– Bundesstart 12.03.2026
– Release 08.10.2025 (FR)
Darsteller:
Guillaume Marbeck – Jean-Luc Godard
Zoey Deutch – Jean Seberg
Aubry Dullin – Jean-Paul Belmondo
Adrien Rouyard – François Truffaut
Antoine Besson – Claude Chabrol
Jodie Ruth Forest – Suzanne Schiffman
und viele andere der Neuen Welle
‚Cahiers du Cinéma‘ ist seit seiner Gründung 1951 bis heute eine der bedeutendsten Filmzeitschriften. Gegründet von französischen Filmbesessenen, waren die Schreiber entweder Cineasten, Besserwisser, Filmemacher, Egomanen, Eigenbrötler, Künstler, oder einfach Fantasten. Oder alles vereint. Was sie allerdings gemein hatten – und noch haben – ist ein klares Verständnis für die Filmkunst also solche, ihre Regeln und Formen, weit über die Normen des populären Kinos hinaus. Davon erzählt Richard Linklater, in einer der radikalsten und wundervollsten Liebeserklärungen an das Kino.
Jeder Protagonist wird bei seinem ersten Erscheinen mit einem Blick in die Kamera und einer Namenseinblendung vorgestellt. Anfangs kommt der normale Kinogänger noch leicht mit: Chabrol, Truffaut, Belmondo und natürlich Godard. Im weiteren Verlauf wird es dann schon enger, wie bei Beauregard, Coutard oder Schiffman. Und es geht noch viel tiefer zu den unbesungenen Kollaborateuren von ‚Cahiers du Cinéma‘. Aber auch sie sind bedeutend – wie der komplette Titelabspann eines Films.
Es ist 1959, und Jean-Luc Godard ist frustriert. All seine Kritiker- und Schreibkollegen haben schon selbst Filme inszeniert. Claude Chabrol, oder Éric Rohmer, und natürlich der bereits gefeierte François Truffaut. Als Godard einen Produzenten überreden kann, liefert ihm eben jener Truffaut die Geschichte eines kleinen französischen Autodiebes und seiner amerikanischen Freundin. Später wird der Film „Außer Atem“ heißen, der Weg bis dahin sind zwanzig Tage Wahnsinn zwischen kreativem Chaos, Ignoranz, purem Genie, und Jean-Luc Godards narzisstischem Zwang alles anders zu machen.
Der Amerikaner Linklater – selbst innovativer Filmgestalter, Autor und Erzähler – verzichtet hier vollständig auf Experimente, und macht damit den außergewöhnlichsten Film seiner Karriere. Bestimmt nicht den persönlichsten, aber garantiert nahe dran. Richard Linklater inszeniert die Entstehung von „Außer Atem“ exakt so, wie Jean-Luc Godard „Außer Atem“ realisiert hat. Nicht auf 16mm-Material, aber in Schwarzweiß und im 1,37:1 Bildformat, mit handgeführter Kamera. Die Dialoge wirken improvisiert, Szenen brechen einfach ab, oder setzen in beliebigen Momenten ein.
Godard macht immer den Eindruck, als wüsste er nicht was er tut. An zweien der nur zwanzig Drehtage lässt er überhaupt nicht arbeiten. Die Hollywood erprobte Seberg ist von der undisziplinierten Arbeitsmoral genervt. Belmondo genießt die blanke Kameraderie. Produzent de Beauregard reagiert panisch, und beginnt sogar eine Schlägerei mit Godard. Dazwischen diskutieren die Mitglieder von ‚Cahiers du Cinéma‘ über ihre eigenen Filme, ihre Werte, und das Leben als solches. Man ist auch mit Kritik untereinander nicht zimperlich. Es sind viele Individuen, die aber letztendlich erst im Kosmos ihrer Berufung ein intellektuelles Ganzes ergeben.
Richard Linklater kopiert nicht, sondern er hat verinnerlicht. Die Darsteller sind Franzosen, bis auf – natürlich – Jean Seberg Darstellerin Zoey Deutch, und sie sind allesamt fantastisch. Die Ähnlichkeit zu den realen Personen ist erstaunlich, aber noch besser ihre motorischen und mimischen Manierismen. Dabei wirklich jemanden hervorzuheben wäre unfair, allerdings zieht Aubrey Dullin als Belmondo schon die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Die Darsteller bleiben unsynchronisiert im Französischen, Dialoge werden untertitelt. Aber selbst diese Untertitel sind nicht etwa digital eingefügt, sondern sind – wie in den 60ern – technisch aufkopiert.
Es ist also sehr leicht festzustellen, dass „Nouvelle Vague“ kein Film für das breite Publikum ist. Im Gegenteil. Er verlangt Aufmerksamkeit, er verlangt Interesse, und er verlangt die Hingabe an jene Zeit des künstlerischen Umbruchs. Schwarzweiß und Untertitel sind keine guten Voraussetzungen für zeitgemäße Unterhaltung. „Nouvelle Vague“ ist die Arthouse-Version über Arthouse. Es ist die Metaebene über die Erfindung ihrer selbst. Es ist kein Film für ein Publikum. Es ist ein Film von und für Richard Linklater. Aber wer will, darf sich gerne daran mit erfreuen.
In seiner künstlerischen Absicht ist „Nouvelle Vague“ perfekt. Künstlerisch, nicht unbedingt wirtschaftlich. Aber das war Linklater noch nie, wie seine bravourösen Experimente „Before“-Trilogie, „Boyhood“, oder „A Scanner Darkly“. Somit ist „Nouvelle Vague“ einfach perfekt in dem was Richard Linklater zeigen und erleben lassen will. Und dieser Rezensent hier, sollte gar nicht versuchen es anders auszudrücken. Denn er schreibt in seinen ‚Notizen über den Film‘ eben über jene Feingeister der „Cahiers du Cinéma‘, welche die Kraft des Kino dereinst so brillant zu artikulieren verstanden. Richard Linklater erzählt in seinem Film nicht wie „Außer Atem“ entstanden ist. Sein Film zeigt, wie und warum „Außer Atem“ für seine Zeit, und von da ab, den Spielfilm revolutioniert hat.
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Holly Gent, Vincent Palmo Jr.
Adaption & Dialoge: Michèle Pétin, Leatitia Masson
Kamera: David Chambille
Bildschnitt: Catherine Schwartz
Musik Produzent: Jérôme Lateur
Produktionsdesign: Katia Wyszkop
Frankreich, USA / 2025
106 Minuten

