DELIA’S GONE

Delias Gone - Copyright KINOSTAR– auf Amazon Prime / US
– Bundesstart 13.10.2022

Es sind die Menschen in den Geschichten, weniger die Geschichten selbst, die Regisseur Robert Budreau interessieren. Nicht der typische Karriereverlauf des Trompeters Chet Baker in BORN TO BE BLUE, sondern dessen Motivationen und innerlichen Zerwürfnisse. Nicht der absonderlich absurde Banküberfall der in STOCKHOLM dem Syndrom den Namen gab, sondern das Wesen tief unter den bekannten Figuren. In DELIA’S GONE ist es ein geistig eingeschränkter Mensch, der den Tod seiner Schwester verstehen will. Louis will nicht aufklären, oder bestrafen, er will es verstehen. Das ist ein sehr vielversprechender Ansatz, weil er neben der bekannten Spur von gewohnten Rachethrillern läuft. Und die Darsteller dafür hat der kanadische Filmemacher. Tomei, Hauser und der immer wieder unterschätzte Stephan James. Und nicht zu vergessen, der hier sehr gut gegen seinen bisherigen Typus besetzte Travis Fimmel.

Stephan James spielt den nach einem Unfall gehirngeschädigten Louis in konstanter Unruhe, was auch den Ton des Films mitbestimmt. Seine Behinderung macht ihn fahrig und unsicher, immerzu vergewissert er sich mit hektischen Blicken. Louis hat Angst Fehler zu machen, hat Angst etwas nicht zu verstehen. Er ist sich seiner Situation durchaus bewusst, gerade weil er Fehler macht und vieles nicht sofort versteht. Nur mimisch hätte sich James zurück nehmen können, es lenkt oftmals von seiner überzeugenden Unsicherheit ab.

Schwester Delia kümmert sich aufopferungsvoll um Louis, deswegen hat sie auch eine Waffe im Handschuhfach. Denn meist reicht die Sozialunterstützung nicht, da muss sie Louis‘ Medikamente auf andere Weise besorgen. Doch nach einem Streit liegt Delia tot auf dem Boden, und ihr Bruder kann sich an nichts erinnern. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe trifft Louis auf Stacker, einer der Delia zuletzt lebend gesehen hat. Um Licht ins Dunkel zu bringen, begibt sich Louis auf Spurensuche, und die wird hässlich und brutal.

Die Inszenierung von Robert Budreau ist geprägt von Versuchen, Handlungselemente und Charakterzeichnungen anders zu inszenieren, als in bekannten Genre-Modellen. Dazu gehört in erster Linie, dass Louis‘ Antrieb eben nicht Vergeltung ist, sondern sein Drang nach Verständnis. Sehr geschickt stellt Budreau auch die typische Schwarzweißmalerei diverser Figuren auf den Kopf, die Jahre nach den unheilvollen Ereignissen um Delia, selbst mit Schuld und Sühne zum kämpfen haben.

Brad Bairds Musikuntermalung ist mit ihren spärlichen Klängen nicht außergewöhnlich, aber sie erzeugt eine vibrierende Grundstimmung welche die Atmosphäre des Films zusammen mit Louis‘ rastloser Unsicherheit entscheidend prägt. DELIA’S GONE ist kein Thriller der sich dem sonst vorherrschenden Rätselraten verschreibt, sondern behandelt wie ein Ereignis Menschen verändert. Es wäre vorteilhaft gewesen, hätte Kameramann Steve Cosens diese abgewandelten Aspekte auch optisch aufgegriffen. Aber die bildliche Umsetzung ist bestenfalls zweckdienlich.

Delias Gone 1 - Copyright KINOSTAR

 

Marisa Tomei zeigt sich mit überzogenen Manierismen im vollen Al Pacino Modus, was insofern unvorteilhaft ist, weil diese Art zu spielen selbst Al Pacino in seinen letzten Filmen unglaubwürdig erscheinen lässt. Sie hat stärkere, anspruchsvollere Rollen gespielt, ohne in dieser Weise überspielen zu müssen. Das macht ausgerechnet Tomei und ihre Rolle als undurchsichtige Polizistin zum wirklichen Stolperstein in der ohnehin nicht rund laufenden Geschichte.

Die Beziehung zwischen Sheriff Bo Walton und Bundespolizistin Fran Boyed wird nie richtig erschlossen. Noch vor den Ereignissen war Fran Sheriff und Bo ihr Deputy. Jetzt haben sich die Zuständigkeiten verkehrt, woher aber die aggressive Stimmung zwischen ihnen rührt, kann nur erahnt werden. Ihr respektloses und die Positionen missachtendes Verhalten, und seine unterwürfige Zurückhaltung kann auf eine gescheiterte Affäre hindeuten. Gleichsam spricht aber irreführenderweise vieles in deren Dialogen und Handeln auch dagegen.

Während Paul Walter Hauser wieder einmal sehr einnehmend seiner Rolle gerecht wird, erschließen sich sein und Tomeis Charakter nicht wirklich. Auch wenn der Verlauf zwei Überraschungen für die Figuren bereithält, ändert es nichts daran, dass sie von Louis‘ Suche ablenken. Denn paradoxerweise wäre sie tatsächlich die interessanteren Charaktere, wenn sich das Drehbuch darauf eingelassen hätte. Das Spiel von Marisa Tomei außer Acht gelassen.

Anfang des dritten Aktes tritt der Film dann auch noch aus seiner eigentlichen Erzählstruktur aus. Mit einem unpassenden Szenenwechsel werden Zusammenhänge erläutert, die eigentlich im Verlauf über Louis‘ Spurensuche erklärt werden müssten. Robert Budreau verliert gegen Ende das inszenatorische Gefühl zur dramaturgischen Auflösung. Es scheint, als hätte er mit dem Finale nichts anfangen können, in dem sich eigentlich die emotionale Aufladung jeder beteiligten Figuren explosionsartig entladen müsste. Den Zuschauenden bleibt eine unaufgeregte Abfolge von Erklärungen die in einer absehbaren Situation kulminieren, die durch die schwache Inszenierung kaum berührt. Für eine Geschichte um Schuld und Sühne, wird es den Figuren nicht gerecht, und ist dem Genre zwischen Thriller und psychologischem Drama nicht angemessen.

Delias Gone 2 - Copyright KINOSTAR

 

Darsteller: Stephan James, Marisa Tomei, Paul Walter Hauser, Travis Fimmel, Genelle Williams, Hmza Haq, Billy MacLellan u.a.
Regie: Robert Budreau
Drehbuch: Robert Budreau, Michael Hamblin
Kamera: Steve Cosens
Bildschnitt: Geoff Ashenhurst
Musik: David Braid
Produktionsdesign: Zazu Myers
Kanada, USA / 2022
90 Minuten

Bildrechte: KINOSTAR
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