George Clooney – JAY KELLY

Jay Kelly - (c) NETLIX– Kinostart 20.11.2025
– Netflix seit 05.12.2025

„Weißt du wie schwer es ist du selbst zu sein? Wenn du ein Star bist, musst du doppelt spielen. Einmal, wenn du deine Rolle spielst, und dann auch wenn du dich selbst spielst.“ Es fasst perfekt zusammen, wie Lenny Henry als Schauspiellehrer das spätere Leben des Superstars vorwegnimmt. Lenny Henry ist einfach großartig bei seinem kurzen Auftritt in einer Rückblende in Jay Kellys Leben. Viele Schauspieler haben nur kurze Rollen in diesem Film, und sie alle sind großartig. Jede und jeder bekommt von Autor und Regisseur Noah Baumbach diese wunderbaren Momente zu glänzen. Das macht diesen Film so eindrucksvoll. Als Zuschauer überkommt einem die Frage, inwieweit sich all diese namhaften Darsteller auch im wirklichen Leben verstellen – eine Rolle spielen. Laura Dern, Billy Crudup, Adam Sandler, Jim Broadbent, Stacy Keach, Riley Keough, Patrick Wilson, oder Greta Gerwig, die Frau des Regisseurs. Dieser hat das Drehbuch mit Emily Mortimer geschrieben. Auch sie hat ihre Momente zu glänzen. „Das musst du wirklich wollen, Jay“, erklärt Lenny Henry seinem Schüler. Und Jay Kelly wollte es so – genau so.

Noah Baumbachs Geschichten und resultierenden Filme sind – irgendwie sogar „Barbie“ – Geschichten über das reale Leben. Meist über die oder den amerikanische/n Jederfrau oder Jedermann. „Frances Ha“ oder „Greenberg“, „Gefühlt Mitte Zwanzig“ oder „Marriage Story“. Mit „Jay Kelly“ geht Baumbach einen riesigen Schritt weiter, in sein eigenes Milieu, in eine Art Überwelt. Das Leben derer, die wir bewundern, denen wir nacheifern, deren Leben wir gerne haben würden. Mit der Besetzung von George Clooney in der Rolle des weltweit bekannten und gefeierten Schauspielers und Superstars Jay Kelly, schafft Baumbach eine abstrakte Metaebene.

Die letzte Szene des jüngsten Films von Jay Kelly ist eine Sterbeszene. Eine Situation die ihn nach all den Jahren des strahlenden Erfolgs nachdenklich macht, und kurzentschlossen zum Abdanken bringt. In erster Linie eine Beziehung zu seinen beiden Töchtern aufzubauen, wo vorher keine Beziehung war. Es ist ein Film über Selbstfindung, über Reflexion, und auch Selbstbetrug. Aber es ist kein trauriger Film. „Jay Kelly“ ist ehrlich. Wo am Ende also ein freudestrahlendes, bittersüßes Happy End zu erwarten wäre – es wäre dem sympathischen Jay gegönnt – zaubert Baumbach ein eigenes Finale aus dem Drehbuch. Es ist ein befriedigendes Ende, alle Beziehungen sind zur Zufriedenheit geklärt – das sei verraten – und doch ist es nicht wie erwartet.

Es gibt eine gute Anzahl von Filmen, die sich mit dem gleichen Themen auseinandersetzen. „Sunset Boulevard“ dürfte wohl das eindringlichste Beispiel dafür sein. Aber Billy Wilders Psychodrama eines Stars ist eine bitterböse Abrechnung mit dem Star-System von Hollywood. „Jay Kelly“ will das gar nicht sein. Baumbach liefert das System zum anfassen, zum begreifen. Einer der größten Schauspieler unserer Realität spielt einen der größten Schauspieler in jener alternativen Welt. Es fällt schwer den Darsteller von der Figur zu trennen, und genau das macht den unbändigen Reiz aus. Ohne George Clooney wäre „Jay Kelly“ ein beliebiger Film.

Jay Kelly b - (c) NETLIX

Clooney mag nicht der beste Darsteller unserer Zeit sein, aber er ist zweifelsfrei einer der, wenn nicht der bekannteste und sympathischste. Das schafft eine Verbindung weit über den Film hinaus. In einer Szene murmelt Jay seinen Namen, um sich nach einer schlechten Nachricht zu beruhigen. Er nennt seine Namen, er nennt Gary Cooper, Cary Grant, Clark Gable. Jay Kelly setzt sich im Film in eine Reihe von Filmstars, mit denen der wirkliche George Clooney Zeit seiner Karriere verglichen wird. Solche Gänsehaut-Momente gibt es einige, trotz „Jay Kelly“s Leichtigkeit.

Zu keinem Zeitpunkt will der Film denunzieren oder bloßstellen. Warum sollte er auch. Wesentlich intensiver sind die scharfsinnigen Gedanken und Beobachtungen in eine oftmals missverstandene oder erst gar nicht hinterfragte Welt. Da vergisst der Film auch nicht diejenigen, die einen Jay Kelly überhaupt erst möglich machen, die nicht weniger interessant oder einnehmend porträtiert sind. Es ist ein stimmiger Kosmos von realen Menschen die voneinander abhängen und auch ihren Platz im Gefüge kennen. Die atemberaubend dynamische Laura Dern als Jays Publizistin. Ein verzweifelter Jim Broadbent als erster Regisseur des späteren Stars. Die beherrschte, aber resolute Riley Keough als Jays entfremdete Tochter Jessica. Oder der fast unkenntliche und gebrochene Billy Crudup als auf der Strecke gebliebener Weggefährte.

Die Handlung ist relativ geradlinig, ohne konstruierte Haken. Jay Kelly will sein Leben und damit vor allem seine Karriere überdenken. Seine Gedanken reisen dazu einige Male zurück in der Zeit.  Das sind natürlich Übergänge die Baumbach originell aber nicht überzogen inszeniert. Handwerklich ist der Film tadellos, aber es bleibt ein Werk, welches durch seine Darsteller getragen wird. Und jeder dieser Darsteller – um es zu wiederholen – darf selbst in nur kurzen Szenen wirklich glänzen. Und das auch über Adam Sandler sagen zu können, ist erstaunlich. Ron Sukenick ist Kellys Manager und immer an dessen Seite. Sandler spielt hier mit unglaublicher Würde und Feingefühl einen Mann, der stets seinen Job mit Freundschaft verwechselt, und doch immer nur die Rücksichtslosigkeit seines verwöhnten Klienten ausbaden muss.

Noah Baumbach – wie eigentlich üblich in seiner bisherigen Laufbahn – hat mit „Jay Kelly“ erneut einen rundherum stimmigen Film gemacht. Mühelos gleitet der Regisseur von turbulenten und lauten Massenszenen, die starke Erinnerungen an Altmans „The Player“ wecken, zu charmanten Momenten von nachdenklicher Retrospektive. Ein einfühlsames Hin und Her von gelungenen atmosphärischen Wechseln, dem sich keiner wirklich entziehen kann. Dennoch fehlen dem Film scharfe Ecken und Kanten, und etwas mehr Zynismus. Es fehlt ein bisschen das Unbequeme. Ein ‚kann‘, aber kein ‚muss‘. Denn mit – und wegen – George Clooney gelingt auch so ein sehr intelligenter Film, mit einer bemerkenswert entwaffnenden Metaebene.

Jay Kelly a - (c) NETLIX


Darsteller: George Clooney, Adam Sandler, Laura Dern, Billy Crudup, Riley Keough, Stacy Keach, Jim Broadbent, Ewe Hewson, Greta Gerwig, Patrick Wilson u.a.

Regie: Noah Baumbach
Drehbuch: Noah Baumbach, Emily Mortimer
Kamera: Linus Sandgren
Bildschnitt: Valerio Bonelli, Rachel Durance
Musik: Nicholas Britell
Produktionsdesign: Mark Tildesley
Italien, Großbritannien, USA / 2025
132 Minuten

Bildrechte: NETFLIX
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