– Bundesstart 14.01.2026 (world)
Als 1978 die Welt unter der Zombie-Apokalypse zusammenbrach, waren die Untoten der Auslöser, aber Schuld am Niedergang der Zivilisation trugen die Lebendigen. Es gab die, die das Beste aus dem machten, was geblieben war. Aber dann waren da noch die anderen, die einfach alles haben wollten. Mehr, als sie überhaupt ertragen konnten. In einen vordergründigen Horrorschocker hatte George Romero menschliche Grundbedürfnisse gegen Gier als Gesellschaftskritik verarbeitet. Horrorfilme haben schon immer gut funktioniert, wenn sie auch ein Spiegelbild der jeweiligen Zeit waren. Am besten hat es funktioniert, wenn dies unscheinbar und unaufdringlich geschah. Wie bei Romero, oder 24 Jahre später bei Danny Boyle, nach einer Vorlage von Alex Garland. „28 Days Later“ hat 2002 einen neuen Zombie-Hype entfacht, der durch seine inflationäre Ausschlachtung sehr schnell ermüdend wurde. Deshalb war es extrem mutig, dass Danny Boyle und Alex Garland 2025 einen abschließenden dritten Teil zu ihren zwei Klassikern nachschoben. Aber sie hatten eben noch so viel zu sagen.
Der kongeniale „28 Years Later“ ist Abschluss einer Trilogie, und gleichwohl erster Teil einer neuen Trilogie, die mit Nia DaCostas „The Bone Temple“ fortgesetzt wird. Beide Filme wurden direkt hintereinander gedreht. Das war ebenfalls sehr mutig, aber äußerst effizient. Doch vor allem war es das absolut wert. Zur Verwirrung des Publikums wurde die Gruppe der fanatischen Jimmies bereits in „28 Years Later“ initialisiert. Die acht Jimmies, unter Führung von Sir Jimmy Crystal, ziehen durch das infizierte und rechtsfreie Großbritannien und töten im Namen Satans alle Überlebenden des Wut-Virus. Jack O’Connell spielt den selbst ernannten Sohn Satans mit einem unentwegt überheblichen Lächeln und typischen Hasstiraden. Das erscheint zuerst wie eintöniges Spiel, wird sich aber im Finale und seiner emotionalen Umkehr auszahlen.
Währenddessen arbeitet Dr. Ian Kelson weiter an seinem monumentalen ‚Knochentempel‘ zur Ehrung der Toten. Schon im Teil davor, war Kelson auf den zum Alpha mutierten Samson aufmerksam geworden. Eine neue Variante des Wut-Virus macht Alphas zu einer Art intelligenterer Untoter. Kelson tötet Samson aber nie, sondern betäubt ihn bei jeder Begegnung mit Morphium. Tatsächlich entsteht daraus eine drogenabhängige Beziehung. Die brandschatzenden Jimmies auf der einen Seite, und der rational irrationale Kelson auf der anderen. Diese Wege müssen sich kreuzen, und das Buch von Alex Garland macht das mit starken Ideen und interessanten Konzepten. Zuerst handelt sich um zwei voneinander getrennte, sich eigenständig entwickelte Ebenen. Deren jeweiligen Handlungselemente werden im Finale wie Zahnräder ineinandergreifen.
Schon lange im Vorfeld ließ Regisseurin Nia DaCosta immer wieder verkünden, sie werde auf keinen Fall versuchen in Gestaltung und Ausarbeitung ihren Vorgänger Danny Boyle zu kopieren. Dieses Vorhaben konnte die Triebfeder hinter „Candyman (2021)“, oder auch „The Marvels“, nicht wirklich einhalten. Die Bereiche Kamera, Schnitt und Musik haben zwar zu Sean Bobitt, Jake Roberts und Hildur Guðnadóttier gewechselt, aber atmosphärisch, visuell, und im Tempo sind kaum Unterschiede zu „28 Years Later“ auffällig. Das Aufnahmeformat mit dem Shudder-Effekt für die infizierten ‚Wütenden‘ wurde wieder dem von „28 Days Later“ nachempfunden. Nia DaCosta hat keine wirklich eigene Ästhetik gefunden, aber ein Nachteil ist das noch lange nicht.
Der Hintergrund für „Years“ spiegelt einen soziopolitischen Abriss des britischen Landes wieder, ohne aufdringlich damit zu spielen. „Bone Temple“ wendet sich hingegen sehr offensiv einer Auseinandersetzung esoterischer und spiritueller Psychosen zu. Rationalität gegen Kult, Intellekt gegen Fanatismus, falsche Propheten gegen Empathie. Die Jimmies, Satanisten in Trainingsanzügen und mit blonden Perücken, sind in diesem Reigen eindeutig. Bei Ian Kelson können die einzelnen Punkte verschwimmen. Jeder in diesem Film, wie in den anderen ja auch, hat unheimlich viel verloren. Nahestehende Menschen, die eigene Kindheit, und in dieser unbarmherzigen Welt vor allem die Unschuld. Die infizierten ‚Wütenden‘ gelten als die eigentlichen Toden, doch es sind die Überlebenden die innerlich gestorben sind. Kelson ist der einzige, der alles in sich aufnimmt, um versöhnlich mit dem Unvermeidlichen einherzugehen.
Die Rolle des Doktor Ian Kelson, mit seiner unverwüstlichen Gnade in einer unwiederbringlich verwüsteten Welt, hätte sehr schnell ins Unglaubwürdige, ins Lächerliche abdriften können. Die Besetzung mit Ralph Fiennes wirkt erneut wie die einzig plausible Möglichkeit. Hier vielleicht sogar noch eine Spur stärker als im Vorgänger. Fiennes ist das tröstende Element in einer radikalen Geschichte, selbst wenn sein Kelson ebenfalls am Rande des Wahnsinns tanzt. Nia DaCosta hat sich viel vorgenommen, mit dem was ihr Alex Garland auf den Weg mitgegeben hat. Aber innovativ anders ist ihr Film nicht geworden. Lediglich an psychischer Brutalität und physischer Gewalt legt sie gegenüber Danny Boyles Vorgänger noch einmal zu.
Es ist nicht unbedingt von Vorteil, zu glauben, dass mehr auch besser bedeutet. Aber grundsätzlich hält Nia DaCosta ihren Film auf einem Niveau, das ihre Vision nicht unter die der anderen vier Filme sinken lässt. So verstörend diese Welt ist, so interessiert hält man auch daran fest. Im Film haben alle Figuren viel verloren, doch alle haben etwas gefunden woran sie festhalten können – und müssen. Ob rational oder irrational. Im Horrorkino hat sich die einst von Danny Boyle und Alex Garland ersonnene Welt zu etwas entwickelt, an das Genrefreunde festhalten können. Und Nia DaCostas „The Bone Temple“ beweist dabei sehr festen Halt. Es ist eben so, dass die Macher immer noch sehr viel zu sagen haben – das verraten uns die letzten vier Minuten des Films.
Darsteller: Ralph Fiennes, Jack O’Connell, Alfie Williams, Erin Kellyman, Chi Lewis-Parry, Emma Laird, Sam Locke u.a.
Regie: Nia DaCosta
Drehbuch: Alex Garland
Kamera: Sean Bobitt
Bildschnitt: Jake Roberts
Musik: Hildur Guðnadóttier
Produktionsdesign: Carson McColl, Gareth Pugh
Großbritannien, USA / 2026
109 Minuten

