Freiwillige Selbstkontrolle

Freiwillige Selbstkontrolle

September 1921

Der beliebte Stummfilmstar Fatty Arbuckle gibt wieder mal eine Party. Der Komiker, dessen Vorname eigentlich Roscoe lautet, hat seinen Spitznamen nicht zu Unrecht. Denn den treuherzig blickenden Dicken, der wie seine Leinwandauftritte vorgeben, keinem etwas zuleide tun kann, gibt es nur in den Augen seines Publikums.

Bei besagter extrem ausschweifender Party lässt man Straßenkleider Straßenkleidung sein und einigt sich auf Pyjamahosen, während die meisten Damen oben ohne feiern und ausgelassen tanzen. Arbuckle verschwindet mit der aufstrebenden Tänzerin Virginia Rappe in einem der Schlafzimmer. Die Party findet mit Virginias entsetzlichen Schreien ein jähes Ende. Der Liebling des „sauberen Humors“ droht noch, Virginia aus dem Fenster zu werfen, wenn sie nicht mit dem Heulen aufhört.

Virginia Rappe stirbt an inneren Verletzungen, wie der Gerichtsmediziner feststellt. Nachdem der stark übergewichtige Arbuckle Virginias komplette Kleidung in winzige Stücke gerissen hat, stürzte er sich mit seinem enormen Lebendgewicht auf die zierliche Frau. Blasenriss! Danach vergewaltigte er sie zuerst mit einer Champagnerflasche und dann mit einem scharfkantigen Gegenstand. Schneller, als der Gerichtsmediziner seinen Bericht abschließen kann, erfahren die Zeitungen von dem Vorfall.


Juli 1949

Der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft wird der erste Film zur Prüfung übergeben. INTIMITÄTEN von Paul Martin bekommt eine Altersfreigabe von 16 Jahren und darf nicht am Karfreitag, Buß- und Bettag, Allerseelen und Totensonntag gezeigt werden.

Filmproduzent Erich Pommer, der Vorsitzende des Filmverleiherverbands, Horst von Hartlieb und Regisseur Carl Oertel wollen eine selbstverwaltete Filmkontrolle einrichten. Ihr Vorbild ist dabei der in Amerika sehr erfolgreich eingesetzte HAYS CODE. Die Filmindustrie will der neuen Bundesrepublik Deutschland und ihren Volksvertretern zuvorkommen, denn man hat nach dem Ende des dritten Reichs den Kragen gestrichen voll von staatlicher Einmischung und Reglementierung. Zudem, so wird Horst von Hartlieb zitiert, birgt staatliche Filmkontrolle auch die Gefahr der Politisierung.

Erich Pommer ist zu dieser Zeit von den Amerikanern mit dem Wiederaufbau der deutschen Films betraut und verfügt so über den nötigen Freiraum. Die Moralapostel stehen schon Gewehr bei Fuß, da die Besatzungsmacht Amerika bei der Zulassung von Filmen bisher keinerlei Rücksicht auf den Jugendschutz nimmt. In einer länderübergreifenden Kommission mit Vertretern verschiedener Institutionen wird 1949 die FREIWILLIGE SELBSTKONTROLLE DER FILMWIRTSCHAFT gegründet. Die neue, kurz FSK genannte Einrichtung, ist von Anfang an so gut strukturiert, dass die Besatzer schon drei Monate später ganz offiziell die Filmkontrolle abtreten.


1922

Hollywood treibt es richtig wild. Kino wird immer populärer, es gibt hochangesehene Stars und die Finanzen passen auch. Die wirklich junge Branche weiß sich vor lauter Übermut gar nicht mehr zu benehmen. Sittenwächter und Zeitungen stürzen sich auf das unzüchtige Gebärden, das privat von den Menschen veranstaltet wird, die auf der Leinwand Recht und Ordnung, Anstand und Moral verkörpern. Und da der Faktor Geld in Hollywood von Anfang an regiert, und dieser Markt mit seinen Finanzen im Begriff ist, weiter zu expandieren, muss man etwas unternehmen. Einer der gewichtigsten Auslöser dafür ist unter anderem der Prozess gegen Roscoe ‚Fatty‘ Arbuckle und die Anklage wegen Totschlags an Virginia Rappe.

Um den Erfolg in Hollywood besorgte Menschen gründen die Vereinigung der Produzenten und Verleiher, auch MPPDA genannt. 1945 wird daraus die MPAA (Motion Picture Association of America), aber das ist erst später von Interesse.

Es müssen Richtlinien erstellt werden. Jemand muss mit eisernem Besen durchfegen. Nicht nur soll die Reputation der Unfehlbarkeit von Stars wiederhergestellt werden, man ist in der Industrie nicht minder besorgt, dass staatliche Institutionen die Kontrolle an sich reißen könnten. Bisher hat sich niemand darum gekümmert, was auf der als Leinwand sittlich gilt oder wo die moralischen Grenzen liegen. Das Medium ist jung und bereit, sich auszutesten. So mancher öffentlich gewordene Lebenswandel einiger Partygirls und Drogenhengste macht die prekäre Situation nicht einfacher.

Es ist der ehemalige Postminister William Hays, der die Leitung der MPPDA übernimmt. Und das Rattengesicht, wie man ihn später gerne hinter vorgehaltener Hand nennen wird, erlässt als erstes ein sofortiges Arbeitsverbot für Fatty Arbuckle. Dieser wurde zwar vom Vorwurf des Totschlags frei gesprochen, aber der bereits entstandene schlechte Ruf soll mit Hollywood nicht in Verbindung gebracht werden.


1927

ist das Jahr, in dem William Hays seine berüchtigte Liste mit Regeln zusammenstellt, die bestimmt, was Filmemacher auf der Leinwand zu vermeiden haben bzw. in welchen Bereichen sie sich vorsichtig verhalten sollen. Hays nimmt sich ein Beispiel an verschiedenen staatlichen Zensurausschüssen, um diese Liste zu komplettieren. Denn genau diese staatlichen Einflüsse sollen ja von der Filmbranche ferngehalten werden. Erst 1930 stellt Hays das Studio Relations Committee zusammen, das die Einhaltung der sogenannten Liste sicherstellen soll, was bisher auf Basis von freiwilligen Engagement geschieht. Das Studio Relations Committee hat nicht wirklich Handlungsvollmacht, aber das Rattengesicht Hays nimmt seinen ihn Job sehr ernst und sucht Unterstützung bei kirchlichen Verbänden, um durchzusetzen, was man ihm 1922 angetragen hat. Die Vereinigung der Produzenten und Verleiher (MPPDA) verpflichtet sich unter Hays wachsenden Einfluss, den PRODUCTION CODE zu akzeptieren und einzuhalten. Kein lustvolles Küssen, keine nackten Menschen, kein verführerisches Tanzen, kein Alkohol um des Vergnügens willen, kein explizites Zeigen von kriminellen Handlungen. Racheakte sind ebenso wenig zu zeigen wie Beziehungen zwischen verschiedenen Nationalitäten. Der PRODUCTION CODE ist lang und einige Punkt greifen derart ineinander, dass daraus wieder neue Regeln entstehen.


1934

endet die Zeit „vor dem Code“. Joseph Breen heißt der erste Vorsitzende des nun eben nach ihm benannten BREEN OFFICE, welches die bisher fehlende Handlungsvollmacht endlich besitzt. Mit dem Production Code hat das Breen Office ganz klar zu sagen, was in Filmproduktionen gezeigt werden darf und was nicht: Es entscheidet, was man den Zuschauer vorenthalten soll. Es fühlt sich als das moralische Herzstück amerikanischer Unterhaltung.

Mit dem Akzeptieren des Production Codes wird eine Selbstregulierung innerhalb der Industrie geschaffen, die erfolgreich jeden staatlichen Einfluss von Zensur und Politik aus Hollywood fern hält. Diese Rechnung geht dank der mühevollen Vorarbeit von William H. Hays wunderbar auf. Allerdings hat man den Tiger zum Hüter der Schafe gemacht, um den Collie draußen zu halten.

In vielen Fällen beginnen die Geschichten oder auch die bildliche Umsetzung unter der eingeschränkten künstlerischen Freiheit zu leiden. Und viele europäische Filme haben gleich überhaupt keine Chance auf eine Vorführung in Amerika.


1951

wird in der fast frischen Bundesrepublik Deutschland das erste Jugendschutzgesetz verabschiedet. Da Fernsehen sehr wenig verbreitet ist und an Video wirklich noch keiner denkt, richtet man diesen Jugendschutz mangels Medien auf den Kinofilm aus, mit den drei Stufen „bis 10 Jahre“, „zwischen 10 und 16 Jahre“ und „ab 16 Jahre“. Die Praxis der Prüfung bleibt über die Jahre konstant. 190 ehrenamtliche Prüfer aus einer Vielzahl von Berufszweigen und unterschiedlichen Gesellschaftsschichten nehmen sich der eingereichten Filme an. In drei parallel arbeitenden Gremien werden täglich Filme (heutzutage natürlich auch DVDs und Spiele mit filmischen Sequenzen) unter die Lupe genommen. Keiner der Prüfer darf hauptberuflich für eine Film- oder Fernsehfirma arbeiten. Sie sollen entweder aus der Medienbranche kommen, mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben oder in Richtung Psychologie kundig sein. Sieben Prüfer sitzen in einem Arbeitsausschuss. Der  Hauptausschuss kommt an die Reihe, wenn der Arbeitsausschuss kein einstimmiges Urteil fällt oder der Film erneut eingereicht wird. Dann sind es schon neun Prüfer, die herangezogen werden. Der Appellationsausschuss darf  an die ganz harten Nüsse, ist dann aber im Verfahren der Prüfung gültig.

Ein Film muss nicht zur Prüfung gestellt werden, jedoch hat sich die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO/JK) dazu verpflichtet, nur geprüfte und freigegebene Filme zu bewerben, verleihen und/oder zu verkaufen.


1964

beginnt der Einfluss des Hays Codes an Wirkung zu verlieren. Sidney Lumets Großstadtdrama DER PFANDLEIHER zeigt zum ersten Mal zwei Frauen unverhüllt und die Produktionsfirma verweigert die geforderten Schnitte. Dann soll der Film eben ohne das Siegel des Produktion Codes in den Verleih kommen. Die ehemalige MPPDA, nun die Motion Picture Association of Amerika (MPAA), macht ihre Bedenken geltend, weil DER PFANDLEIHER den Holocaust als Hintergrund  hat und die Szenen wichtiger emotionaler Bestandteil der Hauptfigur sind. Zudem hat das Breen Office mit Berufung auf den Production Code in den Anfängen des zweiten Weltkriegs peinlicherweise eine Produktion gestoppt, die die Konzentrationslager der Nazis zum Thema hatte, was wiederum andere Filme gegen das Nazi-Regime verhinderte. Der PFANDLEIHER bekommt unter dem Deckmantel der Ausnahme das Siegel.

Aber da ist auch schon das junge Hollywood. Das will raus. Raus aus den Zwängen, raus zum Spielen. Mike Nichols, Robert Aldrich, der junge Francis Ford Coppola stolpern in der Szenerie herum. Die Dialoge werden expliziter, die Bilder verlieren ihre Keuschheit, man will unbedingt auch politisch werden, noch dazu regierungskritisch. Als 1966 Jack Valenti Präsident der MPAA wird, veröffentlicht MGM zeitgleich Antonionis BLOW UP ohne Zertifikat, weil ihm die Freigabe versagt bleibt.

Und auf einmal merkt man in der Industrie, dass die MPAA gar nichts dagegen tun kann. Die KATHOLISCHE LEGION FÜR ANSTAND als ständiger Wegbegleiter des Production Codes und einflussreicher Helfer für die Sache, wird überhaupt nicht mehr ernst genommen. Die freiwillige Selbstkontrolle der Amerikaner ist überholt, wird nicht mehr akzeptiert und hat ausgedient. William H. Hays‘ entworfener Production Code wird abgeschafft.

Brauchts das denn wirklich, dass wir heute noch so zensiert werden? Nein, weil die FSK nicht zensiert. Genauso wenig, wie es die MPAA tut, seit Jack Valenti das amerikanische Bewertungssystem einführte. Ohne Alterseinschränkung, ab 6 Jahre, ab 12 Jahre, ab 16 Jahre und keine Jugendfreigabe, das sind vernünftige Einstufungen, die nicht nur ihre Pflicht erfüllen, sondern dringlich notwendig sind. Es wurde geraume Zeit diskutiert, ob man zwischen 6 und 12 noch eine extra Einstufung einführen soll, weil die natürliche Entwicklung der Kinder diese differenziertere Wahrnehmung zulässt. Ähnlich unterliegt ja die ursprünglichen amerikanischen Ratings G (ohne Beschränkung), M (nur in Begleitung des Erziehungsberechtigten), R (nur ab 16) und X (nur ab 18) auch dem Wandel von Zeit und Notwendigkeit. Heute sind es G, PG, PG-13, R, NC-17 und die drei X für rein pornografische Werke.

Die Prüfstellen auf beiden Seiten des großen Teiches machen Vorschläge für Schnitte und Änderungen, weil natürlich jedes Studio aus finanziellen Gründen die möglichst niedrigste Einstufung erreichen möchte. Und wenn jemandem die Augäpfel mit einem Löffel entfernt werden, kann es dafür weder ein 12er Freigabe noch eine Bewertung mit PG geben. Der Vorschlag zu kürzen ist naheliegend, oder der Antragsteller gibt sich mit einem R oder ab 18 zufrieden.

Nur wenige, leider aber viel zu laute engstirnige Kleingeister werfen diesen Gremien Zensur vor. Das ist natürlich polemischer Unsinn. Wer unqualifiziert von Zensur redet, sollte abwarten, was sich bezüglich des Internets in Deutschland tut wird. Dann können diese Phrasendrescher was über Zensur lernen. Für Zensur und Indizierung sind juristische Behörden zuständig.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es Fehlentscheidungen bei der Feststellung der Altersfreigabe gegeben hat und bestimmt weiterhin geben wird, bei über 100.000 Filmen, die der FSK bisher zur Prüfung vorgelegt wurden. Kritik geht meist einher mit massentauglichen Großproduktionen wie den HARRY-POTTER-Filmen, wo die Freigaben bei jedem neuen Teil eher willkürlich erscheinen. Bei Catherine Breillats ROMANCE hingegen nahm die Öffentlichkeit nur Anstoß an der bildlichen Umsetzung, nicht aber an der 18er Freigabe, die eine ungeschnittene Ausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ermöglichte.

Obwohl sich die MPAA in Amerika unabhängig schimpft, glauben manche Kritiker zu bemerken, dass einem Film von Steven Spielberg eine günstigere Freigabe gegeben wird, als es seinerzeit zum Beispiel Stanley Kubrick widerfahren sei.

In Amerika wie auch in Deutschland finanzieren sich die Gremien durch die Gebühren, die bei einer Prüfung anfallen. Das vermittelt natürlich das Gefühl der Unabhängigkeit. Dennoch sollte man solche Gremien durchaus auch kritisch beobachten. Jedoch darf  man sich nicht durch fehlgeleitete Emotionen hinreißen lassen, die in manch unverantwortlichen Äußerungen enden. Blödsinnigstes Argument ist dabei natürlich, dass die Praxis der freiwilligen Selbstkontrolle überholt sei. Dicht gefolgt von dem Wahnsinn, dass ein gewisser Teil von Konsumenten sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt, sollte jenseits des Ozeans oder hier bei uns ein Film einen Schnitt im Zuge der Freigabe-Prüfung erfahren haben.

Eingeschränktes Denkvermögen behindert die Wahrnehmung, dass gerade zwischen Europa und Amerika sehr unterschiedliche Akzeptanzen in der gesellschaftlichen und sozialen Wahrnehmung herrschen. Erfreut sich das amerikanische PG-13-Publikum an gezeigter Selbstjustiz, kann der zwölfjährige Deutsche sich an nackten Frauen sattsehen. Umgekehrt unmöglich, das sollte die Allgemeinheit endlich begreifen. So kommt es eben zu unterschiedlichen Schnittfassungen, über die sich so gerne ereifert wird ohne groß vorher nachzudenken. Besonders die FSK ist ständig bemüht, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen aktuell zu erfahren, ob in direkten Gesprächen, mit speziell ausgewählten Filmen oder über Analysen von Jugendvertretern. Der stete Wandel von Gesellschaft und sozialen Werten wird dabei stets berücksichtigt.

Eine um fünf Sekunden veränderte Filmfassung gegenüber der ursprünglich in Amerika veröffentlichen Fassung zu sehen, diesen widrigen Umstand dann auch zu verstehen, in Kauf zu nehmen und zu akzeptieren gehört ebenso zu einer sozialen Kompetenz, die unsere Gesellschaft funktionieren lässt.


1922 – 1933

Natürlich ist die Schilderung des Skandals um Roscoe Arbuckle ein übertriebenes Produkt aus Kenneth Angers Feder. Die Geschehnisse im Hotelzimmer des besagten Tages verlaufen wesentlich unspektakulärer, Virginia Rappe ist bekannterweise  schon vorher mit Blasenentzündung krank gewesen, eine Vergewaltigung wird von Virginias Freundin erfunden, die Zeitungen blähen die Sache mit an den Haaren herbei gezogenen Details bis zur Unkenntlichkeit auf. Über drei Instanzen wird Arbuckle von den Vorwürfen freigesprochen. Dennoch bleibt der durch falsche Meinungsmache von der Öffentlichkeit zu Unrecht Verurteile das erste Ziel von Moralapostel William Harrison Hays und erhält in Arbeitsverbot.

Roscoe Arbuckle verdiente sich erst spät wieder ein paar Dollar in Hollywood, und auch nur, weil er unter falschem Namen Regie führte. Erst 1933 bot Warner ihm an, die Regie für einen Langfilm unter seinem richtigen Namen zu inszenieren. Roscoe ‚Fatty‘ Arbuckle war über dieses Angebot derart erfreut, dass er noch in derselben Nacht an einem Herzinfarkt starb.

 

Bildquelle: Disney

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