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Follow Me 1 - Copyright CAPELIGHT PICTURESFOLLOW ME – Bundesstart 20.08.2020

    Redet man vom modernen, innovativen Horrorfilm, fallen sofort Namen wie Jordan Peele oder Ari Aster. HEREDITARY oder GET OUT sind diese verstörenden Meisterwerke, die tatsächlich noch überraschen und bis ins Mark erschüttern können. Geht man einige Zeit zurück, müsste man in gewisser Weise auch James Wan zu der illustren Gruppe von mutigen Erneuerern zählen. Sein mit Leigh Whannell entwickelter SAW hat mit Gewalt welche die Erträglichkeit überschritt, das Genre auf den Kopf gestellt, von innen nach außen verkehrt, und um eine exzessive Stufe erweitert. Während bei SAW die moralisch definierte Motivation merklich nur als Rechtfertigung vorgeschoben war, hatte der erste Film dennoch sehr viel innovativen Geist. Was dem folgte, die eigentliche Reihe außer Acht lassend, waren uninspirierte, rein an ausufernden Ekelfaktoren interessierte Möchtegern. Führt man sich FOLLOW ME zu Gemüte, hat man unweigerlich das Gefühl, dass Autor und Regisseur Will Wernick mit den mittlerweile zu Versatzstücken verkommenen Elementen aus Torture Porn, Found Footage und Backwood Slasher ganz eigenes im Sinn hatte.

    Als Star der sozialen Medien und Influencer für die eigene Person, ist sich Cole für nichts zu schade, um seinen Erfolg und die einhergehende Bewunderung immer weiter in die Höhe zu treiben. Die Click-Zahlen für seinen Vlog gehen in die Abertausende, mit dem einfachen Instrument soziologischer Manipulation. Das Publikum bestimmt eine Aufgabe, welche Cole dann im Live-Stream lösen muss. Unerschrocken wie er ist, kann dieses Konzept seiner egomanischen Fixierung nur entgegenkommen. Zu seinem zehnjährigen Vlog-Jubiläum hat sich seine ergebene Entourage etwas besonderes ausgedacht, und das Angebot eines reichen russischen Gönners angenommen. Dieser hat in Moskau einen ganz speziell auf Cole zugeschnitten Escape Room bauen lassen, einen Raum aus dem man in einer vorbestimmten Zeit durch das lösen von Rätseln und bestehen von diversen Aufgaben entkommen muss. Als der Live-Stream beginnt, wird schnell klar, dass hier nichts so laufen wird, wie Cole und seine Gruppe es sich gedacht haben.

    Es dauert dreißig Minuten in den Film hinein, der Countdown für den Escape Room ist angelaufen. Erst da zeigt sich der Hauptdarsteller entsetzt und erbost, weil niemand den russischen Gastgeber wirklich kennt, und man der Einladung blindlings gefolgt ist. Spätestens da weiß der Zuschauer, in welches Fahrwasser von gut gemeinter Unterhaltung er da geraden ist. Es entspricht genau dem typischen Idiotenkomplex solcher Filme, das man in einem privaten Jet um die halbe Welt gebracht wird, und erst Fragen stellt, wenn einem das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Hals steht. Grundsätzlich ist der gesamte Film für ein Publikum gemacht, welches ebenso wenig Fragen stellt. Ein junges, unbedarftes Publikum, dass diesen Film aufnehmen soll, wie einen TicTok-Clip. Dabei möchte Will Wernick so clever sein, und einen zeitgenössischen Kommentar zum Phänomen Social-Media anbieten. Dabei lässt er diejenigen vollkommen einsam zurück, die einschlägige Netzwerke oder Apps nicht nutzen, oder sich längst zu alt dafür fühlen. Die Bedeutung von Click-Zahlen, und wie man damit viel Geld verdienen kann, ist eine selbst zu erbringende Voraussetzung. Als allgemeingültiger Kommentar somit ohne Relevanz.

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    Dabei hat FOLLOW ME in Keegan Allen den perfekten Cole gefunden, der mit allen Charaktereigenschaften und Manierismen aufzuwarten versteht, welche solche Selbstdarsteller umgehend so hassenswert machen. Und gleichzeitig hat Allen aber auch dieses charismatische Selbstvertrauen, welches Influencer für ihre Klick-Opfer so begehrenswert erscheinen lässt. Die Zeichnung der Figur Cole mitsamt seiner treuen Gefolgschaft ist auch das schwächste Glied in der Inszenierung. Keiner von ihnen erregt Sympathien, niemand der in den Escape Room eingeschlossenen Menschen weckt beim Zuschauer irgendein Mitgefühl. Keiner von ihnen hat Tiefe, keiner eine wirklichen Persönlichkeit. Und wenn das große Sterben beginnt, was hier bestimmt kein Spoiler sein sollte, dann geht es eigentlich nur darum, das möglichst grausam gestorben wird. Der Effekt steht immer über der Empathie, weil man nichts für die Figuren empfindet.

    Das Setting ist dabei so lieblos, wie althergebracht. Spärlich beleuchtete Räumlichkeiten, die einen möglichst verfallenen Eindruck machen, dazu immer wieder fette, schweigende Schlachthelfer, die Oberkörper frei in Lederschürzen gehüllt sind. Da mischt sich munter HOSTEL mit SAW, aber ohne Respekt vor den erkorenen Vorbildern. Will Wernick wagt nicht einmal, was den Film zumindest für ein anspruchsloses Publikum aufwerten könnte. Was FOLLOW ME wirklich fehlt ist die letzte Konsequenz, wenn schon nicht Charakterzeichnung und Spannungsaufbau funktionieren, hätten wenigstens die Blutexzesse um einiges graphischer ausfallen müssen. Nicht dass dies grundsätzlich erstrebenswert sein sollte, aber wozu dann einen 90 minütigen Diskurs durch die letzte fünfzehn Jahre Splatter-Kino, wenn man wirklich nichts Neues hinzufügen kann. Am Ende gibt es dann noch einen alles auf den Kopf stellenden Twist, von Wernick als endgültigen Beweis erbracht, dass er wirklich dachte cleverer zu sein, wie all die anderen blutigen Epigonen. Da haben aber Blut, Schweiß und Tränen längst jedes Interesse die Kanalisation hinunter gespült.

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Darsteller: Keegan Allen, Holland Roden, George Janko, Denzel Whitaker, Ronen Rubinstein, Kimberly Quinn, Emilia Ares, Ravil Isyanov, Pasha D. Lychnikoff u.a.
Drehbuch & Regie: Will Wernick
Kamera: Jason Goodell
Bildschnitt: Cris Mertens
Musik: Crystal Grooms Mangano
Produktionsdesign: Adam Henderson
USA / 2020
88 Minuten

Bildrechte: CAPELIGHT PICTURES
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