– Bundesstart 19.02.2026
– Release 12.12.2025 (US)
Preview, DCM-Screener, 27.2.26
Wenn Kinder sagen, ein Monster würde unter ihrem Bett hausen, sollten Eltern verdammt nochmal hören. Aurora hat es ihren Eltern gesagt – ihren Pflegeeltern. Es ist jetzt schon Auroras drittes Pflegepaar, das vom Staubhasen geholt wird. Das in Deutschland der Begriff Wollmäuse gebräuchlich ist, macht es dem Staubhasen hierzulande zu Anfang ein klitzekleines bisschen schwer. Auroras Staubhase manifestiert sich tatsächlich als Hase, zuerst aus Staubflocken und dann als drei-Meter Gigant, der unter dem Parkettboden wartet, bis jemand darüberläuft. Dieses zauberhafte Fantasy-Märchen ist das selbst geschriebene Regiedebüt von Bryan Fuller. Wem der Name nicht ganz geläufig sein sollte: Er hat bisher Besonderheiten wie „Pushing Daisies“, „Star Trek: Voyager“ & „Discovery“, „American Gods“, oder auch „Hannibal“ geschrieben und produziert. Letztere ebenfalls mit Mads Mikkelsen. Bryan Fuller hat also einiges auf dem Kerbholz. Und aus seiner Vita wird auch ersichtlich, dass Fuller ein sehr visueller Mensch ist.
Die kleine Aurora findet im ‚interessanten Nachbarn‘ einen vielversprechenden Verbündeten. Der Mann ohne Namen ist einfach nur der ‚Bewohner von 5b‘, genau gegenüber im Gang von Auroras Wohnung. Und der – wie das hilfesuchende Mädchen selbst beobachten konnte – hat bereits einen Drachen aufgeschlitzt und erlegt. Unglaublich eindrucksvoll inszeniert Bryan Fuller den tödlichen Kampf von Bewohner 5b gegen einige Asiaten, den Aurora allerdings nur als Schattenriss eines Drachen an einer Hauswand wahrnimmt. Den ganzen Film hindurch verschmelzen Phantasie und Realität zu einer ganz eigenen Welt voller visueller Magie. Eine Magie, die aber nie zimperlich ist, dass wird spätestens mit dem Kampf gegen den Drachen deutlich.
Dies ist kein Märchen für die Kleinen, eher wie die Originalfassungen der Gebrüder Grimm. Selbst wenn Fuller auf überzogene Gewaltspitzen verzichtet, lässt er keinen Zweifel daran, dass Staubhasen kein Kinderkram sind. „Dust Bunny“ ist wie das Wunschkind von Roald Dahl und Wes Anderson, für das Jean-Pierre Jeunet als Taufpate am Taufbecken stand. Sucht jemand nach Vergleichen, sind diese leicht gefunden. Aber Bryan Fuller ist zu keinem Zeitpunkt Imitator. Die Suche nach Vorbildern ist ein Ding für Erbsenzähler. Denn der Filmemacher formt und findet eine ganz eigene, eine sehr mitreißende Ästhetik – in der Visualität, gleichwohl im Erzählen.
Es braucht einige Zeit, bis Bewohner 5b vom Monster unter dem Parkett in Auroras Wohnung überzeugt werden kann. Zum Running Gag wird derweil, dass 5b einfach nicht den Namen des Mädchens richtig aussprechen kann – oder will. Sheila Atim spielt noch mit, als Beamtin vom Jugendamt, die sich als Agentin entpuppt. Sigourney Weaver ist auch dabei, von der nie zu erfahren ist, welche Rolle sie im Leben von 5b spielt. David Dastmalchian ist ein erfolgloser, aber extrem motivierte Killer. Die Nebendarsteller sind auf den Punkt perfekt, für Rollen die nie wirklich in ihrer Gänze erklärt werden. So wie Mads Mikkelsens Charakter des 5b ohne Hintergrund bleibt. Bei anderen Filmen ein dickes Minus – hier wird es zum eigenwilligen Konzept.
Bryan Fuller – frei nach Brian De Palma – fragt nicht „warum“, sondern „warum nicht“. Was Fuller aufgrund von Format und Budget im TV verwehrt blieb, kostet er hier in einem fulminanten Feuerwerk an visueller Ästhetik aus. Schon das Appartementhaus mit seiner Anmutung an die italienische Renaissance, erinnert stark an das filmbewährte Bradbury Building, und ist ein unwiderstehlicher Hingucker. Sonst ist Nicole Hirsch Whitaker hinter der Kamera bei Fernsehserien eingeschränkt, aber hier darf sie die volle Wucht der großen Leinwand nutzen – und sie versteht diese zu nutzen.
Kaum eine Einstellung die still steht. Und trotz der unentwegt fließenden Bewegungen, weiß die Kamera immer genau wo sie zu stehen hat, um den größtmöglichen visuellen Effekt zu erreichen, wie sie die Darsteller emotional unterstreicht, wie sie das Absurde normal erscheinen lässt, und das Normal absurd verzerrt. Das Kamerakonzept ist schlicht und ergreifend tadellos, mit einer ausgeklügelten überzeichnenden Lichtgestaltung, die die Atmosphäre noch intensiviert. Aber – erneut ein großes Aber – seine mitreißende Energie gewinnt „Dust Bunny“ durch Lisa Lasseks überragend präzise Montage. Trotz Lasseks starker Leistungen bei „Bad Times at the El Royale“ oder „Leave the World behind“, waren diese nur Fingerübungen für „Dust Bunny“ gewesen zu sein.
Insbesondere in der letzten halben Stunde, wenn gnadenlos jeder gegen jeden kämpft, behält Lassek den Überblick und bringt den Film gleichzeitig auf ein Tempo, bei dem das Adjektiv atemberaubend wortwörtlich zu verstehen ist. Mittendrin bewegen sich Sophie Sloan und Mads Mikkelsen wie zwei Zahnräder, perfekt ineinandergreifend und aufeinander abgestimmt. Mikkelsen stoisch und rücksichtslos, dem es nichts ausmacht neben seiner kindlichen Partnerin einen toten Gegner in der Badewanne zu zerlegen. Sloan ohne Angst und mit viel Neugierde, die sich selbstgefällig zufrieden zeigt, wenn sich als Wirklichkeit heraus stellt, was andere ihr als Alptraum einreden wollen. Beide sind ein erfrischend anderes Buddy-Duo, das lange braucht sich zu finden. In ihrer überaus entspannten Art zu spielen, sind sich beide aber absolut ähnlich.
Eine besondere Besonderheit offeriert der Film mit seinem Bildformat von 3:1, was die wunderliche Atmosphäre zwischen Gruselmärchen und Gangsterfarce noch ein grobes bisschen gegen den Uhrzeigersinn stellt. Verstoßen Bildgestaltung und Montage ohnehin schon gegen liebgewonnene Sehgewohnheiten, bringt das ungewöhnlich breite Bildformat noch eine erweiterte Herausforderung für die Sinne. Der Film birgt in jeder Richtung von technischer und künstlerischer Umsetzung gewisse Eigenarten.
Im Zusammenspiel dieser Eigenarten formt sich „Dust Bunny“ zu einem unglaublich witzigen, hoch spannenden, wundervoll anzuschauenden, und vor allem berauschenden Fantasy-Märchen. Bryan Fuller ist eben ein extrem visueller Mensch, daran lässt „Dust Bunny“ nicht den geringsten Zweifel. Und in all dem beweist dieser Regisseur, dass in seinen folgenden Produktionen sogar ein Meisterwerk stecken könnte. Dieser Film ist es noch nicht ganz, auch wenn er so aberwitzig viel Freude bereitet.
Darsteller: Sophie Sloan, Mads Mikkelsen, Sigourney Weaver, Sheila Atim, David Dastmalchian, Rebecca Henderson u.a.
Regie & Drehbuch: Bryan Fuller
Kamera: Nicole Hirsch Whitaker
Bildschnitt: Lisa Lassek
Musik: Isabella Summers
Produktionsdesign: Jeremy Reed
USA / 2025
106 Minuten


