EXTREM LAUT will unglaublich viel

Der Schlüssel als allmächtiges Symbol. Geheimnisse, Rätsel, Selbstfindung. Doch damit längst nicht genug. Rätselhafte Orte, stumme Wegbegleiter, der schlimme Tag. Und die Vision eines fallenden Mannes. Wenn man dieses Bild auf den Kopf stellt, scheint er nach oben zu schweben. Jonathan Safran Foer hat alles in seinen zweiten Roman gepackt, was die Symbolik hergibt und als Metapher benutzt werden kann. Das macht die Geschichte überschaubar, an manchen Stellen etwas einfach, und auch nicht sonderlich tiefgründig. Was dem Autor auch herbe Kritik einbrachte, weil er seinen Diskurs über das Leben und Überleben ausgerechnet an dem Tag festmacht, der gerade in Amerika nur sehr sensibel behandelt werden kann.

Oskar Schells Vater ist am Morgen des „schlimmen Tages“ im Nordturm. Oskar ist Autist und begreift nur ansatzweise, was dabei eigentlich passiert ist. Es ist eine Odyssee, die Oskar schließlich aus sich selbst herausführen soll. Heraus aus einer in sich geschlossenen Welt, die kein Verständnis für Gefühle zeigt und soziale Kompetenzen ausklammert. Oskar liebt Rätsel, und sein allzu verständiger, über alle Maßen fürsorglicher Vater hat immer die besten Rätsel für ihn arrangiert. Zu Lebzeiten war es die bisher ungelöste Suche nach dem verschollenen sechsten Stadtbezirk, von denen es in New York aber bekanntlich nur fünf gibt. Und nach dem Tod des Vaters kommt das Rätsel um einen wegweisenden Schlüssel hinzu.

Stephen Daldry ist ein fantastischer Regisseur, der es versteht, Akzente zu setzen, mit kleinen Augenblicken große Momente zu machen und die emotionale Balance auf dem richtigen Niveau zu halten. Das schafft er auch in diesem Film, allerdings ist „Extrem laut“ die falsche Geschichte dafür. Allzu offensichtlich sind die Absichten hinter den verschiedenen Spuren, Rätselstellungen und Ereignissen bei Oskars Reise. Es ist keine Geschichte, welche versucht, sich mit ihren Sinnbildern und Gleichnissen Oskar und seiner Störung anzunähern. Vielmehr wird die Person selbst als Puzzle-Teil der Handlung untergeordnet. Wenngleich nicht vorhersehbar, so ist die Handlung allerdings mit ihrem überladenen Symbolismus nicht ausreichend originell und erst recht nicht fokussiert genug.

Im Grunde bestehen das Buch, und somit auch der Film, aus zwei vollkommen verschiedenen Geschichten. Zum einen ist da die Tragödie des „schlimmen Tages“ und die Auswirkungen auf eine intakte Familie. Diese Familie sollte eigentlich stellvertretend sein für das gesamte Ausmaß der menschlichen Katastrophe. Auf der anderen Seite ist da Oskar im Speziellen, dem mit dem Tod des Vaters die bisher einzige Möglichkeit genommen wurde, aus seiner ihn isolierenden Störung auszubrechen. Jeder Teil für sich schon ein thematisch sehenswertes Vorhaben, schafft das Drehbuch eine homogene Verschmelzung einfach nicht. Stephen Daldry schafft glaubwürdige Momente emotionaler Tragik, aber auch Augenblicke liebenswerter Gelöstheit. Die mit Oskars Verhaltensstörung einhergehenden Verhaltensmuster und Absonderlichkeiten, sowie die Reaktion seines gesellschaftlichen Umfelds hätten dabei etwas differenzierter, etwas realer ausfallen können. Doch letztendlich scheitert Daldrys Inszenierung an der überambitionierten Unentschlossenheit der Vorlage.

Während des Films wird schnell deutlich, was die harsche Kritik an Jonathan Safran Foer rechtfertigt. Sich mit dem elften September auseinanderzusetzen, darf nicht aus kommerziellen Absichten geschehen. Und schon gar nicht darf dies in einer für den Leser/Zuschauer simplifizierten Form umgesetzt sein. Spike Lee hat bereits ein Jahr nach den Anschlägen die gesellschaftlichen und mentalen Auswirkungen des elften September in „25th Hour“ einfließen lassen, ohne das Ereignis überhaupt thematisieren oder zeigen zu müssen. Das war feinfühlig und spannend zugleich. Und sehr ehrlich. Zumindest nach der Filmversion von „Extrem laut“ hat man das unweigerliche Gefühl, dass „der schlimme Tag“, wie Oskar ihn nennt, ziemlich willkürlich gewählt ist. Jonathan Safran Foer hat mit der Wahl dieses Datums seinen Roman ganz sicher interessanter und aktueller gestalten wollen. Der Vorwurf der respektlosen Vermarktung des Schreckens ist aber stark übertrieben. Der Autor hat es thematisch einfach nicht adäquat umsetzen können. Leider hat dies Drehbuchautor Eric Roth nicht auffangen können und blieb im selben Dilemma hängen.

Oskar beschwert sich einmal bei seinem Vater, dass das Rätsel um den sechsten Bezirk zu schwer sei. Tom Hanks, als der beste Dad der Welt durch die geringe Leinwand-Zeit zu überzeichnet, entgegnet nur hintergründig, „wenn Dinge einfach zu finden sind, sind sie es nicht wert, gefunden zu werden“. Dabei schreit der sechste Bezirk geradezu von der Leinwand. Das ist nur bedingt spannend und sehr leicht zu durchschauen. Sehr gute Schauspieler, tolle Inszenierung, fabelhafte technische Umsetzung. Aber man wird mit der Frage entlassen, ob es dieser Film wert war, gefunden zu werden.


Extremely Loud & Incredibly Close
Darsteller: Thomas Horn, Sandra Bullock, Tom Hanks, Viola Davis, John Goodman, Jeffrey Wright und Max von Sydow
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: Eric Roth
Kamera: Chris Menges
Bildschnitt: Claire Simpson
Musik: Alexandre Desplat
Produktionsdesign: K. K. Barrett
USA / 2011
zirka 129 Minuten

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