht darum, dem Schicksal entgegenzuwirken, sondern das Leben an sich zu gestalten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Auch wenn NEVER LET ME GO ein sehr ruhiger Film ist, ist er kein langsamer Film. Er ist stimmungsvoll und auf den Punkt fotografiert. Und mit diesen Darstellern h\u00e4tte Mark Romanek nicht besser drehen k\u00f6nnen. Verbl\u00fcffend sind Meikle-Small, Rowe und Purnell als die jungen Pendants von Mulligan, Garfield und Knightley. Doch der Film ist auch zutiefst traurig. In dieser ergreifenden Melancholie ist es ein sehr sch\u00f6ner, sehenswerter Film. Mark Romanek spielt mit den Erwartungen des Zuschauers. Als Einstieg zeigt er, wie der Film enden wird. Er zerschl\u00e4gt Hoffnungen, um sie nach und nach wieder aufkeimen zu lassen, so wie es den Filmfiguren ergeht. Aber Kathy, Tommy und Ruth kennen ihr Schicksal, ihr Anliegen ist lediglich, ihre Beziehung untereinander in Ordnung zu bringen, sich ihrer Zuneigung bewusst zu werden und mit dem Bewusstsein dieser Beziehung wirklich gelebt zu haben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Romanek verweigert dem Zuschauer einen klaren Ausblick auf die Ereignisse, das hat er nur seinen Figuren zugestanden. Das macht den Film zutiefst traurig, zu einer anr\u00fchrenden Romanze, zu einem ergreifenden Drama und zu einem Science-Fiction-Film, wie er eigentlich in seiner Ungew\u00f6hnlichkeit direkt aus den Siebzigern stammen k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_812\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a rel=\"attachment wp-att-812\" href=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/2011\/alles-was-wir-geben-mussten\/never-let-me-go-photocall-54th-bfi-london-film-festival\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-812\" class=\"size-full wp-image-812\" title=\"Never Let Me Go \" src=\"https:\/\/www.alleyways.de\/abgeschminkt\/wp-content\/uploads\/Never-let-me-go-3.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"164\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-812\" class=\"wp-caption-text\">v.l.: Kazuo Ishiguro, Izzy Meikle-Small, Carey Mulligan, Ella Purnell, Kira Knightley, Mark Romanek, Andrew Garfield<\/p><\/div>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Alles, was wir geben mussten &#8211; Never let me go<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Darsteller: Carey Mulligan, Andrew Garfield, Keira Knightley, Charlotte Rampling, Sally Hawkins, Izzy Meikle-Small, Charlie Rowe, Ella Purnell u.a.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Regie: Mark Romanek \u2013 Drehbuch: Alex Garland, nach dem Roman von Kazuo Ishiguro \u2013 Kamera: Adam Kimmel \u2013 Bildschnitt: Barney Pilling \u2013 Musik: Rachel Portman \u2013 Produktionsdesign: Mark Digby<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Gro\u00dfbritannien\/2010 \u2013 zirka 102 Minuten<\/em><\/p>\n<h5><span style=\"color: #000000;\">Bildquelle: Fox Searchlight<\/span><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark Romaneks sehr seltene Ausfl\u00fcge auf die gro\u00dfe Leinwand sind atemberaubende Gegenentw\u00fcrfe zu seinen sonstigen Arbeiten als Musikvideo-Regisseur. 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