BALLAD OF A SMALL PLAYER

Ballad Small Player - (c) NETFLIX– Kino 15.10.2025 (begrenzt)
– Netflix seit 29.10.2025

Macau, die Sonderverwaltungszone von China, ist eine Casino-Stadt die Las Vegas nicht nur auffällig aufdringlich nachempfunden ist, sondern sein amerikanisches Pendant in seiner Dekadenz bereits überholt hat. Das Lord Doyle, der in Wirklichkeit einen gewöhnlichen Namen hat, hier einmal richtig gut Geld als Spieler gewonnen haben muss, wird in den ersten Minuten klar. Ebenso wird gut gezeigt, dass seine Glückssträhne schon einige Zeit abgerissen ist. Lord Doyle wird von Colin Farrell gespielt, und der lässt sich in dieser Rolle auch richtig gehen. Alle Facetten vom Wahnsinn der Spielsucht und des Geltungsdrangs, von Lüge und Selbstbetrug. Der Film ist vom vormaligen TV-Regisseur Edward Berger, der nach „Im Westen nichts Neues“ und „Konklave“ zum dritten Mal in Reihe deutlich macht, für das lineare Fernsehen keine Ambitionen mehr zu haben. „Ballad of a Small Player“ bekam vor dem Netflix-Streaming eine Kinoauswertung, wo sich der Film auch entsprechend seiner überzeichnenden Optik und exzessiven Bildgestaltung angemessen austoben kann.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der vorgibt nur noch einmal richtig gewinnen zu müssen. Doch jeder der schon einmal im Kino war weiß, dass es damit nicht getan sein wird. Auf Lord Doyles Abgründen begegnen ihm die geheimnisvolle Casino-Angestellte Dao Ming, die schräge Privatermittlerin Cynthia Blithe, oder der überhebliche Adrian Lippett, ebenfalls professioneller Spieler – aber mit viel mehr Glück. Zusammen eine bekannte Mischung von Individuen, mit denen sich auch schon des Öfteren kleine, intime Dramen inszenieren ließen. Aber nicht ist bei Edward Berger klein und intim. Seine Idee von einem Portrait eines Spielers ist aufdringlich und aggressiv.

Der selbstzerstörerische Trip des Lord Doyle ist genau so eine Rolle, mit denen sich Colin Farrell seine Reputation als einer der besten Schauspieler seiner Generation verdient hat. Das macht seinen Charakter allerdings nicht besser, und schon gar nicht interessanter. Lord Doyle ist eine leere Hülle für hohe Schauspielkunst. Selbst mit kleinen Hinweisen einer Vergangenheit bekommt Lord Doyle keine Tiefe, und keine Nuancen. Wie Farrell schwitzt, staunt, lächelt, seine Verzweiflung zeigt, seine Selbstlüge vom großen Gewinn kundtut, das ist rundherum beeindruckend. Doch in seiner überladenen und expressiven Art nutzt es sich sehr schnell ab. Wie der Film im Gesamten.

Ballad Small Player 2 - (c) NETFLIX

Mit der geheimnisvollen Dao Ming hätte die Ballade eine gute Chance gehabt, in eine transzendente Ebene vorzudringen. Sie wird angedeutet, aber selbst hier sträubt sich Buch – und Berger selbst – die Erzählung aus der Oberflächlichkeit zu holen. Als Dao Ming kann Fala Cheng nur insofern überzeugen, als das sie die perfekte Verkörperung der verführerischen Unbekannten ist. Sie muss einfach ein Geschöpf aus Lord Doyles verdrehter Phantasie sein. Ein selbstimplizierter Anker, der ihn vor dem endgültigen Absturz bewahren soll. Genau diese spirituelle Bedeutung würde dann aber auch auf die anderen Figuren zutreffen – wo also steht dann diese Geschichte? Noch bevor es zum moralisierenden Finale kommt, wird diese Frage hinfällig.

„Ballad of a Small Player“ sieht gut aus. Für Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“ hat Bildgestalter James Friend die höchsten Auszeichnungen gewonnen, und Friend will offensichtlich auch hier jedes Bild mit Bedeutung füllen. Herausgekommen ist allerdings eine optische Extravaganz, die sehr schnell einen ermüdenden Effekt erreicht, weil James Friend mit den Bildern weder erzählt, noch nuanciert, sondern einfach überfrachtet. Und exakt dasselbe kann man von Volker Bertelmann sagen: „Im Westen…“, Oscar, „Ballad…“, überzeichnet. Das Edward Berger nicht mehr zurück zum deutschen Fernsehen will – oder kann – macht jeder seiner letzten drei Filme deutlich. Und soweit hat er auch für jeden dieser Filme eine eigene anspruchsvolle Ästhetik gefunden. Zu dieser beeindruckenden Ästhetik bräuchte es allerdings auch ansprechende Geschichten.

Ballad Small Player 1 - (c) NETFLIX


Darsteller: Colin Farrell, Fala Chen, Alex Jennings, Tilda Swinton, Deanie Ip u.a.

Regie: Edward Berger
Drehbuch: Rowan Joffe
Kamera: James Friend
Bildschnitt: Nick Emerson
Musik: Volker Bertelmann
Produktionsdesign: Jonathan Houlding
Großbritannien, USA / 2025
101 Minuten

Bildrechte: NETFLIX
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