OSCAR nominated SHORTS

Oscar Shorts

Oscar 25

nominiert für Live-Action Kurzfilm

JANE AUSTEN’S PERIOD DRAMA
TWO PEOPLE EXCHANGING SALIVA
THE SINGERS


JANE AUSTEN’S PERIOD DRAMA

Zu sehen auf YouTube:
Es ist ein Wortspiel, das in der deutschen Übersetzung leider nicht funktioniert. Es nimmt allerdings nur sehr wenig vom eigentlichen Unterhaltungswert. Denn Filmemacherin Julia Aks – die selbst in der Hauptrolle besetzt ist – und künstlerischer Partner Steve Pinder kennen ihre Jane Austen. Von der ersten Einstellung an werden die literarischen und filmischen Vorbilder deutlich. Wobei Aks selbst immer „Stolz und Vorurteil“ der britischen Schriftstellerin Austen als grundlegende Vorlage für den Kurzfilm anführt. Doch auch Anspielungen auf Filmadaptionen und die Bücher von „Emma“ und „Sinn und Sinnlichkeit“ sind unverkennbar.

Es ist 1813, gerade will Mr. Dickley seiner angebeteten Estrogenia Talbot einen Antrag machen, als er Blut auf ihrem Kleid bemerkt – an delikater Stelle. Mr. Dickley muss eine Verwundung annehmen, und trägt seine Estrogenia in Panik zurück ins Herrenhaus. Die Familie ist in Aufruhr, die Frauen sind amüsiert, die Herren verwirrt. Estrogenia muss ihrem Verehrer in peinlicher Genauigkeit die Menstruation nahebringen. Es ist eben noch keine aufgeklärte Zeit für Männer. Hier beißt sich die Doppeldeutigkeit des englischen ‚Period‘ mit dem deutschen ‚zeitgenössisch‘.

Aus einem drei Minuten Sketch haben sich verdammt unterhaltsame dreizehn Minuten entwickelt, die fast makellos scheinen. Luca Del Puppos 2,35:1 Bildformat ist für die Anmutung eines zeitgenössischen Filmepos exzellent genutzt. Und die von Julia Aks selbst verantwortete Montage gibt dem Film ein sehr gutes Tempo, ohne sich auf dem Humor auszuruhen, oder durch die Handlung zu hetzen. Obwohl bereits ein Kurzfilm, ist „Jane Austen’s Period Drama“ noch viel kurzweiliger.

Das Ensemble wird seinen Anforderungen zwischen Hommage und Satire mehr als gerecht. Der Humor zieht sich durch alle Ebenen, von hintergründig bis absurd albern – wie die Anspielungen auf die Namen Estrogenia, ihrer Schwester Vagianna, bis hin zu Mr. Dickley unschwer erkennen lassen. Keine geringere als Emma Thompson wollte das Projekt mitfinanzieren, lehnte aber einen Produzententitel ab, weswegen sie in den Credits als ‚Executive Menstrual Advisor‘ geführt wird. Das passt zu einem Film der so unverschämt unterhaltsam und optisch wundervoll anzuschauen ist.

Darsteller: Julia Aks, Ta’imua, Samantha Smart, Nicole Alyse Nelson, Hugo Armstrong u.a.
Drehbuch & Regie: Julia Aks & Steve Pinder – Kamera: Luca Del Puppo – Bildschnitt: Julia Aks – Musik: Alex Winkler –  Produktionsdesign: Dong Lei – USA / 2025- 13 Minuten – Bildrechte: Julia Aks / Steve Pinder

Jane Austens Period Drama - © Aks & Pinder


TWO PEOPLE EXCHANGING SALIVA
Deux personnes échangeant de la salive

Zu sehen auf der Website des The New Yorker:
Es ist eine fantastische Weltenbildung die Natalie Musteata und Alexandre Singh in „Two People Exchanging Saliva“ geschaffen haben. Skurril, fremd, mysteriös, anders. 2019 war Musteata für Singhs ersten Kurzfilm „The Appointment“ lediglich als Produzent tätig. Hier haben sich die beiden zum Regie- und Autorengespann zusammengetan. Als wäre Frederico Fellini in die Nouvelle Vague eingetaucht, wobei die Absurdität der soziologischen Ordnung an Bradburys ‚Fahrenheit 451‘ erinnert – dessen Verfilmung von François Truffaut einen Zirkelschluss zur Nouvelle Vague bilden würde. Dennoch bleibt „Two People Exchanging Saliva“ ein ganz eigener Film.

Im Paris einer unbestimmten Zeit ist die junge Malaise Verkäuferin in einem Edel-Kaufhaus. Dabei lernt sie die ältere, aber ebenso attraktive Angine kennen, die Malaises Stammkundin wird. Bezahlt wird mit heftigen Ohrfeigen, die Verkäufer oder Verkäuferin der Kundschaft geben. Je höher der Preis, desto mehr Ohrfeigen. Eine romantische Beziehung zwischen Mailaise und Angine zeichnet sich ab. Allerdings ist Küssen und intime Körperlichkeit verboten, und wird mit dem Tod bestraft. Und eine neidische Kollegin wartet nur auf ein Fehlverhalten von Malaise.

Gedreht hat Bildgestalter Alexandra de Saint Blanquat digital, aber dem Bild wurde eine fantastische, vor allem überzeugende Zelluloid-Anmutung gegeben. Die schwarzweiß Fotografie und seine Ausstattung werfen den Film zurück in eine vergangene Zeit, was im Zusammenhang mit der dystopischen Gesellschaftsordnung eine sehr eigene sonderbare Atmosphäre schafft. Genau das macht den Film aber auch so fesselnd. Musteata und Singh erklären ihre Welt nicht, dass Publikum muss sich mit jeder neuen Absurdität die Gesetzmäßigkeiten dieser Gesellschaft selbst erarbeiten.

Und dann sind da natürlich Zar Amir und Luàna Bajrami, die mit ihrem perfekt nuancierten Spiel dem Film eine unglaubliche Spannung verleihen. Denn das zwischen Angine und Malaise etwas passieren wird – und muss – bleibt außer Frage. Es ist nicht nur das sinnlich verzehrende Spiel dieser beiden mitreißenden Frauen, es ist auch ihre reizvolle Attraktivität – und niemand soll bestreiten, sie wären nicht auch nach ihrem Äußeren besetzt worden. Schließlich ist es für die Stimmung dieses Films essenziell, diesem spannenden und wirklich leidenschaftlichen Film. Fellini hätte wahre Freude empfunden, wie die gesamte Redaktion des ‚Cahiers du Cinéma‘.

Darsteller: Zar Amir Ebrahimi, Luàna Bajrami, Vicky Krieps, Nicolas Bouchaud u.a. – Drehbuch & Regie: Natalie Musteata & Alexandre Singh – Kamera: Alexandra de Saint Blanquat – Bildschnitt: Hanna Park – Musik: Bobak Lotfipour -Produktionsdesign: Anna BrunFrankreich, USA / 2025 36 Minuten – Bildrechte: Tudor Cucu

Two People Exchanging Saliva 1 - (c) Tudor Cucu


THE SINGERS

Zu sehen bei Netflix:
Die Geschichte von „The Singers“ wurde 1852 von Ivan Turgenev geschrieben. Das Ensemble von „The Singers“ wurde über deren Social Media Posts besetzt. Besser kann man Vergangenheit und Gegenwart kaum zusammenbringen, um dann daraus so einen absolut zeitlosen Film zu entwickeln, wie Sam A. Davis mit seinem sechsten Kurzfilm. Davis führt Regie, meistert die Bildgestaltung und auch die Montage, und beweist ein beeindruckendes Gespür für Atmosphäre – richtig greifbare Atmosphäre.

Es ist eine typische, ur-amerikanische Arbeiter-Kneipe. Das Licht ist schummrig, die Sitzecken dunkel, an der Theke lümmeln abgebrannte Gestalten vor ihrem Bier. Die meisten starren stumm vor sich hin, einige quasseln Belanglosigkeit vor sich hin, als ob diese weltbewegend wären. Einer schnorrt die Anwesenden um ein Bier an, aber niemand kann auch nur einen Dollar entbehren. Er nervt solange, dass der Barkeeper mit einem Vorschlag aufwartet: 100 Dollar und Freibier für den besten Sänger im Raum. Es wird ein überraschender Wettbewerb – mit bemerkenswertem Ausgang.

Genauso bemerkenswert ist das Ensemble aus Schauspieldebütanten, die in ihren Rollen namenlos bleiben. Doch es sind authentische Typen, mit den richtigen Gesichtern, und dem allseits bekannten Gehabe. Es ist außerordentlich schwer sich in den ersten Minuten vorstellen zu müssen, dass diese Kerle singen werden. Es ist schlichtweg das perfekte Gespür des Regisseurs, für den Moment und für seine starken Figuren, diese Geschichte absolut glaubwürdig zu machen. Das Sam A. Davis auch noch auf 35mm-Film gedreht hat, schafft eine überwältigende Tiefe und starke Kontraste im Bild, welche die gesamte Atmosphäre so wahrhaftig werden lässt. Ein Film der in seiner niedergeschlagenen Grundstimmung plötzlich so viel Glanz und Hoffnung findet – und einem oft missachteten Menschenschlag noch viel mehr Würde verleiht.

Darsteller: Chris Smither, Will Harrington, Judah Kelly, Matt Corcoran, Leroy Griffith, Muffin, Daniel Hutchinson u.a.
Regie/Bildschnitt/Kamera: Sam A. Davis – Buch: Ivan Turgenev – Musik: Island Styles – Produktionsdesign: Michelle Patterson – USA / 2025 – 18 Minuten – Bildrechte: NETFLIX

Singers 1 - (c) NETFLIX

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