– World Release 25.03.2026
Das Subgenre von ‚Kill- or Eat-the-Rich‘ beschränkt sich nicht nur auf Horror, fühlt sich dort aber am wohlsten. Der Klassenkampf ist eben am schönsten, wenn die dekadente Oberschicht leiden muss – richtig leiden muss. Es ist die simple Katharsis des kleinen Mannes, weil es sich moralisch vertretbar anfühlt, die Unmoralischen möglichst blutig aus dem Weg zu räumen. Bestes Beispiel in jüngster Vergangenheit ist Mark Mylods „The Menu“. Aber auch „Ready or Not“, dessen Fortsetzung gefährlich nahe zu Kirill Sokolovs neuester Splatter-Fantasy startet. Beide Filme eint zudem eine besondere Ausprägung dieser Genrerichtung: Sie haben denselben Endgegner. Damit sind aber nicht nur die bösen Reichen gemeint. Sokolov macht das gleich von Beginn an klar. Wenn Asia Reaves als Hausmädchen ihren Dienst im exklusiven Apartmentkomplex ‚The Virgil‘ antreten will, deuten alle Applikationen und Wappen an dem Gebäude auf das wahre Wesen des Hauses hin.
Hundert Jahre ist das ‚Virgil‘ bereits alt, deutet die Gebäudemanagerin Lilith Woodhouse an. Und die stoische Ruhe, mit der Patricia Arquette ihre Rolle spielt, lässt sofort an Lance Reddicks Concierge in „John Wick“ denken. Wie so vieles in „They Will Kill You“ an andere Filme denken lässt – viele andere Filme. Das schmälert aber nicht Arquettes herrliches Spiel und ihr pragmatisches Management der folgenden Ereignisse. Sie ist der perfekte Gegenpart zu der zügellos freigesetzten Energie, mit der Zazie Beetz als Asia ihrem eigentlichen Ansinnen im ‚Virgil‘ nachgeht.
Gleich in der ersten Nacht wird Asia in ihrem Zimmer von vier maskierten Personen attackiert, gegen die sie sich erfolgreich erwehren kann. Nach diesem fünfminütigen Spektakel stellt sich allerdings die Frage, wie Sokolov – der zusammen mit Alex Litvak das Skript verfasst hat – dieses erste Action-Setting im weiteren Verlauf toppen will. Wer Sokolovs Festivalliebling „Why Don’t You Just Die!“ gesehen hat, kann ungefähr erahnen, worauf hier einzulassen ist. Der Regisseur braucht nur wenige Gründe, um möglichst großen Schaden anzurichten. Es wird gestochen, geschlitzt, geschossen, getreten und geschlagen, was die Bluteimer der Effekteabteilung hergeben.
Um die Frage zu beantworten, wie Sokolov das noch toppen will: Er kann es nicht. Es ist ein mörderisch blutiger Spaß, der keine Grenzen des Zeigbaren kennt. Dabei ist alles derart stark überzogen, dass sich ein Ekelfaktor gar nicht erst einstellt. Aber nicht nur der Splatter, sondern auch Kamera und Schnitt sprengen die Grenzen des Gewöhnlichen: beschleunigte Bilder, Zeitlupen, extreme Close-ups, starke Verzerrungen im Weitwinkel, rasante Kamerafahrten. DOP Isaac Bauman gelingt eine Achterbahn, die keine Schienen braucht. Und er schafft mit einem fantastischen Licht- und Schattenkonzept einige aufregende Szenen mit ganz eigener Atmosphäre.
Ein satirisch-zynischer Humor ist allgegenwärtig, gerade in den beachtlich brutalen Szenen. Das ‚Virgil‘ ist ein neunstöckiger Bau, in dem sich – wer würde es nicht erahnen – Asia Reaves hochkämpfen muss, um ihre Schwester zu retten. Dazwischen gibt es zum Durchatmen kurze Rückblenden, die die Situation von Asia und ihrer Schwester Maria erklären und zeigen, was Asia letztendlich in das ‚Virgil‘ führte. Trotz all dem Vergnügen, das der Film bietet, hat er zwei eklatante Probleme: Er gibt von Anfang an Vollgas, und sein Zitatenschatz ist so reichhaltig, dass er immer wieder ablenkt.
Ununterbrochen weckt Sokolov in der Inszenierung Assoziationen an eine Vielzahl von Klassikern und berühmten Szenen: vom Teufelskult in „Rosemary’s Baby“ über einen Kampf in „Kill Bill“ und die Härte von „The Raid“ bis hin zum Interieur von „The Shining“ und natürlich „John Wick“. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Für den eigentlichen Fokus auf das Spektakel ist das leider immer wieder abträglich. Es ist ein hyperstilisierter Zauber, der sich dank der furchtlosen Regie und Isaac Baumans Bildgestaltung perfekt selbst tragen könnte.
Doch „They Will Kill You“ gefällt sich in seiner hyperstilisierten Form so sehr, dass er sich auch ganz schnell zu wiederholen beginnt – auch wenn die Settings wechseln. Sokolov beginnt bei 100 %, und danach wird es für ihn merklich schwierig, neue Ideen zu finden oder den Rhythmus zu ändern. Der Film hält die Spannung lediglich aufrecht, weil man darauf hofft, dass Sokolov vielleicht doch noch eine andere Gangart findet. Dem ist aber leider nicht so. Zazie Beetz ist eine energetische Urgewalt, die zu überraschen versteht. Ansonsten ist diese ‚Kill-the-Rich‘-Variante mit übernatürlichem Bezug eher wie ein Ölgemälde: Es gibt viel darin zu entdecken, aber es ändert sich nichts – und irgendwie beschleicht einen das Gefühl, es schon einmal gesehen zu haben.
Darsteller: Zazie Beetz, Myha’la, Patricia Arquette, Tom Felton, Heather Graham, Paterson Joseph, Angus Sampson u.a.
Regie: Kirill Sokolov
Drehbuch: Kirill Sokolov, Alex Litvak
Kamera: Isaac Bauman
Bildschnitt: Luke Doolan
Musik: Carlos Rafael Rivera
Produktionsdesign: Jeremy Reed
Kanada, Südafrika, USA / 2026
94 Minuten

