HYDE PARK ON HUDSON

HYDE PARK ON HUDSON – Bundesstart 28.02.2013

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges erwartet Franklin Delano Roosevelt als 32. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ganz besondere Gäste auf seinem Landsitz, welcher ausgerechnet Hyde Park genannt wird, am malerischen Flüsschen Hudson. König George VI. aus Großbritannien hat sich mit Gattin Elizabeth zum Staatsbesuch angekündigt. Die Vorbereitungen sind entsprechend turbulent und hektisch, zur Ruhe kommt der Präsident auf dem Landsitz kaum. Da kann etwas Ablenkung durchaus nicht schaden. Zum Beispiel mit der Cousine fünften Grades Daisy, nach welcher Roosevelt schicken lässt. Und dies, obwohl seine Gattin Eleanor ebenso anwesend ist wie seine Geliebte Missy.

Roger Michells Film nach dem Drehbuch von Richard Nelson übt sich in der schon bewährten Tradition, sich Persönlichkeiten nicht mehr über die Erzählung ihres gesamten Lebens anzunähern, sondern über ein besonderes Ereignis während ihrer Schaffenskraft zu definieren. Aber dem Film fehlt eine klare Linie, um seinem Anliegen gerecht zu werden. Wir lernen einen lebenslustigen und unkomplizierten Präsidenten kennen, wobei offensichtlich wird, warum er zu den wenigen wirklich beliebten Volksvertretern der Vereinigten Staaten zählt. FDR war auch der einzige Präsident, der in vier Amtsperioden gewählt wurde. Ein sympathischer Mann, dem man ohne Weiteres nicht nur die Betrügereien an seiner Frau nachsieht, sondern auch noch das Hintergehen seiner Geliebten.

Der Besuch des britischen Königspaares kommt nicht von ungefähr. Zum einen ist es Georges Antrittsbesuch und zum anderen kippen die politischen Verhältnisse in Europa am kippen. Entsprechend nervös zeigt sich das Paar aus Übersee, das hinter vielen Dingen nur die Verunglimpfung der Monarchie vermutet. Warum heißt der Landsitz ausgerechnet wie der Londoner Park und warum gibt es anstelle eines Staatsdinners ein Picknick? Aber viel schlimmer, warum werden sie vom einfachen Bauern auf dem Land nicht erkannt? Michell und Nelson haben gut daran getan, sich gewisse Freiheiten gegenüber den tatsächlichen Ereignissen des Staatsbesuches herauszunehmen. Und es war wichtig, die politischen Hintergründe Europa betreffend weitgehend außer Acht zu lassen. So wird der Zusammenprall der Kulturen besser, aber auch amüsanter in den Vordergrund gerückt. Wie sich die Figuren von einem Dilemma zum nächsten hangeln, inszeniert Michell mit einem herrlich anzusehenden Vergnügen, wo er zur Freude des Publikums wie bei einem Pingpong-Spiel in den Szenen hin- und herspringt.

So ganz mag dieser vergnügliche Diskurs aber nicht zu der vorangegangenen, nicht minder amüsant erzählten Geschichte passen. Es ist die verunsicherte Cousine Daisy, die zu ihrem Verwandten und gleichzeitigen Präsidenten zwecks geistiger Zerstreuung gerufen wird. Es ist zu erwarten, dass Daisy und Franklin sich näherkommen werden. Laura Linney als Daisy bringt genau das in ihre Rolle, was man von einem an Konventionen gewöhnten Mäuschen vom Lande erwarten kann. Zuerst ist es die große Unsicherheit, dann fühlt sie sich geschmeichelt, schließlich wird es Obsession. Unbeschwert und entspannt zeigt Roger Michell diese leise aufflammende Beziehung, die ihren Höhepunkt natürlich mit Bill Murrays Darstellung als FDR feiert. Der Regisseur wusste genau, wie er seine Charaktere und die Situationen handhaben musste, um keine überflüssig peinliche Szenen entstehen zu lassen. Olivia Williams als Eleanor Roosevelt bildet in diesem grandiosen Ensemble  keine Ausnahme. Wie sie mit ihrem Filmmann interagiert, die Mätressen neben ihm akzeptiert und dennoch die Würde einer First Lady behält und ausspielt, das kommt von einer Schauspielerin, die sich leider viel zu selten im Kino zeigt.

Da ist die Geschichte von Daisy und Franklin, die Ereignisse um die verkniffenen Briten und allzu legeren Amerikaner und schließlich die zwischenmenschliche Annäherung zweier Nationen. Die Darsteller, allen voran ein umwerfender Bill Murray, sind tadellos. Das Setting und die wunderbaren Bilder sind einfach hinreißend. Der geschichtliche Hintergrund, wenngleich für dramaturgische Zwecke verfremdet, ist interessant und wirklich sehenswert. Hier zeigt sich also ein Film in  sehr vielen einzelnen Teilen, die sehr amüsant und dramaturgisch ansprechend zugleich sind. Diese Teile bilden allerdings keine strukturelle Einheit. Es wirkt, als hätten sich Drehbuch und Regie nicht entscheiden können, wo nun der Schwerpunkt dieser historisch wichtigen Tage liegen würde oder wie man diese Episoden in einen stimmigen Kontext bringen könnte.

Margaret ‚Daisy‘ Suckley wurde hundert Jahre alt, und erst nach ihrem Tod 1991 wurde durch Briefe und Tagebücher das tatsächliche Ausmaß ihrer Beziehung zu dem 32. Präsidenten der Vereinigten Staaten deutlich. In Anlehnung an Suckleys Hinterlassenschaften verfasste Richard Nelson sein Drehbuch. Doch dies sollen die einzigen Anhaltspunkte für eine intime Beziehung zwischen Daisy und FDR bleiben. Zu der Zeit in Hyde Park am Hudson selbst gab es weder Spekulation geschweige denn den Skandal einer Beziehung. Darüber hinaus war ja die Affäre zwischen FDR und Missy ebenso kein Geheimnis. Selbst wenn alles nur ersponnen sein sollte, ist es doch zu gut, als dass man diese gute Geschichte einfach so ignorieren könnte. Sie zeichnet den Charakter eines Präsidenten, dem es an Menschlichkeit nicht mangelte, der sich aber gleichzeitig jeden Respekt verdiente.

Gegen Ende sitzen Franklin und Bertie, wie King George auch genannt wurde, auf ein paar Drinks in der Bibliothek. Es ist eine staatstragende Szene, aber auch sie passt nicht so wirklich in den Kontext des Films bis dahin. Wieder schlägt Michells Inszenierung eine neue Richtung ein. Aber mit dieser Szene wird deutlich, was diesen nach außen hin kauzig sympathischen Allerweltsherren zu einem großen Staatsmann machte. Man darf bemängeln, was es zu bemängeln gibt, schließlich ist es das, was aus HYDE PARK eben nicht diesen grandiosen Film macht, welcher er sein könnte. Aber dennoch ein herzlicher, sehr schön anzusehender Film, der amüsiert und berührt. Es muss nicht immer der große Wurf sein, um einen Film trotz allem sympathisch zu finden.

Darsteller: Bill Murray, Laura Linney, Samuel West, Olivia Colman, Olivia Williams, Elizabeth Marvel, Elizabeth Wilson u.v.a.
Regie: Roger Michell
Drehbuch: Richard Nelson
Kamera: Lol Crawley
Bildschnitt: Nicolas Gasler
Musik: Jeremy Sams
Produktionsdesign: Simon Bowles
Großbritannien / 2012
zirka 94 Minuten

Bildquelle: Tobis Film / Focus Feature
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