Im Zweifel für den Angeklagten: Der Mandant

Mick Haller ist ein Rechtsanwalt, und gerne auch mit zwielichtigen Klientel. Kleine Drogendelikte, große Schlägereien, Motorradbanden, oder antriebslose Kleinkriminelle. Es sollte nicht aufwendig sein, überschaubar, und nichts woran man scheitern könnte. Mick Haller geht seinen Weg bequem, unaufdringlich, und ist zufrieden mit dem Stand der Dinge. Bis er über einen Mittelsmann gedrängt wird, die Verteidigung von Louis Roulet zu übernehmen. Der von Seiten des Elternhauses sehr gut betuchte Lebemann, soll eine Frau vergewaltigt und schwer verletzt haben. Mick Haller sieht eine Chance mit diesem Fall, und den damit einhergehenden finanziellen Einkünften, als Rechtsanwalt einen ganz großen Sprung nach vorne zu machen. Denn Mick Haller glaubt, dass Louis Roulets Fall überschaubar und nicht aufwendig ist. Und er glaubt, dass er nicht scheitern wird.

Die Handlung von DER MANDANT klingt zuerst wie eine x-beliebige Geschichte John Grishams, oder seiner zahllos uninspirierten Epigonen. Es geht um Lug und Betrug, falsche Fährten und schockierende Geständnisse, Überheblichkeit und Fehler. Vielleicht wäre die Handlung tatsächlich austauschbar. Denn mit seinem Aufbau und den obligatorischen Irrungen und Wendungen, liest sich der Film zuerst wie ein einziges Klischee des Gerichtsthrillers. Was den MANDANTEN aber dann doch zu einem wirklich spannenden, und nicht abgenutzt wirkenden Thriller macht, ist Brad Furmans Gespür für diese Art Film. Ganz offensichtlich hat er seine Hausaufgaben gemacht, und spielt genauso mit den Klischees, wie er diese auch zu umgehen versteht, wenn es darauf ankommt.

Zu der, wenn nicht besonders originellen, dennoch sehr spannenden Geschichte, gesellt sich ein Ensemble höchst sehenswerter Darsteller. Allen voran natürlich Matthew McConaughey, der dem coolen teils überheblichen Rechtsanwalt eine Spur von Unsicherheit unterschiebt, die aus ihm einen sehr greifbaren und echten Charakter machen. Wie so oft, schafft es Bill Macy mit nur sehr wenig Leinwandzeit, sehr viel Eindruck zu hinterlassen. Und auch Marisa Tomei kommt leider zu wenig ins Bild, denn es ist eine schlichte Freude, der Frau mit diesem unglaublichen Charisma zuzusehen. Und auch bei Ryan Phillippe ist die Zeit gekommen, wo er nicht mehr zwanghaft darstellen muss, sondern seine Rollen mit bloßer Präsenz überzeugend ausfüllen kann.

Für viele Filme ist das mehr als genug, um einen funktionierenden Thriller zu präsentieren. Doch Brad Furman hat ja noch den (englisch) titelgebenden Lincoln. Das 80er Towns Car an sich, das für Mickey Haller als Anwaltsbüro dient, ist ja allein schon schön anzusehen. Doch es ermöglicht Furman eine weitere Ebene in der Erzählung hinzuzufügen, nämlich die Stadt Los Angeles als alles umschließenden Charakter. Es gibt nicht viele Filme, die ihre Stadt als eigenständig wirkende Figur in die Handlung zu integrieren verstehen. Sidney Lumet hat das in seinen Filmen getan. Friedkin ist das mit TO LIVE AND DIE IN L.A. hervorragend gelungen. Und Brad Furman kennt auch diese Vorbilder, ohne sie schlecht zu kopieren. Vorspann und Musikauswahl sind eine verblüffende, wie überragende Reminiszenz an das Thriller-Kino der siebziger Jahre. Zusammen mit den stark kontrastierten Bildern von Kameramann Lukas Ettlin, durchzieht den gesamten Film das niemals aufgesetzte Flair eines Kinojahrzehnts, das ohne Spezialeffekte auskam und Geschichten noch durch ehrliche Charaktere zu erzählen verstand.

Alle seine Elemente auf technischer und künstlerischer Ebene, fügen sich zu einem starken Film, der Spaß macht, weil er stets seine Gewichtungen richtig setzt. Darsteller, Handlung, Bild, Musikauswahl, Erzählrhythmus, und die Atmosphäre der Stadt. Ein stimmig nuanciertes Gesamtpaket, das Vergnügen bereitet, weil es Spannungskino aufleben lässt, wie es früher perfekt funktioniert hat. Dabei ist allerdings ein Film entstanden, der trotz großartigster Vorbilder, seine ganz eigenständige, persönliche Atmosphäre gefunden hat.

The Lincoln Laywer
Darsteller: Matthew McConaughey, Marisa Tomei, Ryan Phillippe, William H. Macy, Laurence Mason, Francis Fisher, John Leguizamo u.v.a.
Regie: Brad Furman – Drehbuch: John Romano, nach der Geschichte von Michael Connelly – Kamera: Lukas Ettlin – Bildschnitt: Jeff McEvoy – Original Musik: Cliff Martinez
USA / 2011 – zirka 118 Minuten

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Im Kino gesehen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort