SAWT HIND RAJAB
a.k.a THE VOICE OF HIND RAJAB
– Bundesstart 22.01.2026
– Release 25.08.2025 (IT)
Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten. Wenn dieser Satz in einer Filmbesprechung erscheint, wird er meist in einem satirischen Zusammenhang genutzt, oder in einen witzigen Kontext gesetzt. So viele Filme haben meist gar nichts mehr mit den wahren Ereignissen zu tun, dass es einen als Zuschauenden bei diesem Satz regelrecht erschaudert. Bei Kaouther Ben Hanias jüngsten Film werden die Zuschauenden tatsächlich erschaudern, allerdings weil er zu nah, zu realistisch an der Wirklichkeit bleibt. Hania war zuvor mit „Oflas Töchter – Four Daughters“ erfolgreich, und legte erst einmal alle Pläne für ein anderes Projekt auf Eis, als sie die Geschichte der sechsjährigen Hind Rajab hörte. Am 29. Januar 2024 erreicht die Notrufzentrale von Roter Halbmond in Ramallah ein Anruf der jungen Hamadeh.
Hamadeh sitze in einem Auto im Norden von Gaza und wird beschossen. Omar, der Helfer in der Zentrale, kann die Schüsse auch hören, kurz darauf ist Hamadeh tot. Zurück bleibt die sechsjährige Hind Rajab, im Auto unter Beschuss, eingeschlossen mit sechs toten Menschen aus ihrer Verwandtschaft. Von da an sind vier Menschen über Stunden damit beschäftigt Hind zu beruhigen und ihr klar zu machen im Auto zu bleiben, mit der eigenen psychischen Belastungsgrenze fertig zu werden, und einen Rettungskorridor von der angreifenden israelischen Armee zugestanden zu bekommen.
Es ist grundsätzlich schwierig, oft sogar sehr fragwürdig, dass Schicksal eines Kindes als emotionalen Mittelpunkt für eine Erzählung auszunutzen. Aber Kaouther Ben Hania kann in ihrer Adaption der Ereignisse sehr gut verständlich machen, warum dieser Punkt in ihrem Film nichts frevelhaftes bekommt. Es geht um die kausale Kette, die Hind in Bewegung bringt. Amer Hlehel als überforderter Rettungskoordinator Mahdi, der an den offiziellen Stellen verzweifelt. Motaz Malhees ist Omar, der den Tod von Hamadeh erleben muss und als erster mit Hind in Verbindung tritt, dabei aber nervlich scheitert. Saja Kilani hat als Rana das beste Einfühlungsvermögen, um tröstlich auf Hind einzugehen. Und in dem gefühlsmäßigen Chaos kann Clara Khoury in ihrer Rolle als Seelsorgerin Nasreen die Nerven der anderen nur schwer beruhigen.
In ihrem Doku-Drama „Oflas Töchter“ ließ Hania die zwei verschwundenen Töchter von professionellen Schauspielerinnen darstellen, und die anderen zwei von den realen Schwestern. Die Mischung von Fiktion und Wirklichkeit macht letztendlich den fesselnden Charme des Films aus. Ähnlich ist Hanias Herangehensweise bei der „Stimme von Hind Rajab“, bei dem sie für das betroffene Kind ausschließlich auf die 70 Minuten der originalen Tonaufzeichnungen aus der Rettungsstelle zurückgreift.
An einigen Stellen der originalen Tonaufnahmen lässt die Filmemacherin auch die Stimmen der realen Helfer mit denen der Schauspieler überlappen. In einer Sequenz kombiniert sie sogar ein reales Smartphone-Video mit der nachgestellten Szene eben dieses Videos. Die Vermischung von Realem und Inszeniertem verfehlt ihre Wirkung nicht. Es ist eine konstante Erinnerung an die Wirklichkeit, mit schrecklichem Gänsehauteffekt. So zeichnet Hania auch ihre Figuren als echte, greifbare Menschen. Überfordert und ängstlich, doch über jede Schmerzgrenze hinweg motiviert, ohne einen künstlich inszenierten Anflug von Heldentum. Auffällig ist zudem, dass während der Inszenierung komplett auf Schuldzuweisungen und Politisierung über Ursache und Hintergründe der prekären Situation verzichtet wird.
Der Film entwickelt sich sehr schnell zu einer Erzählung nicht für schwache Nerven. In einigen Sequenzen könnte man glauben, dass die Regisseurin in der Darstellung gewisser Konfrontationen zwischen den Helfern etwas übertreibt. Aber ein negativer Eindruck entsteht dennoch keiner. Dazu wird man als stiller Beobachter zu intensiv in das Geschehen, in die Verzweiflung, in den Schmerz mit eingebunden. Es ist die erdrückende Geschichte der sechsjährigen Hind Rajab, aber sie wird zu einer Geschichte für und über uns alle. Erst ganz am Ende verlässt der Film die Räumlichkeiten der Gemeinschaft des palästinensischen Roten Halbmond, und informiert über die tatsächlichen Abläufe Vorort. Und es ist grauenerregender als befürchtet.
Darsteller: Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury, Amer Hlehel und Hind Rajab u.a.
Regie & Drehbuch: Kaouther Ben Hania
Kamera: Juan Samiento G.
Bildschnitt: Qutaiba Barhamji
Musik: Amine Bouhafa
Produktionsdesign: Bessem Marzouk
Tuniesien-Frankreich-Großbritannien-USA-Italien-SaudiArabien-Zypern
89 Minuten

