FFF20: ARCHIVE

FFF20-kleinNÜRNBERG / Cinecitta 16.- 20.09.20
HAMBURG / Savoy Filmtheater 16.- 20.09.20
MÜNCHEN / Cinema 16.- 20.09.20
STUTTGART/ Metropol 23. – 27.09.20
KÖLN / Residenz-Astor 23. – 27.09.20

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– Amazon Prime / DVD / Bluray

Es kommt nicht von ungefähr, dass man bei ARCHIVE immer wieder das Gefühl bekommt, den Film schon des Öfteren gesehen zu haben. Da mischen sich einige der intelligenteren, tiefer reichenden Science Fiction Filme der letzten Jahre zusammen. Da ist zu erst natürlich EX MACHINA, der zum Thema Künstliche Intelligenz mit Sicherheit der interessanteste und wohl durchdachteste ist, mit einer überaus überraschenden zugleich logischen Wendung. Dann würde man vielleicht noch den vollkommen unterschätzten HER hinzufügen, der genau die Sorge von Laien und Unwissenden transportiert, welche man in Verbindung mit KI und ihren emotionalen Auswirkungen befürchtet. Und weil in Anführungsstrichen nur eine Netflix-Produktion, vergisst man gerne einmal MOTHER, mit der Frage, wer ist der bessere Mensch. Zugegeben, es dauert eine Weile, aber irgendwann beschleicht einen das Gefühl, dass ebenso Duncan Jones‘ MOON mit hinein spielen könnte.


Wissenschaftler George Almore arbeitet in der Abgeschiedenheit einen streng abgeschirmten Laborkomplexes, an der Entwicklung von Künstlichen Intelligenzen. Delikat an der Geschichte, dass die Firma Archive das Wesen eines Menschen speichern kann, und George will diesen Geist seiner kürzlich verstorbenen Frau Jules mit Hilfe von KI wieder zum Leben erwecken. Was nach dem Gesetz einer filmischen Dramaturgie natürlich an einem entscheidenden Punkt scheitern muss. Am effektivsten in diesem von stark eingeschränktem Budget getragenen Film, ist Kameramann Laurie Rose‘ beeindruckende Visualisierung. Die kargen Wälder außerhalbe des Labors, alles sehr farblos gehalten, die Überflüge vermitteln eine bewusste Trostlosigkeit. Innen dominieren wie Warnsignale die Farben Gelb und Schwarz. Nur wenn George sich immer wieder mit seiner Jules verbunden fühlt, wenn ihn seine Arbeit näher an sein Ziel bringt, leuchtet ein kontraststarkes Rot von der Leinwand.

Die Handlung ist schnell erfasst, und in der ersten Hälfte lässt sich Regisseur und Autor Gavin Rothery auch sehr viel Zeit in der Inszenierung. Viel Atmosphäre erzeugt das nicht, weil Theo James als George nicht wirklich der charismatische Frontmann ist, der im Alleingang ein Projekt wie dieses tragen kann. Wenn ein gelinde gesagt, bescheiden gestalteter Roboter mit Künstlicher Intelligenz mehr emotionale Bindung zum Zuschauer aufbaut, als der vermeintliche Hauptdarsteller, dann fehlt irgendwo eine tiefere Ebene in der Charakterzeichnung. Wozu der Film aber ununterbrochen auffordert, ist ein Rätselraten um seine Auflösung. Denn bereits aufgeführte Beispiele, und noch einige andere unbenannte Genre-Vertreter dieser Art haben eines gelehrt, dass es nämlich diese alles entscheidende Wendung geben wird. Und ARCHIVE lässt auch keinen Zweifel daran, dass er auf diese unvorhergesehene Überraschung hin arbeitet. Sei es die Gefühlslage von Prototyp 2, oder die Fertigstellung von Jules künftigem Körper. Und was ist mit der Firma Archive, die endlich Ergebnisse sehen will, oder ansonsten George das Projekt entziehen wird.

Wissenschaftlich betrachtet, ist ARCHIVE nicht sonderlich gut durchdacht, und lässt viel mehr Fragen aufkommen als das er beantworten könnte. Das fängt schon einmal damit an, wie an einem derartigen Projekt nur ein einziger Wissenschaftler arbeiten kann, der zudem alle wissenschaftliche Zweige in sich vereint. Und dann ist Prototyp Nummer 3 schlicht und ergreifend eine Schauspielerin, in diesem Fall natürlich Stacy Martin, die man mit Makeup aber ohne prothetische Maske eine Maschine lassen sein will. Das ist Inszenierung ganz im Stil der 1980er, aber heute längst nicht mehr zeitgemäß und erst recht nicht glaubwürdig. Und ein dünnes Budget kann so etwas nicht rechtfertigen, wenn man sieht, wie elegant andere, wesentlich aufwendiger erscheinende Elemente visuell umgesetzt wurden.

Aber da ist ja noch immer dieser überraschende Twist, der alles auf den Kopf stellen will. Diese Wendung in Betracht gezogen, lassen sich alle Schwächen und eventuelle Fehler in Drehbuch und Inszenierung leicht entschuldigen. Aber so leicht darf man es Gavin Rothery auch nicht machen, der immerhin sehr ambitioniert seine Geschichte umgesetzt hat, und schließlich sehr bewusst den Weg eines realistischen Ansatzes gewählt hat. Doch seine Auflösung ist dabei weniger originell, wie man zuerst annehmen möchte. Denn viele Möglichkeiten bleiben nicht übrig, wenn man die Geschichte aufmerksam verfolgt. Allerdings muss man dann auch aufzeigen, dass dieser überraschend gemeinte Knalleffekt den kompletten Film ad absurdum führt, weil alles wofür man als Zuschauer seine emotionale Hingabe investiert hat, zunichte gemacht wird. So schön es wäre, aber es lässt sich nicht damit entschuldigen, den Beobachter auf die Ebene des Hauptprotagonisten stellen zu wollen. Da hätte man bereits im Laufe der Handlung wesentlich raffinierter mit der Auflösung spielen müssen.

Wer am Ende immer noch an Duncan Jones‘ MOON denken muss, dem sei gesagt, dass Gavin Rothery vor diesem Regiedebut in verschiedenen Bereichen des Art-Departments bei jenem Film tätig war. Vielleicht kommt einem deswegen auch das Set-Design ein wenig bekannt vor.

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Darsteller: Theo James, Stacy Martin, Rhona Mitra, Peter Ferdinando, Lia Williams, Toby Jones u.a.
Regie & Drehbuch: Gavin Rothery
Kamera: Laurie Rose
Bildschnitt: Adam Biskupski
Musik: Steven Price
Produktionsdesign: Robin Lawrence, Gavin Rothery
Großbritannien – Ungarn – USA / 2020
109 Minuten

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