– Release Start 18.03.2026
Preview 14.03.2026, Cineplex, Fürth
Sollte sich jemand immer noch fragen, was einen guten Popcorn-Film ausmacht, für den haben Phil Lord und Christopher Miller die Antwort. Ein Autoren und Regie Duo, dass die cineastischen Freuden „Wolkig mit Aussicht auf Fleischklößchen“ oder auch „The Lego Movie“ zur Welt brachten, und die „Spider-Verse“-Trilogie mit verantworten. Filme, die allerdings eher im unkonventionellen Spektrum angesiedelt sind. „Project Hail Mary“ geht aber die gerade Linie des formelhaften Tentpoles, jene aufwendigen Prestigeprojekte die alleine den Jahresumsatz eines Studios decken könnten. Mit „Project Hail Mary“ geht das Duo diesen Weg, brachial mit allem was das Mainstream-Kino bieten kann und ein Popcorn-Film braucht. Eine handfeste Geschichte, aufregende Actionelemente, großartige Kulissen, mitreißende Effekte, überwältigende Weltraumbilder, herzerweichendes Drama in den richtigen Momenten, starken Humor in den anderen Momenten, und die denkbar ansprechendsten Charaktere die eine positive Geschichte finden kann.
„Project Hail Mary“ ist perfekt in all dem was er braucht und liefert – außer vielleicht einer einzigen eigenständigen Idee. Die bisher unbekannte parasitäre Substanz ‚Astrophage‘ bedroht die Sonne, der Menschheit bleiben nur wenige Jahrzehnte. Alle Sonnen der Milchstraße sind bedroht, bis auf jene im Tau Ceti System viele Lichtjahre entfernt. Gegen seinen erklärten Willen ist Mikrobiologe Ryland Grace auf dem Weg dorthin, um zu erkunden warum Tau Cetis Sonne immun gegen ‚Astrophage‘ ist.
Ein Charakter wie Ryland Grace braucht natürlich auch einen Darsteller, der ein relatives Ein-Mann-Stück mit allen Herausforderungen und Ansprüchen auch dem breitesten Spektrum an Publikum nahe bringen kann. Grace ist erst einmal ein unbedeutender Lehrer von Siebtklässlern, aber mit einer radikalen und verachteten These der Regierung aufgefallen, die nun hilfreich wäre. Ein Angsthase ohne Selbstwertgefühl muss alleine auf sich gestellt im Weltraum weit über sich hinauswachsen. Da braucht es nicht einfach nur einen überzeugenden Schauspieler – Auftritt: Ryan Gosling.
Natürlich ist in Zeiten wie diesen Ryan Gosling einer der, wenn nicht der gefälligste Darsteller überhaupt. Sein Spiel, sein Charme, sein Talent von kindlicher Simplizität zum glaubwürdigen Übermensch zu mutieren. In Zeiten wie diesen bleibt Ryan Gosling ohne Alternative. Es geht um pure Unterhaltung, mit größtem Anspruch im eigenen Kosmos. Und schließlich muss Goslings Charakter auch auffangen, was sein Filmpartner Rocky dem Publikum vielleicht nicht sofort deutlich machen kann.
Denn Rocky ist eine Art fünfbeinige Spinne, nur aus Stein, und verständigt sich mit Quietschlauten und sieht nur mit Echolot. Rocky ist keine CGI-Gestalt, sondern gute alte Handarbeit, von Puppeteer James Ortiz zum Leben erweckt, der ebenso außerhalb des Bildes für Ryan Gosling als Gegenüber agiert. Auch die Sonne von Rockys Planeten ist durch das ‚Astrophage‘ am abkühlen. Beide Astronauten haben also eine gemeinsame Mission, sie müssen nur ihre Kommunikationsprobleme lösen.
Der Kern des Filmes befasst sich auch mit der Überwindung der Sprachbarrieren, der verschiedenen visuellen Wahrnehmungen, und den andersartigen Kulturen. Das ist wirklich spannend, sehr witzig, oft auch dramatisch, und schlichtweg genial in dem, mit was der Film unterhalten will. Leider verkommt Rocky einige Male zum überdrehten Sidekick, aber das kann man in Kauf zu nehmen, nicht einmal Lord und Miller sind perfekt. Die Romanvorlage ist von Andy Weir („Der Marsianer“, ebenfalls von Drew Goddard adaptiert), in dem die Grenzen der Physik bis aufs Äußerste ausgereizt sind. Und der Film vermittelt dieses Technik- und Physikgeschwätz exzellent.
Es ist Pflicht Sandra Hüller noch besonders zu erwähnen, die als Eva Stratt auf der langsam abkühlenden Erde das Project Hail Mary mit kaltschnäuzigem Pragmatismus leidet. In Rückblenden werden die diversen Episoden erzählt, die zur Mission führen, und Hüllers empathieloses Auftreten ist eigentlich ein aberwitziges Level für sich. Doch auch für diese deutsche Wissenschaftlerin hat das Regie Duo einen wahrhaftigen Moment von Gänsehaut inszeniert, der nicht nur das wahre Wesen dieser Figur zeigt, sondern gleich die Essenz der Geschichte emotional zu unterstreichen weiß.
Oh, dieser Film lässt nichts aus, was an Klischees und Blaupausen nicht hinlänglich bekannt wäre. Es ist die hohe Kunst dies anders zu gestalten, und die noch viel raffiniertere Kunst, dies für alle Publikumsschichten zugänglich zu machen. So weit zu den eigenständigen Ideen – die dem Project Hail Mary fehlen – ohne das es auffällt. Ob das Technogerede von „Star Trek“, die Einflüsse von „Interstellar“, „Enemy Mine“, „Passengers“, „Alien“, „Sunshine“, „Moon“, natürlich „Arrival“, oder „Der Marsianer“ selbst. Alle die Öfters ins Kino gehen können diese Liste unbestimmt weiterführen. Macht das etwas aus? Letztendlich hat es sogar einen gewissen Reiz.
„Project Hail Mary“ – benannt nach einem schwierigen Spielzug im American Football, der als letzter Ausweg gilt – ist Popcorn-Kino vom Feinsten. Und die Macher Phil Lord und Christopher Miller gefallen sich so sehr in ihrer Perfektion, dass sie einfach kein Ende finden. Gefühlt, hört „Project Hail Mary“ einfach nicht auf. Bei 156 Minuten Laufzeit ist der Film in den letzten 60 Minuten schlichtweg 30 zu lang. Er ergießt sich in immer neue Probleme oder Handlungselemente für seine Figuren.
Vieles davon ist einfach unnötig – wie jener Rückblick, der zeigt wie Ryland Grace‘ tatsächlich auf den Weg nach Tau Ceti gebracht wurde. Oder Szenen die nichts mehr zur Handlung beitragen, sich dafür aber gegen die eigene Fantasie stürzen – egal ob es der Romanvorlage entspringt. Der Film hätte schon sehr viel früher ein perfektes Ende haben können, aber die Macher müssen unsinnigerweise immer weiter machen. Auch feinstes Popcorn-Kino ist nur bedingt strapazierfähig. Tröstend ist nur die anhaltend technische Qualität – und der außerirdisch unfehlbar scheinende Ryan Gosling.
Darsteller: Ryan Gosling, Sandra Hüller, Lionel Boyce, Ken Leung, Milana Vayntrub und als Rockys Puppeteer und Stimme James Ortiz u.a.
Regie: Phil Lord & Christopher Miller
Drehbuch: Drew Goddard
Nach dem Roman von Andy Weir
Kamera: Greig Fraser
Bildschnitt: Joel Negron
Musik: Daniel Pemberton
Produktionsdesign: Charles Wood
USA / 2026
156 Minuten

