– Bundesstart 05.03.2026
– Release Start 15.10.2025 (FR)
„The Chronology of Water“ ist ein Film von Kristen Stewart. Geschrieben und inszeniert. Nach drei Kurzfilmen und zwei Music-Videos, ist es Stewarts erster Spielfilm. Eine wütende Mischung zwischen den schonungslosen Visionen von Julia Ducournau und Emerald Fennell – zwischen denen Stewart ihren eigenen Weg gefunden hat. „The Chronology of Water“ sind die Memoiren der amerikanischen Autorin Lidia Yuknavitch. Es ist Yuknavitchs sechstes Buch, zählt man den Kollektivroman „Caverns“ mit, der unter den Fittichen des Gegenkulturisten Ken Kesey durch dessen Schreibklasse entstand. Mit „Chronology“ hat sich Kristen Stewart eigentlich genau das Material ausgesucht, das von einer Schauspielerin zu erwarten war, die versteht Arthouse für Mainstream greifbar zu machen, und großem Hollywood einen fesselnden Arthouse-Touch zu geben.
Lidia ist eine problembehaftete Frau mit selbstzerstörerischen Tendenzen. Was dem zugrunde liegt, lässt sich anfangs nicht direkt sagen. Kristen Stewart liefert dazu episodische Fragmente, die einem Fiebertraum entstammen könnten. Lidia und ihre ältere Schwester Claudia wurden und werden von ihrem Vater missbraucht. Die Mutter hat sich in die Lethargie und steten Alkoholrausch zurückgezogen, und ist dort geblieben. Ständig springt der Film in der Zeit vor und zurück. Sind wir als Zuschauende in der Gegenwart, in der Vergangenheit, sind es Erinnerungen, Fantasien oder reale Ereignisse? Die Regisseurin spielt sehr radikal mit den Wahrnehmungsebenen.
Als Flucht vor dem missbräuchlichen Familienalltag versteigt sich Lidia ins Schwimmen. Sie bekommt ein Stipendium aufgrund ihrer Schwimmleistungen, geht aufs College, gibt sich Drogen und Alkohol hin, verliert ihr Stipendium, und beginnt zu Schreiben… So einfach sich die Geschichte selbst anhören mag, viel komplexer ist Lidias Charakter. An einem Punkt ist sogar anzunehmen, sie würde zu den Erinnerungen masturbieren, von ihrem Vater misshandelt worden zu sein. Komplex bedeutet bei Stewart auch eine unbequeme Schonungslosigkeit, hauptsächlich in der Bildsprache.
Corey C. Waters hat in seiner Vita als Kameramann in erster Linie Music-Videos, während sich Cutterin Olivia Neergard-Holm mit verstörenden Kunstfilmen wie „Holy Spider“, „Border“ oder „The Ugly Stepsister“ einen guten Namen gemacht hat. Das ergibt mit der rigorosen Vision von Kristen Stewart einen erzählerischen Rausch zwischen Schein und Sein. Memoiren – wie Lidia Yuknavitch ihr Buch beschrieben hat – bedeutet nichts anderes wie Erinnerungen. Und als solche zeigt uns der Film auch das Leben einer der heute herausragendsten Autorinnen in der amerikanischen Literatur.
Manchmal sind die Bilder derart abstrakt, dass einem anstatt visueller Rückblicke nur die Gefühle von Erinnerungen bleiben. Ein Blick auf das, was Lidia glaubt erlebt zu haben, was sich aber mit ihren Empfindungen deckt. Träume und Erinnerungen können täuschen, nicht aber was seinerzeit tatsächlich Lidias Geist und Körper gebrochen hat. Corey C. Waters hat auf 16mm-Film gedreht, und das unsaubere Bildfenster einer Projektion umfasst den gesamten Film. Einstellungen sind unscharf, abstrakt verkantet, oder etwas lenkt vom eigentlichen Inhalt des Bildes ab. Eine kohärente Struktur gibt es nicht. Gerade so wie Fragmente von Erinnerungen.
Und Olivia Neergard-Holm lässt viele dieser irritierenden Eindrücke, die auf uns einwirken, verstörend lange stehen. Die Montage erreicht dabei fast dokumentarischen Charakter, besonders wenn Bild und Ton auseinanderlaufen, oder Dialoge gleich bei nicht dazugehörigen Szenen unterlegt sind. Es ist kein einfacher Film. Es ist aber auch keine einfache Frau. In ausdrucksstarken Filmen passiert es immer wieder, dass eine andere Besetzung gar nicht möglich scheint. Mit Imogen Poots ist dies so ein Film geworden, in dem die Darstellerin vollends in der Figur aufgeht.
Die Wut, die Angst, die Resignation, das Verlangen, von einem Moment zum nächsten lässt Poots abwechselnd alle Facetten der selbstzerstörerischen Lidia Yuknavitch auf einen niederprasseln. Eine Frau die nie verstehen will, warum andere Menschen so viel Verständnis für sie aufbringen – und sie diese deswegen auch von sich wegstößt. Imogen Poots ist – und das ist nicht leichtfertig gesagt – eine Urgewalt. Unbequem, verstörend, kaltherzig und gleichzeitig nach Geborgenheit sehnend. Aber auf paradoxe Weise unglaublich faszinierend, und irgendwie auch mitleiderregend.
Und noch nie war Jim Belushi in seiner stets leicht überdrehten Art besser besetzt, als hier in der Rolle des Autoren, Mentoren und Gegenkulturverfechter Ken Kesey. Belushi gelingt ein bemerkenswerter Spagat zwischen alkoholisiertem Windhund und messerscharfem Denker. In gewisser Weise ist dieser Ken Kesey wie Kristen Stewarts Film. Im ersten Augenblick weiß niemand so richtig was sie von einem will. Aber je weiter Stewart die Tür zu ihrer Hauptfigur öffnet, desto eindringlicher wird das Verständnis für Lidia Yuknavitch. „Chronology of Water“ ist nie leicht, aber unbarmherzig anziehend.
Darsteller: Imogen Poots, Thora Birch, Jim Belushi, Tom Sturridge, Charlie Carrick, Esmé Creed-Miles u.a.
Regie & Drehbuch: Kristen Stewart
nach den Memoiren von Lidia Yuknavitch
Kamera: Corey C. Waters
Bildschnitt: Olivia Neergaard-Holm
Musik: Paris Hurley
Produktionsdesign: Jen Dunlap
Frankreich, Lettland, USA / 2025
128 Minuten

