WAVES

Waves 1, Copyright UNIVERSAL PICTURES InternationalWAVES – Bundesstart 16.07.2020

Zuerst einmal muss man anführen, dass hier ein Beispiel anliegt, in dem die deutsche Synchronisation überhaupt nicht funktioniert. Über Sinn und Zweck der selbigen wird noch lange gestritten werden, und beide Lager haben ihre berechtigten Standpunkte. Bei WAVES allerdings tut sich niemand einen Gefallen. Viele Emotionen gehen verloren, zum Teil nerven auch Dialogsequenzen, die für die Handlung eigentlich entscheidend sind. Clara Drews als Taylor Russells Stimme für Emily ist zum Beispiel stimmlich passend, aber in der Akzentuierung leider immer eine Spur zu nahe am deutschen Fernsehfilm. Man kann und sollte WAVES tatsächlich als das Gesamtkunstwerk sehen, das von allen Festivals her so gepriesen wurde. Und das funktioniert von Natur aus nur, wenn man die einzelnen Komponenten im Einklang hält. Doch man muss auch eine Lanze für die synchronisierenden Künstler brechen, denn das Schlimme bei den nachgesprochenen Filmen sind meist nicht die Sprecher, sondern dass überhaupt synchronisiert werden muss.


WAVES vereint sehr effektiv Jugend- und Familiendrama. Zwei leicht voneinander abweichende Subgenres, meist schwer zu trennen, aber hier als Einheit, die stets in Wechselwirkung steht. Über die Handlung von Trey Edward Shults’ eigenverantwortlichem Werk zu reden, könnte in jeder Hinsicht schon zu viel sagen, oder vorweg nehmen. Auf alle Fälle war sich Shults über seine Kreation sehr sicher. Seine Drehbuchentwürfe waren als Computerdatei bereits an entsprechenden Stellen mit Vorstellungen von stimmiger Musik unterlegt, und dramaturgisch unterteilte Handlungsbögen waren farblich kodiert. Die erneute Zusammenarbeit mit Drew Daniels für die Bildgestaltung war sogar noch notwendiger, aber auch künstlerisch effektiver, als zu Shults’ zwei vorangegangenen Langfilmen. Wo andere Filme verschiedene, weil erweiterte Ebenen in der Erzählstruktur nutzen, bilden die Kreativabteilungen bei WAVES ein geschlossenes Gefüge. Kamera, Schauspiel, Schnitt, Tonmischung, und der Soundtrack. Es dürfte schwer sein, in Atticus Ross und Trent Reznors Soundtrack-Schaffen eine komplexeren Musikuntermalung zu finden. Nahtlos gehen die hauptsächlich textlich ausgesuchte R&B- und Hip-Hop-Songs in die Kompositionen von Reznor und Ross über, oder umgekehrt. Eine akustische und melodiöse Trennung zwischen Songs und Soundtrack ist kaum möglich, und bilden somit einen harmonisierten Klangteppich.

WAVES 2, Copyright UNIVERSAL PICTURES International
Drew Daniels losgelöste Kamerafahrten sind trotz ihrer Aufmerksamkeit fordernden Effizienz gewöhnungsbedürftig. Die immer und immer wieder kreisenden Bilder, in ihrer Bewegung stets von links nach rechts, scheinen in ihren ständigen Wiederholungen mehr willkürlich, anstatt emotional unterstützend. Aber WAVES ist auch ein Film, der sich der Konformität des Mainstream-Kinos widersetzen will. Auch wenn er eine im Grunde sehr einfach, bodenständige Geschichte erzählt. Eine normale Familie aus der gehobenen Mittelschicht, erzählt aus der Sicht der jugendlichen Kinder Tyler und Emily. Die leichten Reibungspunkte gehören zu jeder, auch intakten Familie. Doch wie zart und verletzlich dieses Gefüge ist, zeigen die leicht nachvollziehbaren und verständlichen Probleme, wie sie immer wieder wie Wellen gegen den Strand schlagen, und sich im Sand wieder im scheinbaren Nichts verlaufen. Aber die Wellen sind Wasser, das sich nur ins Meer zurückzieht. Mit der nächsten Welle ist es wieder da, und wie bei jedem Wellengang weiß man nur ungefähr wie weit sich das Wasser an den Strand schiebt, aber selten wie heftig es sein wird.

Nebenbei sollte erwähnt sein, dass besagte Familie schwarz ist. Und das dies ist für die Geschichte ohne Belangist, genau wie für den Zuschauer, kann man durchaus als Novum sehen. Es gibt eine genau zehnsekündige Szene, in der auf die Hautfarbe der Hauptfigur eingegangen wird, und das war es. Für den ganzen Film ist ethnische Herkunft absolut irrelevant. Das ist sehr ungewöhnlich und hebt eine Normalität hervor, die sonst gerne für dramatische Zwecke gebrochen wird. Einige Pärchen sind wie selbstverständlich gemischt, die Freundeskreise nicht aufgeteilt. Was in diesem Film passiert, wird somit zu einer Geschichte von Jedermann.

Man könnte WAVES durchaus als perfekten Hybriden von Arthouse und populär Kino verstehen. Anspruchsvolles Kino, welches sich durch den Mainstream erzählt. Ein Jugenddrama, das auch versnobte Kunstkino-Liebhaber anspricht. Und gleichzeitig ein junges Publikum mit Affinität zur leichten Unterhaltung, die Kunst der gehobenen Unterhaltung näherbringt. Deswegen hat Trey Edward Shults noch lange keinen Lehrfilm gemacht, keinen erhobenen Zeigefinger benutzt, oder das Zielpublikum aus selbstgefälliger Distanz überfordert. Vielleicht ist Vision ein zu übersteigerter Begriff, aber eine solche hat Shults ausgearbeitet und umgesetzt, und dabei genau die richtigen Bilder, Töne und Worte getroffen. Allein wie er seine Charaktere beschreibt und inszeniert ist herausragend. Jede Figur ist gleichberechtigt, bekommt Tiefe und Individualität. Sollte der Anflug von schwarzweiß Typisierung auftreten, wird diese nur wenig später widerlegt oder verkehrt. Es ist eben eine ganz normale Familie der gehobenen Mittelschicht. Doch manchmal nimmt das Leben darauf keine Rücksicht. Und dann spült einem die letzte Welle den Sand unter den Füßen weg.

WAVES, Copyright UNIVERSAL PICTURES International

 

Darsteller: Kelvin Harrison Jr., Taylor Russell, Alexa Demie, Sterling K. Brown, Lucas Hedges, Renée Elise Goldsberry u.a.
Drehbuch & Regie: Trey Edward Shults
Kamera: Drew Daniels
Bildschnitt: Isaac Hagy, Trey Edward Shults
MusiK: Trent Reznor, Atticus Ross
Produktionsdesign: Elliot Hostetter
USA – Kanada / 2019
135 Minuten

Bildrechte: UNIVERSAL PICTURES International
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