– Bundesstart 19.02.2026
– Release 25.09.2025 (ISR)
Die erste wirklich ernstzunehmende Vorreiterin für harte Frauen gehobeneren Alters war sicherlich Gena Rowlands in „Gloria“. Rowlands war seinerzeit erst 50, aber in Maßstäben der Filmindustrie für attraktive selbstbewusste Frauen schon abseits der Akzeptanz von Studiobossen. Film, Konzept und Darstellerin sind genial, aber richtig durchgesetzt haben sich die Frauen jenseits der demographischen Zielgruppe nicht wirklich. Helen Mirren gibt ordentlich Blei in „Red“, oder Allison Janney, die in „Lou“ das Böse in die Schranken weist. Warum auch nicht Emma Thompson, die außer im Bett mit Daryl McCormack in „Meine Stunde mit Leo“ selten physisch fordernde Rollen hatte. In einer wirklich sehr ungewöhnlichen Rolle geht nun Thompson in Brian Kirks „Dead of Winter“ voll in Liam Neeson-Modus. Der Unterschied zu Neeson, Rowlands oder Janney ist allerdings, dass sie eben Emma Thompson ist. Ihre Barb darf etwas wehleidig sein, mit den körperlichen Einschränkungen des Alters kämpfen, oder auch leichte Züge einer unbescholtenen naiven Frau aus dem Hinterland haben.
Es sind aber auch sehr selbstständige Menschen, welches das Hinterland von Minnesota formt, wo der nächste Nachbarn eine Stunde, und der nächste Arzt zwei Stunden entfernt ist. Die in die Jahre gekommene Barb ist so eine Frau, die mit ihrem Mann im Ländlichen einen Laden betrieben hat. Jetzt will sie seine Asche an dem See verstreuen, auf dem sie ihre erste Verabredung hatten, zum Eisfischen. Es ist die kälteste Zeit des Winters (Dead of Winter), bitterkalt und unerbittlich. Im Schneesturm verfährt sich Barb, und irgendwo im nirgendwo fragt bei einer Hütte nach dem Weg. Der ominöse Besitzer hilft, aber Barb merkt auch, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.
Die Atmosphäre stimmt, die Brian Kirk aufbaut, sie folgt gewohnten Pfaden. Die Vorstellung der Hauptfigur, kurze Rückblenden zum ersten Date, das unwirkliche Wetter dieser Jahreszeit. Die Kamera (Christopher Ross) taucht die Szenerie in kalte, ausgewaschene Farben, die von trostlosem Blau dominiert werden. Lediglich in den Rückblenden symbolisieren freundliche, strahlende Farben eine bessere Zeit. Die Kamera versteht in ihren Einstellungen sehr gut die Landschaft darzustellen und charakterisieren, aber auch die Figuren und ihre Emotionen zu unterstreichen. Lediglich die Kontrast- und Farbgebung wirkt in ihrer Tristesse schnell ermüdend.
Erst beim Eisfischen, auf dem zugefrorenen See, sieht Barb den ominösen Mann von vorher wieder, bleibt aber unbemerkt. Er verfolgt ein junges Mädchen und verschleppt es dann zurück zu seiner Hütte. Barb wagt einen Versuch dem Mädchen zu helfen, wird dabei allerdings vom ominösen Mann und seiner sehr übel gelaunten Frau überrascht. Es beginnt eine Hetzjagd, abwechselnd durch die Wälder und über den See, und ein Katz- und Mausspiel um die Hütte herum. Die mit allen Wassern gewaschene und mit den Winterverhältnissen vertraute Barb ist ihren zwei Verfolgern immer einen knappen Schritt voraus. Aber die Frau und der Mann verfolgen mit dem Mädchen einen perfiden Plan, der es nicht zulässt, davon abzulassen.
Von einem ansprechenden Drama mit Spannungsmomenten, wendet sich die Handlung nach und nach dem Exploitation-Kino zu. Wo Emma Thompson in allen Bereichen aufgeht, als wäre sie dafür geboren. Die Konfrontationen werden intensiver und blutiger. Nervenzerrendes Beispiel ist Barbs explizites Nähen ihrer eigenen Wunde (was seit „Rambo“ zum Standard von Einzelkämpfern gehört). Eigentlich die gesamten körperlichen Strapazen der Figuren geben dem Film einen wunderbaren Touch des Unerbittlichen. Die handlungsbestimmende Eisfalle auf dem See, ist hierbei ein ganz besonderes Vergnügen. Judy Greer als kaltschnäuziges, Fentanyl abhängiges Scheusal scheint ihre Rolle der Frau in der lila Jacke richtig zu genießen. Greer hat im Geschäft selten Gelegenheit richtig eklig zu sein, und sich dann auch noch mit Thompson so richtig auf dem Eis zu prügeln, darin geht sie merklich auf.
Die perfekten Zutaten sind eigentlich gegeben, nur tut sich Regisseur Kirk immer wieder schwer, einen kohärenten Spannungsbogen zu halten. In einigen Szenen lässt er Barb Zeit und Gefahr vergessend in der Hütte verweilen, oder über das Eis laufen, als wären die Bösen einfach ausgeblendet. Solche Szenen profitieren zwar von Thompsons einnehmend intensivem Spiel, haben aber nie die richtige Dynamik. Wenn sie sich selbst näht, sich um die Geisel im Keller kümmert, oder Hütte und Autos nach Waffen durchsucht – inszeniert ist das immer, als hätte Barb alle Zeit der Welt.
Und über den ganzen Film hinweg tönt etwas zu aufdringlich Volker Bertelmanns Score. Der deutsche Komponist hat schon zu Recht viele Preise gewonnen, aber er ist auch ein immenser Vielschreiber, was selbstredend auch weniger gute Soundtracks herausfordert. „Dead of Winter“ hat so eine weniger gute Musikuntermalung, die durchaus Erinnerungen an Carter Burwells „Fargo“ weckt. Für diese Mischung aus Drama und Action trägt Bertelmanns Musik etwas zu dick auf. Es macht den Film nicht schlechter, aber es könnte auch besser sein. Darunter leidet dieser grundsätzlich spannende Thriller ein bisschen – unter Kleinigkeiten. Hier und da würden Verzicht oder Zuspitzung einen kompakteren, schlüssigeren Film ergeben. In erster Linie betrifft das allerdings Brian Kirks unkonzentrierte Inszenierung. Aber allein Emma Thompson als glaubwürdige Einzelkämpferin erleben zu können ist überragend – in einem ebenso emotionalen wie fesselnden Thriller, der aber besser sein könnte.
Darsteller: Emma Thompson, Judy Greer, Marc Menchaca, Laurel Marsden, Gaia Wise, Cúán Hosty-Blaney u.a.
Regie: Brian Kirk
Drehbuch: Nicholas Jacobson-Larson, Dalton Leeb
Kamera: Christopher Ross
Bildschnitt: Tim Murrell
Musik: Volker Bertelmann
Produktionsdesign: David Hindle
Kanada, Deutschland, USA / 2025
98 Minuten

