TRASH

TRASH – Bundesstart 18.06.2015

Trash-1, Copyright Universal Pictures GermanyDie sehr ambitionierten Absichten in Stephen Daldrys fünften Spielfilm, sind immer wieder spürbar. Doch irgendwie fehlt es immer wieder an der letzten Konsequenz. Es ist Milieustudie und Sozialdrama zugleich, dazu mischt sich etwas Krimi, und ein wenig Action. Das funktioniert in einer sehr gefälligen Weise, hinterlässt aber keinen lang anhaltenden Eindruck. Obwohl die Geschichte wirklich genügend Momente von geschickten Wendungen und überraschenden Einfällen gibt. Raphael und Gardo suchen auf der Mülldeponie für wenig Geld nach noch brauchbaren Dingen. Als Slum-Kinder aus Rio de Janeiro, sind sie mit allen Wassern gewaschen, und als sie eine Brieftasche finden, behalten sie diese erst einmal für sich. Denn unmittelbar nach dem Fund, ist schon die ganze korrupte Polizei von Rio auf der Suche nach dieser Brieftasche. Sie muss also mehr Wert haben, als nur die wenigen Real an Geldscheinen. Eine verzwickte Ausgangssituation, denn die Kinder glauben sich schlauer als sie tatsächlich sind. Allerdings stehen auch die Ghettos geschlossen gegen die Polizei, und ihrem korrupten Apparat.    

BILLY ELLIOT, THE HOURS, DER VORLESER oder EXTREM LAUT & UNGLAUBLICH NAH sind eine sehr beeindruckende Vita für Regisseur Stephen Daldry. Jeder dieser Filme erhielt mindestens entweder eine Oscar-Nominierung für Regie, oder Bester Film, oder beides. TRASH bricht aus diesem Zirkel aus. Und eigentlich kann man es auch nicht genau festmachen, woran dies liegen mag. Ein innovatives Setting, eine straff erzählte, noch dazu gut verwobene Geschichte, und erstklassige Darsteller. Dabei muss angemerkt werden, dass Rooney Mara und Martin Sheen ihre Erstnennung auf dem Plakat wirklich nur Vertragsverpflichtungen und dem Marketing zu verdanken haben. Der Film wird wirklich getragen von Gabriel Weinstein, Rickson Tevez und Eduardo Luis, allesamt Filmdebütanten. Ihre erfrischende Unbekümmertheit im Umgang mit der Kamera überträgt sich leicht auf den Zuschauer. Mara und Sheen kommen als amerikanischen Gringo und Gringa eine ganz andere Aufgabe zu. Sie sind die Erstwelt-Vertreter, die durch die Geschehnisse erst einmal das Leben in Rio in seiner ganzen Fülle begreifen. Und dazu gehört, dass man sich wirklich erst einmal von allen Vorurteilen verabschieden muss. So sind sie gleichzeitig auch Mittler zwischen einer für den Mainstream eher unbekannten Welt, und einem vorbelasteten Zuschauer.

Der Spagat, das harte Ghettoleben zu thematisieren, und gleichzeitig das Zusammengehörigkeitsgefühl zu demonstrieren, gelingt nicht ganz. Immer wieder macht die Inszenierung den Eindruck, als wäre man zu stark mit Weichspüler über die Handlung. Es gibt durchaus Szenen, die ungewöhnliche Härte zeigen, gerade wenn ein Kind gefoltert wird. Aber immer wieder rutscht der Film auf den Kurs, wie selbstlos die Gemeinschaft ist, oder wie unkompliziert das Leben in absoluter Armut sein kann. Die Geschichte reißt viel an, lässt dann aber vieles zu unkonkret. Immer wieder fehlt der letzte Schritt. (SPOILER) Es gibt eine Szene, in der ein Charakter eigentlich sterben müsste, allein auf Grund der im Szenario aufgebauten inneren Logik, dessen sich der Film aber für eine versöhnlichere Annäherung zum Publikum verweigert (SPOILER ENDE).

Aber TRASH kann man nicht abstreiten, spannendes, teilweise auch überraschendes Kino zu sein. Die Jagd auf die Brieftasche, und der Entschlüsselung ihres Rätsels, ist ein sehr einnehmender Krimi geworden. Hinzu kommen seine herausragenden Darsteller. Und die auf das Wesentliche konzentrierte Inszenierung von Daldry hält den Zuschauer stets bei der Handlung. Es ist ein Film der auf den ersten Blick sehr viel Spaß, weil spannende Unterhaltung bereitet. Aber es ist kein Film, der mit seiner Milieustudie wirklich in die Tiefe geht, oder dem sozialen Drama im Kern begegnet. Kameramann Adriano Goldman hält seine Farben herrlich ausgewaschen und erzielt immer einen schmutzigen Effekt, was die Szenen wirklich authentisch gestaltet, ohne auch nur dem Versuch von verklärender Anmut zu erliegen. Hier kommt ein künstlerischer Aspekt der Prämisse am nächsten. Der Rest ist durchaus sehenswerte und spannende Kinounterhaltung. Aber es ist kein Film, der immer wieder für Gesprächsstoff sorgen wird.

Trash-2, Copyright Universal Pictures Germany

Darsteller: Rickson Tevez, Gabriel Weinstein, Eduardo Luis, Rooney Mara, Martin Sheen, Wagner Moura, Selton Mello u.a.
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: Richard Curtis, mit Felipe Braga nach dem Roman von Andy Mulligan
Kamera: Adriano Goldman
Bildschnitt: Elliot Graham
Musik: Antonio Pinto
Produktionsdesign: Tulé Peak
Barsilien – Großbritannien / 2014
114 Minuten

Bildrechte: Universal Pictures Germany
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