SEND HELP

Send Help - © 2025 20th Century Studios– Release 29.02.2026 (world)

Sie ist der Inbegriff der grauen Maus. Strickweste, wo andere maßgeschneiderte Anzüge tragen. Essenskrümel an der Unterlippe. Absolut unterwürfig, und übereifrig in der Zielerreichung. Die, die nie zum Büroschluss auf einen Absacker eingeladen wird. Linda Liddle, Anfang vierzig, alleinstehend mit Nymphensittich, und Fan von Survival-Serien. Ihr neuer Boss ist Bradley, der sich ahnungslos in dem ausruht, was sein Großvater aufgebaut hat. Entsprechend wird Lindas Beförderung zur Vize-Präsidentin ignoriert. Stattdessen ernennt der Aufschneider Bradley den noch viel aufschneiderischen Donovan für den zweiten Posten. Linda schäumt – aber nur in sich hinein. Ausschließlich wegen ihrer Kenntnisse darf sie mit auf Geschäftsreise nach Bangkok – weil die anderen keinen blassen Schimmer haben. Und wie es das publikumswirksame Schicksal will, stürzt die Maschine im südchinesischen Meer ab. Nur Linda und Bradley überleben – auf einer einsamen Insel.

Die erste halbe Stunde von Sam Raimis jüngsten Film ist mit Abstand die langweiligste. Viel zu plakativ und vorhersehbar zeigt der Regisseur die Verhältnisse von Laura zu ihrer Umwelt auf, obwohl er damit die Marken setzt, für das was kommen soll. Noch bevor es gelang, ihn auf das Horrorgenre festzulegen, konnte Raimi zeigen, dass er auch exzellenter Schauspielregisseur ist. Keine Frage, auch „Send Help“ geizt nicht an fesselnden Schauspielkünsten. Vor allem die losgelöste Rachel McAdams ist ein darstellerisches Feuerwerk, mit einer langsamen und grandiosen Wandlung vom glanzlosen Mauerblümchen zum entschlossenen Alphaweibchen.

Es ist Lauras Vorliebe für Survival-Wettbewerbe und einhergehende Fernsehserien zu verdanken, dass beide aus dem Fundus der Natur zu überleben verstehen. Das ist natürlich dem selbstgerechten und arroganten Bradley ein merklicher Dorn im Fleisch. Und beide verhehlen nicht ihre gegenseitige Abneigung. Doch mit der Zeit finden beide zueinander, um das Überleben einfacher zu machen – zumindest tun beide so. Und mit Dylan O’Brien wird daraus ein Gespann, mit dem jederzeit auch alles möglich wird. Es ist durchaus angemessen zu sagen, dass es O’Briens bisher nuancierteste Rolle sein dürfte. Wie er gütig lächelt und süß redet, aber im unbemerkten Moment dann doch die Abscheu seiner Abhängigkeit von Laura nicht richtig verbergen kann.

Send Help a - © 2025 20th Century Studios

Das die Darsteller so eindringlich und subtil sein können, macht die einführenden dreißig Minuten in ihrer demonstrativ schlichten Art umso unverständlicher. Mit dem Absturz der Maschine und dem Aufenthalt auf der Insel gibt Raimi dafür in seiner speziellen Art richtig Gas. Er lässt Menschen auf bizarre Weise leiden – mit ordentlich satirischem Unterton – und geizt nicht an blutigen Einlagen. Wobei der „Tanz der Teufel“ Erfinder die Gewaltexzesse stark reduziert hat, was aber den Unterhaltungswert kein bisschen einschränkt. Raimi setzt mehr auf psychologischen Terror, und zwar zwischen seinen zwei Figuren, bei denen nie wirklich klar wird was sie tatsächlich antreibt, oder sie im Schilde führen. Dieses Element ist der eigentliche Kern des Films.

Enttäuschend sind hingegen einige der visuellen Computereffekte. Das betrifft einige Landschaftsansichten, aber besonders die einheimischen Wildschweine, die nicht überzeugen. Einer ganz bestimmten, exzessiv blutigen Sequenz tut das allerdings im Unterhaltungswert keinerlei Abbruch. Allerdings hätte sich Raimi in den letzten zehn Minuten des Finales auf die guten alten Zeiten mit handgemachten Effekten besinnen können, denn da ist der Einsatz des Computers eher irritierend als schockierend. Seine unterhaltsame Wirkung verfehlt der Film deswegen aber nicht, der in der grundlegenden Prämisse stark an Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ erinnert, und in der Auflösung die Nähe zu Östlunds Film gar nicht mehr leugnen kann.

Was die Vergleiche weniger relevant macht, ist die bitterböse Gesellschaftssatire von Ruben Östlund, während Sam Raimi sich nur an freidrehender Unterhaltung interessiert zeigt. Er nimmt sich sogar die Zeit, des Öfteren eine aufkeimende Romanze zwischen den beiden grundverschiedenen Typen anzudeuten. Es ist das klassischste aller stereotypen Romanzen. Und das funktioniert bei Raimi sogar sehr gut, zum einem wegen seinem Gespür für Momente, sowie seinem Vermögen zu täuschen – ohne betrügerische Fährten. Und zum anderen sind es die zwei Darsteller, die ihre Szenen derart beherrschen, so das man auch rückblickend sagen kann, ihre wahren Emotionen sind immer da. Was Du siehst, ist selten das was Du bekommst. Und das macht auf seine irgendwie perverse Weise richtig Spaß. Jeder für sich, und erst recht alle zusammen, formt hier ein leidenschaftliches Team ein herrlich derbes Vergnügen.

Send Help b - © 2025 20th Century Studios


Darsteller: Rachel McAdams, Dylan O’Brien, Xavier Samuel, Denny Haysbert, Edyll Imsail u.a.

Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Damian Shannon, Mark Swift
Kamera: Bill Pope
Bildschnitt: Bob Murawski
Musik: Danny Elfman
Produktionsdesign: Ian Gracie
USA / 2026
113 Minuten

Bildrechte: 20th CENTURY STUDIOS
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