WER WIR SIND UND WER WIR WAREN

Hope-Gap-Copyright-TOBIS-FilmHOPE GAP
– Bundesstart 29.07.2021

Die Gespräche zwischen Grace und Edward haben nach 29 Jahren Ehe viel mehr philosophischen Charakter, anstelle von persönlicher Tiefe. Grace arbeitet an einer Anthologie von Gedichten der Meister, während Edward aktuell Napoleons Russlandfeldzug in der Schule unterrichtet. Zuhause sitzen beide an ihren Schreibtischen, jeweils Fensterseite, was auch bedeutet, dass sie Rücken an Rücken zueinander ihrer Freizeit nachgehen. Edward korrigiert oder verfasst mit Leidenschaft Artikel für Wikipedia, so wie Grace ihre ausgewählten Gedichte für sich selbst rezitiert. An einem dieser Nachmittage antwortet Edward mit einer zuerst sehr kryptischen Gegenfrage: „Kann jemand etwas über einen gewissen Punkt hinaus vervollständigen?“
In den ersten Minuten erscheint es so, als ob sich das Paar tatsächlich vervollständigt hätte. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Edward längst eine unveränderliche Entscheidung getroffen. Er ist es, der über jenen gewissen Punkt der Vervollständigung nicht hinaus kommt.

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CASH TRUCK

Wrath of Man 1 - Copyright METRO-GOLDWYN-MAYERWRATH OF MAN
– Bundesstart 29.07.2021

Ob Guy Ritchie für die Karriere von Jason Statham verantwortlich ist, dürfen die Historiker entscheiden. Das Jason Statham am besten ist, wenn er in einem Guy Ritchie Film auftritt, ist schon jetzt unbestritten. Es hat eine lange Zeit gedauert, bis eine erneute Kollaboration zustande kam, und dem Action-Kino hätte es gut getan, wenn sie schon viel früher passiert wäre. Der geheimnisvolle Fremde, dessen Motivation lange Zeit im Dunkeln bleibt, ist fast schon eine Standardrolle für den an Mimik befreiten Statham. Harte Action mit brutalen Einschlägen ist auch eher etwas, was Ritchie immer leicht aus dem Ärmel zu schütteln scheint. Wenn nach einem blutigen Überfall auf einen Geldtransporter Stathams Charakter Hill bei dieser Firma anwirbt, dann hat das noch lange nichts originelles. Selbst Hills neuer Spitzname ist weniger witzig als vielmehr Versatzstück, wenn die neuen Kollegen ihn nur H nennen. H wird zu diesem fast namenlosen Fremden, der irgendwie, aber undurchsichtig die Fäden in der Hand zu halten scheint. Und dann fällt auch auf, dass diese nach Blaupause scheinende Geschichte doch ganz anders ist, als Guy Ritchie für gewöhnlich erzählt.

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M. Night Shyamalans OLD

Old - Copyright UNIVERSAL STUDIOS– Bundesstart 29.07.2021

Der Ozean ist allgegenwärtig. Die Tonspur der schlagenden Wellen übertönt an manchen Stellen sogar die Musik von Trevor Gureckis. Doch wer genauer hinhört, dem fällt auch auf, dass sich beide ergänzen. Die Tonebene ist M. Night Shyamalans Vorbote für das, was in der großzügigen Bucht an Unheil über die Protagonisten kommen wird. Dies wiederrum verdeutlicht, dass sich auch OLD als Standard dieses Filmemachers präsentiert. Wobei man bei Shyamalan den Begriff Standard nicht als begrenzte, oder festgefahrene Größe verstehen darf. Aber was Inhalt, Figurenzeichnung und Spannungsmomente betrifft, versucht er erst gar nicht geheimnisvoll oder rätselhaft zu sein. Shyamalans Spiel mit dem Zuschauer ergibt sich gerade aus Vorkenntnis und Wissen um die Erzählung.

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DA SCHEIDEN SICH DIE GEISTER

Blithe Spirit - Copyright 24 BILDER Film GmbHBLITHE SPIRIT
– Bundesstart 22.07.2021

Der Erfolgsautor Charles Condomine hat eine Schreibblockade. Ausgerechnet als die Pinewood Studios einen großen Film von ihm erhoffen. Es ist 1937, und die großen Studios stürzen sich auf Romanautoren, um Originalstoffe für die relative junge Geldmaschinerie zu generieren. Da kommt die Bühnenshow der Spiritualistin Madam Arcati für eventuelle Inspirationen wie gelegen. Der Auftritt entlarvt Arcati als Schwindlerin, was Charles und seine Gattin Ruth nicht davon abbringt, eine Privat-Seance zu erbitten. Was als Ideenschmiede gedacht war, endet im Chaos. Madam Arcati mag in ihrer Bühnenshow weitgehend übertreiben, aber ihre beschränkten Fähigkeiten bringen Charles‘ vor sieben Jahren verstorbene Frau Elvira zurück. Doch Elvira als Geistwesen kann nur von Charles gesehen werden. Das weckt bei Ruth reichlich Argwohn, denn für sie ist dieser angebliche Geist nur das Hirngespinst ihres überspannenden Mannes. Aber seine Schreibblockade ist wie weggeblasen. Und Charles hat nie hinter dem Berg gehalten, dass er Elvira stets als seine Muse betrachtet hat.

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IN THE HEIGHTS

In The Heights - Copyright WARNER BROS– Bundesstart 22.07.2021

IN THE HEIGHTS ist ein überlanges Musical, dass musikalisch und inhaltlich ohne über den Tellerrand zu blicken, auf Latinos ausgerichtet ist. Das man sich selbst als Mitteleuropäer nur schwerlich dem Charme dieser nicht sehr anspruchsvollen Geschichte widersetzen kann, ist dem unbändigen Rhythmus dieses Films zu verdanken. Nicht dem Tempo. Denn IN THE HEIGHTS lässt schnell erkennen, dass er sich gerne Zeit nimmt. An einigen Stellen verliert sich die Inszenierung geradezu in ausschweifenden Längen. Aber seinen immerzu treibenden Rhythmus hält der Film. Er ist eben der Pulsschlag dieses New Yorker Stadtteils, der hauptsächlich von Dominikanern und Puerto-Ricanern bewohnt wird. In Washington Heights sind sie keine Minderheit mehr, aber die Sehnsucht nach der ursprünglichen Heimat ist geblieben. So wie bei Usnavy, der jeden Morgen mit den Worten grüßt, „der beste Tag meines Lebens“, und dabei auf das Bild mit seinem Vater an einem Strand in der Dominikanischen Republik schaut.

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SPACE JAM 2 – A NEW LEGACY

Space Jam 2 - Copyright WARNER BROS– Bundesstart 15.07.2021

Manchmal ergibt sich die nicht ganz vorteilhafte Notwendigkeit, Vergleiche zwischen Original und Nachfolger anzustellen. Michael Jordan hatte seine Karriere bei den Chicago Bulls 1994 für beendet erklärt. Der Erfolg von ROGER RABBIT lag einige Jahre zurück, die Idee für einen ähnlichen Animation- und Live-Hybriden geisterte weiterhin durch die Filmwelt. Und so trafen sich zwei Komponenten, die schon für sich genug Bewunderer hatten und wenig an besonderen Zutaten benötigten. Die Gesellen mit und um Bugs Bunny sowie die lebende Basketball-Legende Jordan sind uramerikanische Institutionen, so wie die Sportart und die Cartoons von Warner für sich. Das erforderte kein High-Concept, sondern das, was das Publikum von beiden erwartete. In seiner naiven Ehrlichkeit wurde SPACE JAM zum vielleicht nicht erfolgreichsten, aber mit Sicherheit beliebtesten Sportfilm in Amerika. Und dieser Ruf ist noch heute generationenübergreifend. Selten können sich erwachsene Männer und kleine Kinder bei einem filmischen Erlebnis näher sein.

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FEAR STREET Trilogie

Fear Street Trio - Copyright NETFLIX


Fear Street 66 - Copyright NETFLIXFEAR STREET PART 3: 1666
– Bundesstart 16.07.20201

In Teil 1 haben Deena und Josh herausgefunden, dass es mit Cindy Berman alias Ziggy nur eine einzige Person gibt, welche die Attacken der Hexe Sarah Fier bisher überlebte. Nachdem Ziggy die Ereignisse aus dem Jahr 1978 erzählt hat, steht endlich fest, wo die Hexe tatsächlich begraben liegt. Um den Fluch endgültig zu brechen, müssen die sterblichen Überreste dem Ort der uralten Prophezeiung zusammengeführt werden. Dabei fährt der Geist von Sarah Fier in Deena, …harter Schnitt, es beginnt Teil 3 im Jahre 1666.
Union ist eine Siedlung von Kolonisten, die dabei sind, in der neuen Welt eine Heimat zu finden. Es sind gottesfürchtige Menschen, und somit auch noch Glauben und Aberglauben untrennbar miteinander verbunden. Im Körper von Sarah erlebt Deena die schicksalshaften Tage, welche zu einer gnadenlosen Hexenjagd führen, die schließlich mit dem Jahrhunderte überdauernden Fluch endet, der Union in zwei Lager spaltet.

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FAST AND FURIOUS 9

Fast Furious 9 - Copyright UNIVERSAL PICTURESF9: THE FAST SAGA
– Bundesstart 15.07.2021

Es geht um die Familie. Denn Familie ist das Wichtigste. Auch wenn man von Dominic Torettos Bruder in 20 Jahren und 850 Filmminuten noch nie etwas gehört hat. Der Ableger HOBBS & SHAW ist in der Zeitrechnung nicht einbezogen, wo Jakob Toretto allerdings ebenso wenig Erwähnung findet. Umso eindringlicher muss diese brüchige Beziehung betrachtet und behandelt werden. Was im Endresultat wie ein Abgesang auf den Straßenrenner zum Super-Agenten mutierten Dominic inszeniert ist. Ausschweifende Blicke in die Vergangenheit erzählen das Schicksal des Vaters Toretto, das Schicksal der Brüder Jakob und Dominic, das Schicksal ihres zweifelhaften, aber stets unterhaltsamen Werdegangs. Längst ist die Spektakelreihe nicht mehr wegen ihrer tollkühn albernen Stunts interessant, sondern wie die Macher unentwegt bisher unbekannte Informationen hernehmen, und damit im bereits existierenden Kanon herum wühlen.

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THE NEST – Alles zu haben ist nie genug

– Bundesstart 08.07.2021

Es sieht nach Routine aus. Rory O’Hara bringt seiner Frau Allison Kaffee ans Bett. Die Kinder Sam und Ben werden zu spät zur Schule gebracht. Allison arbeitet in einer Reitschule. Vater Rory kommt nachhause, gefolgt von einem entspannten Abendessen der Familie. Es sieht vertraut aus. Aber es hat nicht die sorgenfreie, gelöste Atmosphäre die man aus vergleichbaren Szenen-Montagen kennt. Ist wirklich alles nur Routine? Bis Rory seiner Frau beim morgendlichen Kaffee am Bett offenbart, dass die Familie von New York nach London umziehen wird. Die Geschäftsmöglichkeiten für Rory sind erschöpft. Der freie Unternehmer könnte aber als selbstständiger Teilhaber in seiner alten Firma ein Vermögen machen. Ein überdimensioniertes Landgut, ein eigener Reitstall, die beste Schule für die Kinder. Doch was als Höhenflug gedacht war, hebt nicht ab, es rast auf das Ende der Rollbahn zu.

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MONSTER HUNTER

Monster Hunter - Copyright CONSTANTIN FILMMonster Hunter
– Bundesstart 08.07.2021

Milla Jovovich und Tony Jaa im körperlichen Zweikampf, könnte man schon als ironisches Spektakel betrachten. Aber Paul William Scott Anderson, nicht Thomas, inszeniert das mit so einer verbissenen Ernsthaftigkeit, dass kein Raum bleibt für humorvolle Ansätze. Und es bleibt kein Raum, diese Szene schön zu reden. Jovovich kann sich lediglich über Schnitt und nahe Einstellungen über die Sequenz retten. Was die Frage aufwirft, wozu eine Kampf-Ikone wie Jaa überhaupt engagieren wird. Zu diesem Zeitpunkt hat Anderson seinen Film längst in den zweiten Akt gebracht, und der erwartungsvolle Zuschauer hat ohnehin längst verstanden, dass es für diese filmische Misere kaum noch Hoffnung geben wird.

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THE LITTLE THINGS

Little Things - Copyright WARNER BROS– Bundesstart 08.07.2021

Diese Besprechung liegt der Streaming-Fassung von HBOmax zugrunde.

Zuerst ist alles ein Testosteron gesteuertes Alpha-Gehabe. Der gerade aufstrebende und sehr ehrgeizige Detective Jim Baxter ermittelt im Fall eines Serienmörders. Er fordert den Älteren und mit extrem hohen Reputationen ausgestatteten Deputy Sheriff ‚Deke‘ Deacon heraus. Es dauert nicht lange, bis sich beide eingestehen müssen, dass der eine hat, was dem jeweils anderen fehlt. Mehr mit Gefühl als mit sicheren Hinweisen, machen sie bald einen Verdächtigen fest. Der hat sich allerdings schon lange im Vorfeld auf die Polizei vorbereitet. Das ist einfach betrachtet, die klassische Handlungsstruktur eines gefälligen Polizeithrillers. Doch jedem der darin verwobenen typischen Elemente, setzt John Lee Hancocks Film einen raffinierten Kontrapunkt entgegen.

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PERCY

Percy 2 - Copyright MFAa.k.a. PERCY vs GOLIATH
– Bundesstart 01.07.2021

Wer schon einmal in der Landwirtschaft tätig war, oder jemanden aus dieser Profession kennt, der weiß wie zäh und abgebrüht ein Farmer sein muss. Meist sind sie eigenwillig und unermüdlich, müssen es auch sein. Möchte jemand einen Menschen wie Percy Schmeiser darstellen, muss dieser ausdrücken können, was man als Außenstehender normalerweise nicht sehen kann. Es ist die innere Festigkeit, eine Stärke die fokussiert ist. Christopher Walken könnte viel artikulieren, er könnte viel gestikulieren, er könnte sehr viel tun, um das aufgewühlte Innenleben seiner Figur zu transportieren. Christopher Walken kann so etwas, ohne Buch, ohne Sparingspartner, ohne Textprobe. Aber dann wäre er nicht Percy Schmeiser. Aber Christopher Walken ist auch genau der Typ, der Percy kann. Eine glaubhafte, ehrliche Figur, die Clark Johnsons Adaption über Schmeisers Kampf gegen Monsanto wirklich ein besonderes Format gibt.

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Bob Odenkirk is NOBODY

Nobody - Copyright UNIVERSAL STUDIOS– Bundesstart 01.07.2021

In seiner Karriere als hervorragender Comedy-Autor wurde Bob Odenkirk lange Zeit besser wahr genommen. Als Akteur hingegen, meist als gern gesehener Sonderling aus der zweiten Reihe, war es ein eher steiniger Weg bis BREAKING BAD. Das seine Mitwirkung in NOBODY im Windschatten von Odenkirks Jimmy McGill a.k.a. Saul Goodman geschah, darüber braucht man nicht mutmaßen, und ist auch irrelevant. Um aus jenem Windschatten der Typisierung heraus zu kommen, haben schon vor ihm viele andere Darstellerinnen und Darsteller als Nachfolgeprojekte unabhängig produzierte Filme gewählt. Was oftmals bei anderen als angedachter Befreiungsschlag misslang, funktioniert bei Bob Odenkirk überraschend gut. Nicht nur wegen seines charismatischen Talents, sondern auch wegen des raffiniert konstruierten Drehbuchs von Derek Kolstad.

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JUDAS AND THE BLACK MESSIAH

Judas ATBM - Copyright WARNER BROS– Bundesstart 01.07.2021

Akua Njeri ist in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung noch immer aktiv. Nach dem Tod ihres Verlobten Fred Hampton nahm sie diesen traditionell afrikanischen Namen an. Als Deborah Johnson hatte sie sich in Hampton verliebt und einen gemeinsamen Sohn auf die Welt gebracht. Fred Hampton Jr. nahm das Erbe seines Vaters auf und ist heute Vorsitzender der wichtigsten sozial ausgerichteten Minderheiten-Verbänden in Illinois. Er ist auch Poet, eine Begabung, die wahrscheinlich auf seine Mutter zurück zu führen ist. Diese hat schon in jungen Jahren Vater Fred Hampton als Anführer der Black Panther Party von Illinois ermahnt, er solle sich in seinen Reden wesentlich gewählter ausdrücken. So lernten sie sich kennen, und so schließt sich der Kreis, von der Geschichte einer Film-Adaption bis dahin, wie es das reale Leben beeinflusst. Und so müssen richtig gute Biografien auch gemacht sein. Das man sich hinterher immer noch für mehr interessiert.

Doch eigentlich erzählt der Film die Geschichte von William O’Neal, ein Autodieb und späterer Verräter. Er ist der Judas in der wahren Geschichte. Es ist 1968, und der 21 jährige Fred Hampton gerät ins Kreuzfeuer von FBI und Polizei. Der charismatische Mann rekrutiert sehr erfolgreich neue Mitglieder für die Black Panther. Der 17 jährige William wird angeheuert, Hamptons engsten Kreis zu infiltrieren und zu spionieren. Der Erlass von einer ausstehenden, langjährigen Haftstrafe sind seine dreißig Silberlinge.

Das eigentlich Phänomen an der Geschichte ist das Alter der realen Figuren zu jener Zeit. Während der Dreharbeiten war Kayuula als Hampton bereits 31 und Stanfield als O’Neal 29. Was seiner Zeit gewöhnlich und nachvollziehbar war, wäre heute nur schwer zu vermitteln. Deswegen war es gut, dass sich Filmemacher Shaka King auf den Kern der beiden zusammenlaufenden Handlungsebenen konzentriert, und lieber mit der charismatischen Kraft von bekannten Darstellern die Geschichte unterstützt. Wenn schon aus dramaturgischen Gründen Elemente verändert werden müssen, dann auch mit weisen Entscheidungen. Das filmische Ergebnis gibt diesen Entscheidungen recht.

Das siebziger Jahre Setting vervollständigt sich mit Sean Bobbitts Faible für die eher klassische Photographie, wie er unter anderem auch PLACE BEYOND THE PINES, 12 YEARS A SLAVE oder zuletzt THE COURIER geprägt hat. Da gibt es keine selbstgefälligen Spielereien, sondern die Bilder sind auf den Moment fixiert. Und dabei liegt die Gewichtung auf den handelnden Personen. Es gibt eine imposante Ausnahme in der Regel, wenn der Zuschauer ein riesiges Auditorium mit unzähligen FBI-Agenten zeigt, welche in der Dunkelheit, und somit in der Anonymität verschwinden. Nur J. Edgar Hoovers fratzenartiges Gesicht wird als Synonym für das Übel bildfüllend dazwischen geschnitten.

Judas ATBM 1 - Copyright WARNER BROS

Selbstverständlich liegt das Hauptaugenmerk auf Daniel Kaluuya als Fred Hampton. Und er wird dieser Rolle mehr als gerecht, er lebt sie und transportiert es mit jeder Faser seines Könnens. Um diese Geschichte zu erzählen bedarf es auch dieser durchdringenden Intensität. Fred Hampton war einer der bedeutendsten Anführer in der Black Panther Party, der weit über den Tellerrand sah und über das maßgebliche Ziel hinaus dachte. Sein Gedanke war nicht allein bei der schwarzen Minderheitenbewegung. Er ging auf die Hispano-Anführer zu, holte die Vertreter von sozial Benachteiligten mit ins Boot, und er organisierte Essensausgaben für arme Kinder.

Letztendlich formte Hampton die legendäre und gerne vergessene Regenbogen-Koalition, die alle Minderheiten vereinte. Und das kein Kind in Illinois Hunger haben sollte, war für das FBI schon viel zu weit am Kommunismus. Hier ging für das paranoide Bureau William O’Neal ins Rennen, der soviel Informationen von Hamptons inneren Zirkel liefern sollte, dass man den unangenehmen Schwarzen endlich aus dem Verkehr ziehen konnte. LaKeith Stanfield bleibt hier der verschmitzte Kleinganove, der einzig und allein Angst um seiner selbst hat. Man spürt bei Stanfield, wie er mit fortschreiten der Handlung immer mehr diebische Freude an diesem Spiel gewinnt. Allerdings zeigt er auch sehr beeindruckend, dass er sich seiner Konsequenzen nie wirklich bewusst ist.

Die spannende Dualität der beiden unterschiedlichen Charaktere hat Regisseur Shaka King sehr intensiv inszeniert. Er gibt immer die notwendige Zeit, damit sich der Zuschauer auch richtig in die einzelnen Settings einfühlen kann. Doch King erzählt nicht langwierig, oder zäh, sondern genau im Tempo, um dieser wahren Geschichte auch emotional gerecht zu werden, und genau dadurch die Spannung aufzubauen und zu halten.
Und das führt dann auch wieder dazu, was eine gute Biografie ausmacht. Man beginnt sich darüber hinaus zu interessieren. Dazu gehört dann auch das Schicksal von William O’Neal, welches unbedingt in den Bereich der Verschwörungstheorie einzuordnen ist.

Judas ATBM 2 - Copyright WARNER BROS

 

Darsteller: LaKeith Stanfield, Daniel Kaluuya, Jesse Plemons, Dominique Fishback, Ashton Sanders, Martin Sheen, Algee Smith u.a.
Regie: Shaka King
Drehbuch: Will Berson & Shaka King
Kamera: Sean Bobbitt
Bildschnitt: Kristan Sprague
Musik: Craig Harris, Mark Isham
Produktionsdesign: Sam Lisenco
USA / 2021
126 Minuten

Bildrechte: WARNER BROS.
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„Frankly my Dear, I give a Damn“

Ab 01.07 2021 offiziell im Kino

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Godzilla King Kong 1a - Copyright WARNER BROSNomadland - Copyright DISNEY ENTERPRISES

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GODZILLA vs KONG: Rezension vom 3. April 2021, auf HBOmax

NOMADLAND: Besprochen am 26. Mai 2021. Vorab im Cinecitta Nbg.

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Possessor 1 - Copyright ARCLIGHT FILMSConjuring 3 - Copyright WARNER BROSPOSSESSOR: Beitrag am 21. September beim Fantasy Filmfest.

CONJURING 3: Beitrag beim Fantasy Filmfest am 17. Juni 2021

 

 

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