Zur Erinnerung an Robert Duvall
– BRD Premiere im TV 19.05.1994
– First Release 04.03.1983 (CAN)
„Tender Mercies“ erzählt die Geschichte des ausgebrannten Country-Musikers Mac Sledge. Seine Frau hat sich schon lange von ihm getrennt, die jugendliche Tochter will nichts von ihm wissen. Im Suff verwüstet er ein Motel-Zimmer irgendwo in der Einöde des texanischen Hinterlandes. Und somit wird „Tender Mercies“ auch die Geschichte von Rosa Lee, die Besitzerin jenes Motels mit Tankstelle, irgendwo im texanischen Hinterland. Ihr Mann ist in Vietnam gefallen, ihr Sohn ist gut geraten. Mac will die Schulden für das Zimmer abarbeiten. Rosa Lee sagt zu, aber nur wenn er während der Arbeit nicht trinkt. „Tender Mercies“ ist die Geschichte zweier Menschen, die sich brauchen. Aber es ist kein Liebesfilm, keine Romanze, kein schwülstiges Drama. „Tender Mercies“ ist ein Film über Familie, über Werte, und über Schuld und Sühne. Dennoch: Wenn Mac und Rosa Lee heiraten, ist das keine rationale Entscheidung, es ist ein tiefes Verständnis füreinander.
Die Testvorführungen waren katastrophal, weswegen das Universal Studio sein Engagement für Werbung und Spielstätten auf das Notwendigste reduziert. Universal ist bekannt für seinen Umgang mit kleinen, aber bedeutenden Filmen. Zehn Jahre vorher wurde Monte Hellmans „Asphaltrennen“ ohne jede Unterstützung fallen gelassen. „Tender Mercies“ spielt in nur drei Kinos, in New York, Chicago und Los Angeles. Universal investiert alle Kraft in Brian de Palmas „Scarface“.
„Tender Mercies“ ist ein ruhiger Film. Mit fast schon spiritueller Beschaulichkeit, die seinen Themen gerecht werden. Aber es ist niemals ein langsamer Film. Der australische Regisseur Bruce Beresford findet immer wieder genau das richtige Tempo einer Szene, damit sich auch jemand von außen in die Situation mit einfühlen kann. Dieser Mac Sledge ist ein Mann der sich selbst nicht traut, der in der Vergangenheit gerne die Beherrschung verloren hat. Seine Beziehung zu Rosa Lee hilft ihm, doch Mac befindet sich weiterhin an der Grenze mit sich selbst nicht fertig zu werden.
Mac will selbst nicht mehr singen, aber er hat ein Lied für seine Ex-Frau geschrieben, die weiterhin erfolgreich ist. Zeitgleich sucht eine aufstrebende Country-Band die Nähe des Sänger und Song-Schreibers, welcher er eine dezente Absage erteilt. Nach und nach wird deutlich, was für eine Größe Mac Sledge in der Country-Szenen gewesen sein muss, und das er noch Bedeutung hat. Rosa Lee hingegen ist unabhängig und selbstständig genug mit ihrem Sohn alleine zurechtzukommen. Das erlaubt ihr auch, ihrem neuen Mann großen, für ihn wichtigen Freiraum zu lassen. Es ist eine besondere Liebe.
Immer wieder kommt die Handlung an gewisse Punkte, die zu Dramen von aufwühlender Intensität ausarten könnten – und bei anderen Filmen bestimmt auch so genutzt würden. Genau diesen Überspitzungen kann Regisseur Beresford überraschend elegant ausweichen. In diesem Film löst sich kaum eine Szene so auf, wie jemand erwarten würde. Geschweige denn, dass er irgendwann emotional überdreht. Es würde den bodenständigen Figuren nicht gerecht werden. Die entscheidenden Momente im Film erklären sich nie über Dialog, sondern was die Figuren eben nicht sagen.
Kameramann Russell Boyd – „Picknick am Valentinstag“ – ist ebenfalls Australier. Das erklärt sicherlich die Sensibilität für die texanische Landschaft, nicht unähnlich dem australischen Outback. Weite Panorama-Bilder, die nicht nur die Einsamkeit des Landstrichs unterstreichen, sondern auch synonym für die Darsteller. Auf deren Gesichtern die Kamera oft lange verweilt, um auch die gesamte Tiefe ihrer Gefühle zu erfassen. Beresford gelingt mit seiner extrem bewussten Inszenierung und eben Boyds Bildern, eine intensive Nähe zu Rosa Lee und besonders Mac. Hinzu kommt aber auch, dass Bruce Beresford das Country-Milieu und die Leute auf dem Land sehr ernst nimmt, und keine Widersprüchlichkeiten zulässt.
Das Drehbuch hat „Wer die Nachtigall stört“-Adapteur Horton Foote geschrieben – das Filmdebüt von Robert Duvall. Es ist die vierte Zusammenarbeit mit Duvall, den mit Foote eine innige Freundschaft verbindet. Das sich der Schauspieler allerdings mit Regisseur Beresford immer wieder überwirft, sollte fasst schon als positiv für den Film gewertet werden. Jeder will aus seiner Sicht das Beste für diesen leider so extrem unterschätzten Film. Und nebenher hat Duvall alle seine Songs im Film selbst geschrieben und gesungen. Und diese Absicht geht voll auf – was auch für Tess Harper ein beeindruckendes Spielfilmdebüt bedeutet. Und nach 64 Filmen hat Robert Duvall für Mac Sledge einen Oscar bekommen. Respekt und Hut ab – sie fehlen, Mister Duvall.
Darsteller: Robert Duvall, Tess Harper, Betty Buckley, Wilford Brimley, Ellen Arkin, Allan Hubbard u.a.
Regie: Bruce Beresford
Drehbuch: Horton Foote
Kamera: Russell Boyd
Bildschnitt: William M. Anderson
Musik: George Dreyfus
Produktionsdesign: Jeannine Oppewall, Daniel Loren May
USA / 1983
92 Minuten

