– Bundesstart 26.03.2026
– First Release 14.11.25 (IRL)
Lorenz Hart wurde nur 47 Jahre alt. In seinem Verwandten- und Bekanntenkreis war man eher überrascht, dass der starke Trinker überhaupt solange durchgehalten hat. Lorenz Hart war die bessere Hälfte von ‚Rodgers and Hart‘, die Musical-Koryphäen in den anfänglichen Hochzeiten des Broadway. Der eine schrieb die Musik, der andere die Texte. Lorenz Hart war das bemerkenswerte Talent in die Wiege gelegt worden, wie aus dem Nichts Binnen- und mehrsilbige Reime zu formen – trotz Alkohol. Eine seltene Kunst, die Drehbuchautor Robert Kaplow in den Monologen von „Blue Moon“ seinem Protagonisten Hart immer wieder beweisen lässt. Ein komplexes Drehbuch, welches an einem Ort, in nur einer Nacht, den kaum greifbaren Charakter des Lorenz Hart erfassen soll. Ein Herzensprojekt von Regisseur Richard Linklater und Schauspieler Ethan Hawke, welches beide über zehn Jahre verfolgen. Und nun, nach all diesen Jahren ist „Blue Moon“ die bereits neunte Zusammenarbeit von Linklater und Hawke.
März, 1943: Das Musical ‚Oklahoma!‘ feiert Premiere. Es ist das erste Musical, dass Richard Rodgers mit Oscar Hammerstein II geschrieben hat. Zuvor hatte sich Rodgers von Lorenz Hart wegen dessen Trunksucht getrennt. Hart verlässt die Premiere vorzeitig, und wartet im Restaurant Sardie’s auf seine angebetete Elizabeth, um endgültig ihre Liebe zu gewinnen. Nach der Vorstellung werden die Macher und das Team von ‚Oklahoma!‘ noch die Premiere im Sardie’s feiern. Es wird ein langer Abend für Lorenz Hart, in dem er ausgiebig über sich, das Leben, und seine Liebe referiert.
Es wäre nicht verkehrt, „Blue Moon“ als Ein-Mann-Stück zu bezeichnen. Eindrucksvolle Namen wie Bobby Cannavale, Andrew Scott und vor allem Margaret Qualley brillieren in Rollen, die eigentlich nur Stichwortgeber für Harts ausschweifende Monologe sind. Das ist insofern nicht falsch, weil es eben diese fabelhaften Darsteller sind, die auch derart reduzierte Figuren mit Bedeutung füllen können. Cannavale als verständnisvoller Barkeeper, Scott als verhaltener Rodgers, und die einfach herzerweichende Margaret Qualley als ahnungsloses Objekt der unerwiderten Begierde.
Unterschätzt werden darf aber auch nicht der sehr souveräne Jonah Lees als Klavier spielender Soldat, der Harts Erzählungen, Belehrungen, oder Hypothesen mit bekannten Melodien kommentiert, untermalt, oder konterkariert. Darunter natürlich auch die ‚Rodgers and Hart‘ Klassiker ‚Blue Moon‘ oder ‚Lady is a Tramp‘.
Aber es ist der Film von Ethan Hawke – leidenschaftlich, überheblich, zerbrechlich, eitel, herausfordernd, verletzlich, bissig, unterwürfig. Und Hawke projiziert all das auf einmal. Jeder Wesenszug ist bei ihm allgegenwärtig. Doch gleichzeitig schwingt auch immer etwas bedauernswertes in dieser Figur mit. Die Komplexität in Kaplows Drehbuch ergibt sich aus dem komplizierten Charakter des Lorenz Hart. Aus den Briefen zwischen Lorenz Hart und seiner von ihm verehrten Elizabeth Weiland wurde die im vertretene Figur für den Film geformt. Damit entfacht Ethan Hawke – mit überkämmter Halbglatze und getrickster Kleinwüchsigkeit – eine darstellerische Tour de Force.
Richard Linklater inszeniert diesen fast ununterbrochen redenden Lorenz Hart wie auf einer 360° Bühne. Shane Kellys Kamera ist ein dynamischer Beobachter der sich um den frei bewegenden Hart dreht, sich entfernt oder annähert. Die Kamera übernimmt den Rhythmus von den Dialogen, die manchmal präzise geschliffen und scharfsinnig sind, aber manchmal auch abschweifend selbstsüchtig werden. Selbst in Harts Überheblichkeit zeigt Ethan Hawke seine Figur als extrem verwundbaren Menschen.
Richard Linklater – ein Schauspielregisseur par excellence – gibt seinem Hautdarsteller größtmöglichen Freiraum. Mit Sandra Adairs feinfühligem Schnitt, bestimmt Linklater auch das Tempo des Films. Adairs Schnitt funktioniert durchaus auch wie ein Versmaß aus der Feder des Musical-Schreibers. Ob sich Hart an die anderen Protagonisten wendet, oder sich an sein Innerstes richtet, Linklater lässt kaum Pausen zum durchatmen. Es ist nicht immer einfach hier mitzuhalten, manchmal sogar etwas anstrengend, doch es reflektiert sehr raffiniert die turbulente Gedankenwelt des Lorenz Hart. Richard Linklater und Ethan Hawke haben diesem Mann ein bemerkenswert persönliches Denkmal gesetzt, der gerade wegen seines skurrilen Charakters von seinem Umfeld geliebt wurde – was die filmischen Adaption nicht einfacher macht.
Darsteller: Ethan Hawke, Bobby Cannavale, Margaret Qualley, Andrew Scott, Jonah Lees, Patrick Kennedy, Simon Delaney, Cillian Sullivan u.a.
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Robert Kaplow
nach den Briefen von Lorenz Hart
Kamera: Shane F. Kelly
Bildschnitt: Sandra Adair
Musik: Graham Reynolds
Produktionsdesign: Susie Cullen
Irland, USA / 2025
100 Minuten

