NO HIGHWAY IN THE SKY
– Bundesstart 11.03.1952 – Release 21.09.1951 (US)
Nur ein Jahr nach „Mein Freund Harvey“ ist James Stewart erneut in der Rolle eines skurrilen und manchmal befremdlichen Charakters zu sehen. Bei „Harvey“ hat Henry Koster Regie geführt, wie jetzt auch bei „Reise ins Ungewisse“. Der angedachte Hauptdarsteller, Robert Donat, musste kurzfristig absagen, und die Rolle mit James Stewart neu zu besetzen scheint da sehr natürlich. Der hochgewachsene Stewart, mit seinem gelassenen Tonfall und dem schmalen Körperbau hat sich eigentlich als kultivierter Gegenentwurf zum stereotypen Film-Cowboy etabliert. Umso erstaunlicher war sein Wandel zum wundersamen Elwood P. Dowd in „Harvey“. Doch noch viel mehr erstaunt seine Rolle als brillanter Wissenschaftler Theodore Honey.
Was in Nachbetracht sehr unverständlich bleibt, ist die Erkenntnis, dass „Die Reise ins Ungewisse“ ein leider weitgehend unbekanntes Drama ist. Dieses Drama weist bereits die ersten Spuren der späteren Katastrophenfilme in der „Airport“-Reihe auf. Hier im Film, arbeitet Theodore Honey bei der RAE, dem britischen Forschungszentrum für Luftfahrt. Er ist der Prototyp des kauzigen, ganz seiner Arbeit verschriebenen Wissenschaftlers. Wirklich interessant ist dieser Charakter, weil sich Honey seines sozialen Unvermögens und geistigen Andersartigkeit durchaus bewusst ist. So kann er seine Überzeugungskraft und Chancen im Laufe des Films auch immer realistisch einschätzen. Erst Jahrzehnte später würde man Theodore Honey ganz klar mit Asperger und dem Spektrum in Verbindung bringen. Honey ist verwitwet und alleinerziehend, und bei der jungen Tochter Elspeth merkt man auch schnell, wer sich hier um wen kümmert. Wobei Elspeth selbst mit Sprache und Benehmen ihren Vater nicht verleugnen kann.
So spannend und interessant die Figur des Theodore Honey auch sein mag, und nicht weniger die starke Janette Scott als unbeirrte Elspeth, ist der Film in erster Linie ein Spannungsfilm mit starkem Nervenkitzel. Denn Honey stellt beim neuen Flugzeugtyp Rutland Reindeer fest, dass nach 1440 Flugstunden das Leitwerk wegen Materialermüdung abreißen wird. Da die älteste Maschine dieses Typs gerade in Labrador abgestürzt ist, wird Honey dorthin beordert, um das Wrack zu untersuchen. An Bord lernt er aber nicht nur den Filmstar Monica Teasdale kennen, sondern erfährt auch, dass er sich in einer Reindeer befindet, die bereits mehr als 1400 Flugstunden hinter sich hat. Der Flug über den Ozean wird zu einer Reise ins Ungewisse, die Henry Koster sehr spannend und in seiner Struktur durchaus ungewöhnlich erzählt.
Es gibt die eine oder andere Wendung im Verhalten bestimmter Figuren, die nicht wirklich plausibel, aber absolut zu vernachlässigen sind. Dazu erweisen sich einige der Spezial Effekte des fiktiven Modells der Rutland Reindeer auch nicht gerade auf der Höhe ihrer Zeit. Aber Koster setzt in der Umsetzung ohnehin viel mehr auf das Spiel zwischen den einzelnen Figuren, woraus er auch die eigentlich wirkliche Spannung erschafft. Denn der Wissenschaftler wird trotz seiner sonderbaren Art durchaus ernstgenommen. Es gibt hier keinen Antagonisten, keine überheblichen Vorgesetzten, niemanden der Honey böses will, nur weil es in Filmen üblich ist einen Bösewicht zu haben. Ein geschicktes Geflecht von fehlenden Beweisen und mangelnder Kenntnis auf der einen Seite, und die Unzulänglichkeit der absoluten Höhen von Mathematik und Physik auf der anderen. Der Genius von Theodore Honey überschlägt sich förmlich vor Gedankenspielen, womit er es sich selbst erschwert verständlich zu argumentieren.
Die bis dahin noch nicht erforschte, mentale Situation des Wissenschaftlers ist es, die den eigentlichen Kern der Geschichte bildet. Es ist ein ziemlich ungewöhnlicher, dafür aber unglaublich fesselnder James Stewart, der als Theodore Honey immer dann am besten ist, wenn er mit seinem eigenen Zustand zu kämpfen hat, oder sich wegen seiner Schwächen auch über sich selbst lustig macht. Mit Marlene Dietrich hat Stewart einen starken Gegenpart erhalten. Dietrich spielt die berühmte Schauspielerin Monica Teasdale, sie treffen aufeinander, als ihr verhängnisvoller Flug nach Labrador zu verunglücken droht. Es ist eine faszinierende Beziehung, die Monica und Theodore in Angesicht der Möglichkeit ihres Ablebens erfahren. Der Film scheut in diesen Momenten nicht davor zurück auch über essenzielle Lebensfragen zu philosophieren. Am Ende sind sich die beiden derart ungleichen Mensch in ihren Empfindungen dann doch so ähnlich. Doch man muss dem Film ganz hoch anrechnen, der Möglichkeit zu widerstehen, Dietrich und Stewart am Ende eine intimere Beziehung anzudichten.
„Die Reise ins Ungewisse“ ist für Zuschauende eine Reise mit einigen sehr bemerkenswerten Menschen, die es zu ergründen lohnt. Neben den philosophischen Ansätzen, scheuen die Macher auch nicht davor zurück, mit mathematischen und physikalischen Begriffen und Gleichungen um sich werfen zu lassen. Auch wenn man dem kaum zu folgen vermag, macht es die Erzählung doch viel plausibler. Und man merkt auch, dass die Macher sich nicht auf fiktive und unsinnige Gegebenheiten einlassen wollten, sondern sehr viel Wert auf eine gesamtheitliche Authentizität legten – im technischen, wie im menschlichen Sinne. Dies stellt dann allerdings die letzten zwei Minuten in Frage, in denen sich der Regisseur auf paradoxe Weise keine Zeit mehr nimmt. Das plötzliche, vollkommen überhastete Ende ist für die vorangegangenen, fabelhaften 96 Minuten schlichtweg unwürdig – und irgendwie traurig.
Darsteller: James Stewart, Marlene Dietrich, Glynis Johns, Janette Scott, Jack Hawkins, Ronald Squire u.a.
Regie: Henry Koster
Drehbuch: R.C. Sherriff, Oscar Millard, Alec Coppel
Kamera: Georges Périnal
Bildschnitt: Manuel del Campo
Musik: Malcolm Arnold
Art Direction: C.P. Norman
USA, Großbritannien / 1951
98 Minuten



