SEMPER FI

Semper Fi 1, Copyright KINOSTAR FilmverleihSEMPER FI – Bundesstart 09.07.2020

Mit Hanan Townshends ansprechenden Leitmotiv hat SEMPER FI einen der eindringlichsten Soundtracks der letzten Monate. Das ruhige Thema zieht sich durch den ganzen Film und schafft eine einnehmende Basis für die Geschichte. Es geht um Freundschaft und Loyalität, um Ehre und Verantwortung. Es ist ein Film der von Männern handelt die Prinzipien haben und hoch halten. Zuerst scheint Townshends Musik konterkarierend zur eigentlichen Handlung, die Testosteron gefüllt, eine fast schon typische Männergeschichte ist. Der Soundtrack ist harmonisch, keine krachenden Rhythmen, keine übersteigerten Tonsequenzen. Fünf Freunde seit ihrer Kindheit miteinander verbunden, in der Kleinstadt Bridgewater, nahe der kanadischen Grenze. Das zentrale Thema in der Musik ist Bridgewater, und bekommt durch die Musik eine eigene Stimme.
Mehr als dreißig Minuten nimmt sich SEMPER FI Zeit um die fünf Freunde mittleren Alters vorzustellen, ihre Verbindung, ihrer Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. Fünf Erwachsene die herum albern wie kleine Kinder, die Bowlingbahn aufmischen, betrunken Wettläufe durch die Stadt veranstalten. Wann immer ihnen der Ernst des Alltags eine Pause gönnt, drehen sie auf. Die Inszenierung räumt den Freunden und ihrer Beziehung zueinander sehr viel Zeit ein. Da ist der besonnene Kopf Cal, der einzige der wenigsten nach seinem richtigen Namen Callahan benannt wird. Dann sind da noch Jaeger, Milk, Snowball und Oyster. Allesamt sind sie Angehörige einer Reserveeinheit der Marines, Cal hauptberuflich auch noch bei der lokalen Polizei. Das erklärt nicht nur ihre unberührbare Loyalität, sondern auch die rühmliche Disziplin. So absolviert Henry Alex Rubin in seiner Inszenierung eine unsichere Gratwanderung, denn worauf er mit seinem Film hinaus will, erschließt sich nicht sofort. Wirklich neu ist die Geschichte von starken Männerfreundschaften wahrlich nicht, und schon in so viel unterschiedlichen Ansätzen erzählt. Tatsächlich gelingt es aber dem guten Gemisch unterschiedlicher Charaktere nach und nach immer tiefer gehende Sympathien entgegen zu bringen, und ihrem losgelösten Treiben sogar sehr gerne zu zusehen.

Gerade als die Freunde mit ihrer Einheit in den Irak geschickt werden, wird Oyster unschuldig in eine Kneipenschlägerei verwickelt. Nur der Zuschauer erfährt davon, dass es Notwehr war, als Oyster aus Versehen einen der Angreifer umbringt. Und das er dafür 25 Jahre einsitzen muss, hat er ausgerechnet Cal, seinem Bruder dem Polizisten zu verdanken. Hier beginnt der Film auch allmählich die Richtung zu ändern, zuerst unmerklich, und schließlich doch in eine Richtung, die man eigentlich schon von Anbeginn des Films bei diesem Thema erwartet hätte. Das er dennoch den Spannungsbogen halten kann, und sein Publikum tatsächlich versteht mit einzubinden, ist eben jener längeren Vorlaufzeit zu verdanken. Der Zuschauer hat über die Freunde selbst dieses Gespür für Pflichtbewusstsein und Loyalität erfahren. Es wird aber auch dadurch leichter gemacht, weil der Film es schafft, auf diesen überzogenen Hurra-Patriotismus zu verzichten. Was die Männer zusammen schweißt, und was sie antreibt, das ist sehr natürlich gewachsen, aus ihrer Freundschaft, aus ihrer Verantwortung und aus der Gesellschaft in der sie Leben.

Semper Fi, Copyright KINOSTAR Filmverleih

Jai Courtney und Nat Wolff, die das Ensemble ein klein wenig anführen, sind nicht die begnadetsten Charakterdarsteller. So ergeben sich immer wieder diese kleinen Gedankenpausen, wo man sich fragt, ob da nicht vielleicht aus diversen Szenen sogar mehr herauszuholen gewesen wäre. Doch auch hier macht die Inszenierung vieles wett, und bindet wenn möglich das gesamte Ensemble mit ein. Sei es nur mit zwischen geschnitten Seitenblicken, oder kurzen Zwischenrufen, entsteht ein sehr homogener Fluss im Spiel und in der Interaktion der Schauspieler. Durch den hervorragende Schnitt von Kevin Tent und Kyle Valenta kann auf sehr viel überflüssigen Dialog verzichtet werden. Das macht vor allem die letzten zwanzig Minuten sehr intensiv. Wo sich andere Filme mit viel Worten erklären müssen, übernimmt hier der Schnitt das flüssige und eindringliche Erzählen mit Bildern.

Übertrieben wäre zu sagen, thematisch gibt es Filme um die einzige wahre Freundschaft, die es nur unter Männern gibt, wie Sand am Meer. Aber sehr selten, das einer so einfühlsam erzählt wurde. Was nicht mit Samthandschuhen und Sentimentalität verwechselt werden darf. Eine krasse Ausnahme bilden die Wärter in Oysters Zellenblock. Es ist unverständlich was sich Buch und Regie bei so überholt abgenutzten Stereotypen gedacht haben, die jedem drittklassigen Knastfilm schon zu abgedroschen wären. Doch tut es dem Unterhaltungswert nur geringfügig Abbruch. Es bleibt noch ein starker Film, der seinem Anliegen gerecht wird, wenn es um Freundschaft, Loyalität, und Verantwortung geht. Einfühlsam, weil nachvollziehbar und ehrlich, ohne falschen Pathos und mit viel Herzblut inszeniert. Darin ist Hanan Townsheds stimmungsvolles Leitmotiv nicht einfach nur musikalische Untermalung, sondern die Stimme einer Kleinstadt, die Werte formt und aufrecht erhält. Und das hat gegen jede Erwartung nichts mit überzogenem Patriotismus oder falschem Idealismus zu tun.

Semper Fi 3, Copyright KINOSTAR Filmverleih

 

Darsteller: Jai Courtney, Nat Wolff, Finn Wittrock, Arturo Castro, Beau Knapp u.a.

Regie: Henry Alex Rubin
Drehbuch: Henry Alex Rubin, Sean Mullin
Kamera: David Devlin
Bildschnitt: Kevin Tent, Kyle Valenta
Musik: Hanan Townshend
Produktionsdesign: Christopher Stull
USA – China / 2019
93 Minuten

Bildrechte: KINOSTAR Filmverleih
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