– Bundesstart 22.01.2025
– Release 05.12.2025 (CAN)
Preview 14.1.26, Babylon, Fürth
Zwei Dinge erst einmal vorweg. Die Namen Hamnet und Hamlet waren seinerzeit gleichbedeutend. Schon zu Beginn von Cloé Zhaos emotionalem Feuerwerk, wird das auf einer Tafel noch einmal hervorgehoben. Das ist für das atemberaubende und tränenreiche Finale des Films auf einer transzendenten Ebene wichtig. Das gleiche gilt für die Namen Agnes (ausgesprochen ANN-yes) und Anne, falls sich jemand wundern sollte, warum die historische Anne Hathaway im Film Agnes genannt wird. Das hat hier mehr eine metaphysische Bewandtnis, ist aber nicht das zweite Dinge was vorweg erwähnt werden wollte. Das zweite ist die Feststellung, dass sich „Hamnet“ in seiner emotionalen Kraft und inszenatorischen Finessen kaum angemessen beschreiben lässt. Cloé Zhaos fünfter Spielfilm ist etwas – wie ihre vier Filme davor – das man erlebt, was sich jenseits einer erzählerischen Handlung befindet. Ein Werk von einnehmender Ganzheitlichkeit.
Es ist die Geschichte von Will, der im noch unbestimmten 16. Jahrhundert im Hause Hathaway Latein-Unterricht gibt. Dabei trifft er die freigeistige Agnes, die mit ihrem Falken durch die Wälder zieht. Agnes ist eine Heilerin, wie ihre weiblichen Vorfahren auch, verbunden mit der Natur und dem Wald. Mit Kameramann Łukasz Źal hebt Zhao diese Verbindung von Agnes mit der Landschaft immer sehr eindrucksvoll hervor. Jessie Buckley spielt Agnes, und sie dominiert in ihrer Erscheinung immer die Natur, während andere Figuren darin verschwinden, oder bedeutungslos wirken.
Anders verhält es sich mit Will, dem sagenhaft reduzierten, aber einnehmenden Paul Mescal. Die Kamera zeigt Will und Agnes in Farbstimmung und Bildgröße immer als homogene Einheit. Es sind nicht Worte, welche Buckley und Mescal zusammenbringen. Es ist ihre Natürlichkeit im Spiel, im Umgang miteinander, und in dem was nicht gesagt wird. Hier treffen zwei tadellose Darsteller auf eine Regisseurin, die sich nicht einfach nur ergänzen, sondern auch beflügeln. Der Film lässt das spüren.
Mit 125 Minuten ist der Film lang. Für manche vielleicht zu lang. Es ist eine Länge, die sich für den Erfahrungswert auszahlt. Agnes und Will werden die gesellschaftlichen und familiären Hürden durch ihre gemeinschaftliche Kraft überwinden, und auch nichtig erscheinen lassen. Sie bekommen drei wundervolle Kinder. Die Pest ist im Land unterwegs. Hamnet, der Zwillingsbruder von Judith, stirbt am schwarzen Tod. Agnes wird es nicht überwinden, während Will sich in seine Arbeit zurückzieht, und für die Bühne schreibt. Cloé Zhao bleibt auf Agnes unendlichem Schmerz fokussiert.
Der Schmerz des Verlustes, der Schmerz einer Mutter. Zhao gesteht der Mutter zu, dass vorrangig sie im Mahlstrom vom Verlust des Hamnet sein darf. Und Jessie Buckley tut ihr Übriges, die Zuschauenden regelrecht mit hineinzureißen. Das ist aber auch nicht für jeden Geschmack, denn durch den strukturellen Aufbau und gemächliche Erzählung ist man unheimlich dicht an den Personen. Und Buckley ist ungefiltert und intensiv. Darüber hinaus ist alles möglich in dieser Welt, die Zhao mit Co-Autorin Maggie O’Farrell geschaffen hat. Letztere hat auch die Romanvorlage geschrieben.
Für einen wesentlichen Teil der Handlung dient die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Sie wird das Zünglein an der Waage von Finsternis und Heilung, wenn Wills Beitrag zum Erlösungsprozess beginnt. Dessen vollständiger Name im Übrigen nur einmal in einem Nebensatz genannt wird. Anflüge von Mystizismus und den Heilerinnen zugeschriebene Hexerei werden eingeflochten. Hat der elfjährige Hamnet vielleicht sogar selbst sein Schicksal mit dem seiner Zwillingsschwester getauscht, die nahe daran war, vom schwarzen Tod geholt zu werden. Spiritismus ist das einzige subtile Element in dieser Erzählung, die sonst unangenehm direkt sein kann.
Zwanzig Minuten dauert das Finale. Ein Opus an die Kunst der Erzählung, die Kraft des Theaters, und die Macht des Kinos. Und warum Hamnet und Hamlet, oder Agnes und Anne gleichbedeutend sind, und doch unterschiedliches bedeuten. Wermutstropfen ist Komponist Max Richters Entscheidung, kein neues Stück für dieses tränenreiche Finale zu schreiben. Aber Tränen werden fließen, nicht zu knapp. Und nicht weil uns Cloé Zhao diese Tränen aufzwingt. Sie versteht nie Notwendigkeit ihre Geschichte wirken zu lassen, und uns auf eine Ebene mit den Protagonisten zu bringen.
Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Joe Alwyn, Emily Watson, Jacobi Jupe, Noah Jupe, Bodhi Rae Breathnach, Olivia Lynes u.a.
Regie: Cloé Zhao
Drehbuch: Cloé Zhao, Maggie O’Farrell
nach dem Roman von Maggie O’FarrellKamera: Łukasz Źal
Bildschnitt: Chloé Zhao, Affonso Gonçalves
Musik: Max Richter
Produktionsdesign: Fiona Crombie
Großbritannien, USA / 2025
125 Minuten

