– Release World 11.02.2026
Dies ist die Geschichte von Catherine und Heathcliff. Zwei Menschen, die sich in ihrer Leidenschaft füreinander gegenseitig zerstören. Das ist der Kern von Emerald Fennells Adaption von „Wuthering Heights“. Es ist der einzige Roman von Emily Brontë, eine von vier Schriftsteller-Geschwistern. ‚Wuthering Heights – Sturmhöhe‘, veröffentlicht 1847, ist auch heute noch einer der bedeutendsten und bekanntesten Romane einer selbstzerstörerischen Beziehung. Und annähernd zwanzig Serien- und Filmadaptionen können das bestätigen. Das ist aber auch der Grund, warum es sich Emerald Fennell erlauben kann sehr freizügig mit dem Stoff umzugehen – ihn auf seine Essenz herunterzubrechen. Die Familie Earnshaw bewirtschaftet das Gut Wuthering Heights im Hochmoor von Yorkshire. Der Vater hat das Vermögen weitgehend versoffen und verspielt. Dennoch nimmt er den Straßenjungen Heathcliff in der Familie auf, doch mehr als Spielzeug für seine gleichaltrige dominante Tochter Catherine.
Die Kinder wachsen heran, ohne sich in diesem Selbstverständnis ihrer wahren Gefühle füreinander bewusst zu werden. Erst als Catherine den vermögenden Edgar heiratet, Besitzer des benachbarten Gutes Trushcross Grange, müssen sich Catherine und Heathcliff ihre Leidenschaft eingestehen. Doch für Catherine ist auch die finanzielle Absicherung von Wuthering Heights wichtig. Wütend flieht Heathcliff aus der Gegend, und kehrt Jahre später als reicher Mann zurück. Er kauft Wuthering Heights, und beginnt rachsüchtig die Menschen von Trushcross Grange zu zerstören.
„Promising Young Woman“ und „Saltburn“ waren noch Originalstoffe, welche sich die Filmemacherin Fennell selbst zur Inszenierung geschrieben hat. Mit diesen, ihren zwei ersten Filmen ist sehr leicht zu erkennen, was sie zu Emily Brontës düsterer Geschichte gebracht hat. Leidenschaft und das Finstere im Menschen gehen stets einher – und genau das ist das Ding der Regisseurin. Ihre Version von „Wuthering Heights“ ist zweifelsfrei ganz großes Kino. Episch ausladend und melodramatisch. Aber allzu viel, von Spiel zu Ausstattung hin zur Inszenierung, ist einfach zu sehr gewollt.
Zuerst einmal ist es Fennell ein offensichtliches Anliegen, möglichst viel zu sexualisieren. Manchmal dezent, manchmal mit dem Holzhammer. Seien es knetende Hände im Brotteig, ein nach Hautfarben dekoriertes Schlafzimmer, oder die bemerkenswerte Einstiegssequenz, die vorführt wie nahe sich Lust und Tod sind. Unterschwellig ist bei Fennell kaum etwas. Während es einige beeindruckende Landschaftnilder im Hochmoor gibt, sind aus unerfindlichen Gründen die Außeneinstellungen der beiden Gutshöfe sehr ersichtlich und scheinbar ganz bewusst im Studio gedreht.
Die Optik von Linus Sandgren irritiert mitunter – die Künstlichkeit in Außenaufnahmen, und auch die manchmal unangenehme Nähe zu den Gesichtern der Darsteller. Sandgren auch für Fennell auch „Saltburn“ gefilmt, der wesentlich stimmiger im Konzept der Bildgestaltung war. Es ist insofern Schade, weil die raue Landschaft und das Leben in dieser Umgebung auch verbindendes Element der ursprünglichen Geschichte ist. Es hat den Anschein, als wollte Fennell bewusst aus eben diesem Ursprünglichen ausbrechen. Eine reduzierte Adaption für ein unvorbelastetes Publikum.
Hauptaugenmerk liegt ohnehin auf der Attraktivität seiner Hauptdarsteller. Nicht nur im Physischen, sondern vielmehr von ihrem ansprechenden Bekanntheitsgrad. Wenn ihre Chemie auf der Leinwand auch etwas dürftig wirkt, ist die Paarung von Margot Robbie und Jacob Elordi wenigstens extrem zeitgeistig. „Barbie“ und „Euphoria“ ergeben eine Catherine und einen Heathcliff die über alle Medium-Grenzen hinaus wirken, und Einfluss haben. In diesem Sinne funktioniert dann auch „Wuthering Heights“ überraschend gut. Weil Fennell das Offensichtliche auch sehr offensiv einsetzt.
Emerald Fennell denkt niemals klein, oder im subtilen. Sie geht immer in die Vollen, was mit bereits oben erwähntem Einstieg beginnt. Jeder Moment scheint größer sein zu müssen, als die Geschichte selbst. Es verwundert sehr, dass es so atemberaubend lange in den Film hinein dauert, bis das Paar lustvoll übereinander herfällt. Es regnet nie, sondern es gießt. Die Farbgebung expliziter Räume ist aufdringlich. Jedes Element ist aufgebauscht und spektakulärer als es sein müsste. Damit intensiviert die Regisseurin auch die Stationen dieser düsteren und zerstörerischen Beziehung.
Wenn die Leidenschaft nicht zu hundert Prozent ankommen mag, ist der Film dennoch wundervoll anzuschauen. Von ihm nicht gefangen genommen zu sein, wäre gelogen, selbst wenn diese Eindrücke nur flüchtig sein sollten. Dazu legt die Regisseurin einfach zu viel vor. Den besten Anteil hat dabei Anthony Willis bestechender Score. Auch wenn – zeitgeistig eben – Charlie XCX einige Songs beigetragen hat, ist es Willis‘ Musik die der Atmosphäre des Film ihren eigentlichen Charakter gibt.
Was sonst bei Soundtracks tabu sein sollte, ist hier essentiell, wenn Willis mit eindringlichen Kompositionen die Stimmung von Szenen unterstreicht, oder sogar vorgibt. Das fügt sich sehr gut in einen Film der unentwegt versucht sich den Konventionen zu entziehen, entzieht sich aber ein Klassiker zu werden. Emerald Fennells „Wuthering Heights“ ist ein wildes, aufregendes, bildgewaltiges Epos reiner Sexualität. Ein Hochgenuss für sein demografisch wichtiges Zielpublikum, der aber an der emotionalen und anhaltenden Kraft von Emily Brontës Roman scheitert.
Wegen eine Formatierungsfehlers wurde der Artikel mit der richtigen Version am 17.2.26 korrigiert.
Darsteller: Margot Robbie, Jacob Elordi, Hong Chau, Shazad Latif, Alison Oliver, Martin Clunes, Ewan Mitchell, Amy Morgan u.a.
Regie & Drehbuch: Emerald Fennell
Nach dem Buch von Emily Brontë
Kamera: Linus Sandgren
Bildschnitt: Victoria Boydell
Musik: Anthony Willis
Produktionsdesign: Suzie Davies
Großbritannien, USA / 2026
136 Minuten

