JEFF, DER NOCH ZU HAUSE LEBT

Kann es sein, dass sich Jason Segel zu einem neuen Tom Hanks entwickelt? Von brachialem Humor zu feinsinnigem Tiefgang? Verfolgt man seine Karriere von seiner ersten wirklichen Auffälligkeit in KNOCKED UP – BEIM ERSTEN MAL bis hin zu JEFF, kann man Tendenzen erkennen, dass sich Jason Segel tatsächlich zu einem an allen Fronten beliebten Allrounder entwickeln wird. Von BAD TEACHER zu THE MUPPETS war es schon ein großer Sprung. Obwohl sich beide als Komödie verkaufen, konnten sie in Ton und Anliegen kaum weiter auseinanderliegen. Zwischen den beiden letztgenannten Filmen drehten die Brüder Duplass JEFF, DER NOCH ZU HAUSE LEBT. Ein als Komödie angelegter Film, der sich dann doch als Drama entpuppt, um schließlich zu einem greifbaren und glaubwürdigen Mix von beiden zu kulminieren.

Jeff ist dreißig und wohnt noch zu Hause bei seiner alleinstehenden Mutter Sharon, und wer Jeffs Gemüt kennt, weiß auch, warum. Sein Bruder Pat hingegen führt ein konservatives Leben, ist verheiratet und glaubt sich als erwachsenes Gegenstück zu dem verschroben wirkenden Jeff, dem Genrefilme und Arbeitslosigkeit wichtiger scheinen als ein bodenständiges Leben. Aber was es tatsächlich heißt, ein Leben zu leben, das definiert genau der Tag, der in diesem Film erzählt wird.

JEFF ist weder intellektueller Hochwuchs noch stumpfer Klamauk. Dafür ist JEFF erstklassiges Charakterkino, in dem nicht nur Jason Segel wesentlich mehr Tiefe zeigen darf, als man es im Allgemeinen erwarten möchte. Susan Sarandon als überforderte Mutter ist darstellerisch endlich wieder einmal gefordert und integraler Bestandteil eines Films, und Ed Helms gibt weit mehr als nur den lachhaft kauzigen Stichwortgeber. Jeff ist ein scheinbar fauler, dem wirklichen Leben abgeneigter Faulenzer, der sich lieber mit der Philosophie der Filme von Night M. Shyamalan beschäftigt, als sich um einen bezahlen Job zu bemühen. Gerade Jeffs Beziehung zu Shymalans THE SIGNS ist der Anstoß zu dem, was an diesem im Film erzählten Tag passieren wird. Ein Tag im Leben einer Familie, an dem ausgerechnet der Verlierer seiner als normal geltenden Familie einfach einen Spiegel vorhält und mit seinem jugendlichen Gemüt deren Lebenseinstellungen unbewusst in Frage stellt.

Es gibt Szenen, die straffer inszeniert sein könnten, wie Jeffs unglückseliger Versuch, seine Schwägerin auszuspionieren. Aber da sind auch Sequenzen, die etwas mehr Fleisch vertragen hätten, als Mutter Sharon eine ganz neue, unbekannte Seite an sich entdeckt. Doch alles in allem ist JEFF eine vergnügliche Sache, die zu Herzen geht, aber auch ohne Durststrecke witzig unterhält. Es gibt eben doch noch amerikanische Komödien, die auch ohne vulgären Humor funktionieren. Die Person im Mittelpunkt scheint wie ein wirrer Chaot die Leben seiner Verwandten zu belasten, weil keiner Jeff als faulen Nichtsnutz und Nutznießer einer kapitulierenden Mutter begreift. Dabei hat Jeff einfach noch nicht seinen eigenen Weg gefunden, so einfach ist das witzig charmant erzählte Leid dieses unfreiwilligen Tagträumers, der an diesem einen Tag seine Zeichen erkannt hat, ihnen folgt, und dabei jede Menge unangenehmen Staub aufwirbelt.

„Mom und du verstehen es einfach nicht, dabei seid ihr alles, was ich noch habe“, ist Jeffs verzweifelter Ausbruch, der schließlich zum ersten Mal verdeutlicht, dass etwas mehr Verständnis und Beistand ihn seinem eigenen Weg vielleicht schon etwas nähergebracht hätten. So spannend kann das Leben sein. Aber auch so witzig. Ein wunderbarer Film, der mit leisen Tönen ebenso überzeugt wie mit seinem Humor.

Jeff, Who Lives at Home
Darsteller: Jason Segel, Ed Helms, Susan Sarandon, Judy Greer, Rae Dawn Chong, Steve Zissis, Evan Ross u.a.
Regie: Jay & Mark Duplass
Drehbuch: Jay & Mark Duplass
Kamera: Jas Shelton
Bildschnitt: Jay Deuby
Musik: Michael Andrews
Produktionsdesign: Chris Spellman
USA / 2011
zirka 83 Minuten

Bildquelle: Paramount Pictures / Paramount Vantage
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