FFF ’19: READY OR NOT

g l e i c h z e i t i g      B u n d e s s t a r t

Ready Or Not a, Copyright 20th CENTURY FOXFFF19, Copyright ROSEBUD ENTERTAINMENTREADY OR NOT
– Bundesstart 26.09.2019

Ist es nicht herrlich, in eine Familie einzuheiraten und so herzlich aufgenommen zu werden, dass sie sogar die Gepflogenheiten der Hochzeitsnacht sprengen. Die ehelichen Pflichten können beginnen, aber erst wenn man gemeinsam ein Spiel gespielt hat. Das ist eben Tradition. Als junge Braut macht Grace gute Miene zum bösen Spiel, ohne auch nur zu ahnen, wie böse das Spiel sein wird. Als Mädchen aus der Unterschicht, ohne Freunde oder Familie, ist sie schon froh darüber, in der schrecklich reichen Upper-Class aufgenommen worden zu sein. Das sich der neue Familienname Le Domas, verdächtig nach Dumb-Ass anhört, hätte Grace schon im Vorfeld verdächtig vorkommen müssen.

Das Gespann Bettinelli-Olpin und Gillett hat das gewisse Gespür für leicht abseitige Geschichten. Sie halten sich durchaus an die Formeln und Erwartungen des aktuell angesagten Horrorfilms, verfeinern ihre Filme aber immer wieder mit einigen unerwarteten Zutaten. Da erfüllte sie das Drehbuch des Duos Ryan Murphy und Guy Busick bestimmt mit Freude. Alle Vier sind relative Neulinge im Filmgeschäft, haben sich dem Horror verschrieben, und scheinen sich da auch zu gefallen. Ihre Experimentierfreudigkeit hält sich dabei in Grenzen, wie READY OR NOT zeigt. Sie vertrauen eher auf eingeschliffene Konventionen, um diese dann zu veredeln. Das gelingt ihnen aber zum Wohlwollen der Genre-Freunde so gut, dass dieser Film auf den ersten Blick unheimlich innovativ wirkt.

Doch genau das ist auch das richtige Rezept, sich im Überfluss von Horrorfilmen zu behaupten. Nämlich dass man trotz allem die selbe Backform benutzt. Und dann überrascht man mit Füllung und Zuckerguss. Der Zuckerguss ist in dem Fall Samara Weaving als gejagte Braut und Henry Czerny, der snobistisch überhebliche Anführer der Jägerfamilie. Der Patriarch will einfach nicht wahrhaben, was mit seinen Liebsten im Laufe der Nacht passiert, vielmehr geht es in erster Linie um die Sache selbst. Czerny spielt das so stoisch von sich überzeugt, dass er die Lacher auf seiner Seite weis, ohne dumme Sprüche zu reißen, oder gar den Hampelmann zu geben. Doch er ist sehr weit davon entfernt, unfreiwillig komisch zu sein. Zuerst reagiert Grace mit ähnlichem Unverständnis, doch bei ihr bricht sich eine Seite Bahn, die viel mehr Trotzreaktion ist, als Überlebenswillen. Dafür ist Samara Weaving in Aussehen, Physis und Präsens einfach geschaffen, die darstellerisch meist auf sich allein gestellt ist, und das mit der lakonischen jetzt-erst-recht Attitüde ihres Charakters perfekt meistert.

Die Geschichte kommt schnell in Gang, die Macher verschwenden keine Zeit. Wissenswertes wird meist auf dem Weg durch die scheinbar unendlichen Gänge oder den weitläufigen Außenbereichen des Anwesens vermittelt. Und da kommt dann die Füllung mit ins Spiel, weil READY OR NOT immer wieder neue Möglichkeiten im Handlungsverlauf und dem Hintergrund der Geschichte offenbart. Ein ständig auftretendes Schmunzeln ist garantiert, und lautstarkes Lachen tritt meist bei den sehr originellen, aber von den Figuren sehr ungeschickt umgesetzten Morden zu Tage. Die Anhänger von expliziten Darstellungen werden ihre Freude haben. Und eine Szene mit Grace wird sich wohl für einige Zeit einbrennen. Besucher werden sofort verstehen, welche Szene damit gemeint ist.

READY OR NOT ist ein netter Zeitvertreib für Genre-Freunde. Vielleicht etwas zu abgefahren für unentschlossene Kinogänger. Langweilig wird der Film aber zu keiner Zeit, der jetzt nicht wirklich der große Wurf ist, und auch nicht zum Klassiker mutieren wird. Das bestimmt nicht, aber es ist auch in den letzten Jahren unheimlich schwer geworden, sich wirklich innovativ abzuheben, gleichzeitig aber einer allgemeinen Erwartungshaltung gerecht zu werden. Doch die Rezeptur hat hier wunderbar funktioniert, und wenn man will, ist der Kuchen auch perfekt aufgegangen. Und da schmeckt es gleich noch einmal so gut. Bitterböser schwarzer Humor, tadellose Splatter-Einlagen und einnehmende Darsteller. Da ist man doch versucht, einen Nachschlag zu verlangen. Besonders bei seinem überaschenden und grandiosen Finale.

Ready Or Not b, Copyright 20th CENTURY FOX

Darsteller: Samara Weaving, Adam Brody, Mark O’Brien, Andy MacDowell, Melanie Scrofano u.a.
Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett
Drehbuch: Guy Busick, Ryan Murphy
Kamera: Brett Jutkiewicz
Bildschnitt: Terel Gibson
Musik: Brian Tyler
Produktionsdesign: Andrew M. Steam
USA / 2019
95 Minuten

Bildrechte: 20th CENTURY FOX
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