WILLKOMMEN IN MARWEN

Welcome-To-Marwen-1, Copyright Universal Pictures InternationalWELCOME TO MARWEN
– Bundesstart 28.03.2019

Heute ist Mark Hogancamp 49 Jahre alt. Und seine Profession ist Kunst, ganz besondere Kunst. Nicht nur eine Art davon, sondern klare Selbstheilung. Seit neun Jahren ist Mark Hogancamp ohne Erinnerung an seinen Namen, ohne Erinnerung an sein früheres Leben, alles musste er neu lernen. Lesen, schreiben, laufen. Und die notwendige, weiterführende Therapie konnte er sich nicht leisten. Für das Zauberkind aus Hollywood eine erneute Herausforderung. Robert Zemeckis war immer vorne dran, wenn es um technische Innovationen im Film ging, und mit diesen die Erzählung erst funktionieren ließ. Kaum zu glauben, aber ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT ist der führende Film, wenn es um glaubwürdige Zeitreisen geht. Hollywood-Style. Und er nahm den Zuschauer mit Philippe Petit zu einem Drahtseilakt zwischen den Zwillingstürmen. Einer der ganz wenigen Filme, wo 3D nicht nur Sinn macht, sondern die Technik auch perfekt eingesetzt wurde.


Sich für so ein Projekt Steve Carell an Bord zu holen, mag zuerst verwundern. Doch Carell überzeugte nach seiner reinen Komödienzeit immer wieder mit Charakteren, welche die schmale Gradwanderung von Drama und Humor perfekt meisterten. Carell in MARWEN kommt da wohl seiner Rolle in LITTLE MISS SUNSHINE am nächsten. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Mark Hogancamp seinem Schicksal stellt, immer verwundbar bleibt, aber auch extrovertiert damit umgeht, und der Humor stets etwas bitter klingt, ist bewundernswert. Carell meistert das mit vermeintlicher Bescheidenheit, und offensichtlichem Respekt vor der realen Person. Seine vorwiegend weiblichen Nebendarsteller werden dabei leider immer wieder nur zu Stichwortgebern. Ihre Bedeutung in Marks Leben bleiben nur angerissen.

Von fünf  Proleten zusammengeschlagen und zum Sterben zurück gelassen, muss sich Mark nach dem Erwachen aus dem Koma, eine neue, eigene Welt erschaffen. Und das ist Marwen, ein kleines belgisches Dorf während des Zweiten Weltkrieges. Alles im Maßstab 1:16, mit entsprechenden Spielfiguren. Liebevoll gestaltet, mit vielen Details bereichert. Mark erträumt sich seine Abenteuer, stellt wichtige Szenen daraus mit den Figuren nach, um diese dann zu fotografieren. Hier wird der Reiz für Robert Zemeckis an der Geschichte nur allzu deutlich. Die erträumten Episoden werden von den Computer animierten Puppen gespielt, allerdings in einer realen Umwelt. Die groben Hand- und Fußgelenke und Plastik geformten Körpertexturen sind stets klar zu erkennen, die Gesichter den jeweiligen Darstellern nachempfunden, allerdings bleibt der Charakter des künstlichen gewahrt.

Ob FORREST GUMP, THE WALK, oder die damals noch unausgegorene Motion-Capture Technik bei POLAR EXPRESS und BEOWOLF. Wo andere die Möglichkeiten der Computer-Animation zum Selbstzweck verwenden, ist sie bei Zemeckis immer Bestandteil der Geschichte. Mit kindlicher Freude muss der Regisseur die Möglichkeiten bei WELCOME TO MARWEN gesehen haben. Und dieser Aufwand hat sich gelohnt, jedenfalls optisch. Aufgrund der weniger gelenkigen Bewegungen und groben Körperlichkeit, nimmt der Zuschauer den Wechsel von realen Personen zu den animierten Puppen natürlich wahr. Doch es ist für das Publikum umgehend auch eine Selbstverständlichkeit. Schon aus der Faszination gegenüber dem immensen Aufwand der damit einhergeht.

Zemeckis, der zu seinen Filmen sehr gerne selbst das Drehbuch verfasst, oder daran mitschreibt, hat in Caroline Thompson eine ganz neue Vertraute gefunden. Im Bereich des Ungewöhnlichen hat sich Thompson schon bei EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN, der ADDAMS FAMILY, oder NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS verdient gemacht. Doch das Team lässt bei MARWEN in der Struktur der Erzählung einiges zu wünschen übrig. Natürlich ist es immer wieder wünschenswert, wenn ein Filmemacher mit den Konventionen bricht. Gerade bei einem Thema wie diesem, wo man sich sehr schnell in Plattitüden und abgenutzten Normen verlieren kann. Doch etwas mehr von traditioneller Erzählweise, wäre ganz angebracht gewesen.

Man kann den Charakter des wirklichen Mark Hogancamp nicht auf zwei Stunden Film herunter brechen, deswegen ist man noch immer an gewisse Strukturen in der Dramatik gebunden. Wenn der Stoff funktionieren und ankommen soll. Warum der Zweite Weltkrieg? Warum die Entscheidung für die eine bestimmte Frau? Wohin steuert die Auflösung der Geschichte? Vieles in der Geschichte ist konkret, wechselt oftmals aber auch unvermittelt zu einer gedanklichen Herausforderung für den Zuschauer, der damit aus dem Fluss gerissen wird. Wie werden die immer wieder überraschenden Ausbrüche von Hogancamp generiert?

Was der Film ohne weiteres erreicht, ist eine sofortige Akzeptanz für diese Welt zu schaffen. Doch emotional kann man sich auch schnell verlieren, so spannend und interessant sich der Übergang von Realität und Fiktion auch gestalten mag. Tiefe ist vorhanden, doch sie geht nicht immer Hand in Hand mit der Entwicklung von Figuren und Geschichte. Aber dies ist ein Film von Robert Zemeckis, daher immer einen Blick wert. Auch wenn man nicht immer die Perfektion vorangegangener Werke erleben darf.

Welcome To Marwen - 2m Copyright Universal Pictures International

Darsteller: Steve Carell, Leslie Mann, Eiza Gonzáles, Leslie Zemeckis, Merritt Wever, Gwendoline Christie, Falk Hentschel, Matt O’Leary u.a.
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis, Caroline Thompson
Kamera: C. Kim Miles
Bildschnitt: Jeremiah O’Driscoll
Musik: Alan Silvestri
Produktionsdesign: Chris Beach
USA / 2018
116 Minuten

Bildrechte: Universal International Pictures
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