Wes Anderson ASTEROID CITY

Asteroid City 1 - Copyright FOCUS FEATURES– Bundesstart 15.06.2023

Die Attribute skurril oder absonderlich sind die zum Markenzeichen gewordene Eigenarten von Wes Anderson. Eigenarten, ja auch das beschreibt die Palette seiner Filme. Und eigenartig ist, dass Bill Murray in diesem Film keine Rolle hat. Das zweite Mal das Murray bei einem der insgesamt elf Spielfilmen von Anderson fehlt, zwei Sprechrollen mit eingerechnet. Es wird hoffentlich nichts vorgefallen sein. Dennoch gibt es einen Aufmarsch, der selbst für die Verhältnisse des Filmemachers ungewöhnlich ist. Woody Allen wird sich verwundert die Augen reiben. Aber nicht nur wegen des atemberaubenden Staraufgebots, sondern auch wegen der künstlerischen Umsetzung. Allen weit voran Kameramann und Bildgestalter Robert David Yeoman, der nun alle neun Live-Action-Filme realisiert hat. Als Co-Autor hat sich zum fünften Mal Roman Coppola mit Anderson zusammen getan. Zahlen sind nicht wichtig, aber insofern interessant, weil ein Film von Wes Anderson wie Nachhausekommen ist. Die ganze Familie ist schon da – die vergötterte Frau und die ungeliebten Kinder. Oder auch umgekehrt.

In den Science-Fiction Filmen der Fünfzigerjahre, waren die atomaren Auswüchse ein klarer Kommentar auf die Bedrohung durch den Kalten Krieg. Im Wüstenkaff Asteroid City, Mitte der Fünfziger und in Sichtweite des Testgeländes für Atomwaffen, kommt die Bedrohung von innen, und zeigt sich als Kommentar auf die amerikanische Seele. Ein Sammelsurium von Charakteren die unterschiedlicher nicht sein könnten, und dann doch eine geschlossene Einheit bilden. Ein zwölf-Sitze-Diner, ein Motel, eine halbfertige Fußgängerbrücke, eine Tankstelle mit Werkstatt, und eine staubige Landstraße, die von Eisenbahnschienen gekreuzt wird. Und ein 5000 Jahre alter Meteoritenkrater.

Eigentlich ist Asteroid City ein Bühnenstück, dessen Entstehungsgeschichte die Ereignisse in der Wüste als Parallelhandlung einrahmt. Der hadernde Autor, die Auswahl der Darsteller, der methodische Schauspiellehrer, die ersten Aufführungen. John Steinbeck als Ideengeber für die großen amerikanischen Bühnenstücke kommt da einem in den Sinn, und Lee Starsbergs Actors-Studio. In Wes Andersons Welt ist das alles erwartungsgemäß verdreht. Die Wirklichkeit wird in schwarzweiß als Theaterinszenierung inklusive Erzähler dargestellt. Und das Bühnenstück ist der knallig bunte Film, umgesetzt mit allen Finessen des Kinos. Realität und Fiktion in beeinflussender Wechselwirkung.

Conrad Earp sitzt im harten Lichtkegel an seiner Schreibmaschine auf der Bühne. Er quält sich mit dem Inhalt seines neuen Stückes, dass in einem mickrigen Wüstenkaff an einem Meteoritenkrater spielen soll. Seine Figuren hat er bereits im Sinn, wie Augie Steenbeck und seine vier Kinder. Die Mutter ist vor drei Wochen verstorben, er kann es seinen Kindern nur nicht sagen. Wegen des defekten Wagens stranden sie in Asteroid City. Und mit ihnen finden sich immer mehr skurrile Menschen an diesem Ort ein. Es wäre mühselig sie einzeln zu beschreiben, ohne in endlosen Erklärungen abzuschweifen. Dann wird Asteroid City wegen eines außerirdischen Zwischenfalls hermetisch abgeriegelt.

Asteroid City 3 - Copyright FOCUS FEATURES

 

ASTEROID CITY zu erklären ist nahezu unmöglich, weil sich das was als Handlung erscheint, nur ein Abfolge absonderlicher Situationen, Dialoge und feingeistiger Erkenntnisse ist. Die Darsteller spielen oder leben ihre Textzeilen auch nicht, sie tragen diese nüchtern und fast emotionslos vor. Dennoch sind die Dialoge von starken Gefühlen und herzlichen Offenbarungen geprägt, was diese in ihrer distanziert vorgetragenen Art richtig absurd erscheinen lässt. Es geht um Einsamkeit, Versagensängste, die Liebe, politische Werte, Verlust, die Zukunft, das menschliche Erbe, überhaupt Sinnfragen aller Art. Und die Kinder sind in dieser Welt die weit vernünftigeren Erwachsenen.

Als Augie sowie als Schauspieler der Augie auf der Bühne verkörpern wird, übertrifft sich Anderson-Urgestein Jason Schwartzman selbst. Souverän und energisch im richtigen Leben, verletztlich und depressiv im Bühnenstück. Schwartzmans Kunst ist gegen die tatsächlichen Gefühlen zu agieren, und dennoch emotional zu überzeugen. Denn das Szenario ernst zu nehmen, welches der Filmemacher in seiner für ihn überzogenen Weise inszeniert hat, fällt außerordentlich schwer. Allerdings muss sich Anderson den Vorwurf gefallen lassen, mit ASTEROID CITY sein Faible für schräges Erzählen ordentlich übertrieben zu haben. Trotz des Aufgebots ist der Film nicht Charakter orientiert.

ASTEROID CITY ist ein undefinierbares Kunstwerk. Der Film hat unheimlich viel zu sagen, aber das ist weder geordnet noch an einen Kontext gebunden. Ob Roman Coppola und Wes Anderson uns dabei etwas allumfassendes sagen möchten bleibt unklar. Dem Regisseur ist wesentlich mehr an der Optik gelegen, die unbestritten atemberaubend ist. Überzeichnende Pastellfarben, eine Kulisse die vor Künstlichkeit strotzt, und dekorative Atompilze am Horizont. Das Setting ist direkt einer Wohlfühlwerbung der Fünfzigerjahre entnommen, die eine heile Welt in einer unnatürlichen Herrlichkeit zelebriert. Es ist das Abbild des amerikanischen Traums, der bis zum Dauergrinsen überzogen ist.

Der krasse Kontrapunkt, aber nicht minder exaltiert, ist die in der Realität angesiedelt Rahmenhandlung auf der Theaterbühne. Unerbittliche Kontraste in schwarzweiß, das Bildformat auf 1,33:1 reduziert, stark fokussiertes Theaterlicht. Der Film lässt offen ob dieser Teil tatsächlich die übergeordnete Ebene ist. Das überstrapazierte ‚Meta‘ ist aufgeweicht. Es könnten auch die Spielszenen in Asteroid City sein, die das Schreiben, Besetzen und Aufführen des Stückes bestimmend umrahmen. Die natürlich scheinende Ordnung wandelt sich bei intensiverer Überlegung in die Frage von Henne und Ei. Wes Anderson will gar keinen schlüssigen oder begreifbaren Film zeigen.

Unbestrittener Star ist ohnehin wieder das Auge von Robert Yeoman. Das Spiel mit der Kameramann ist zweifelsfrei der wichtigste Inszenierungstil für Anderson. Aber genauso zweifelsfrei lehnt sich ASTEROID CITY damit zu weit aus dem künstlerischen Fenster. Es geht nicht darum was für ein phantastischer Erzähler die Kamera sein kann, sondern wie exzessiv der Regisseur den Stil über seine Figuren stellt. Jedes Bild ist streng kadriert, meist symmetrisch, zumindest exakt gewichtet. Die Kamera bewegt sich stets gerade zum Motiv, sie fährt parallel, oder auf die Figuren zu, zoomt oder schwenkt, nicht selten macht sie alles in einem einzigen Take. Die Kamera ist der bestimmende Erzähler.

Asteroid City 4 - Copyright FOCUS FEATURES

 

Der Film erreicht mit den sorgsam ausgetüfftelten Bildern eine unglaubliche Dynamik, beraubt aber auch die Darsteller ihrer spielerischen Freiheit. Die Kamera bestimmt den Blick von Zuschauenden, sie erklärt mit Bewegung und dramatisiert mit der Veränderung der Brennweite. Das Konzept der stilisierten Bewegungen lässt keinen Raum, und reduzieren das Talent meist auf die Sprache. Selbst in der Mimik bevorzugt Anderson einen starren Ausdruck der Gemälden gleichkommt. Meist sehen die Protagonisten dabei direkt in die Kamera, oder werden frontal zueinander gestellt. War die Kamera bei vorherigen Filmen unterstützendes Stilmittel, ist sie in ASTEROID CITY essenzielles Grundelement.

Das ist nicht nur unglaublich witzig, es ist auch sehr spannend und immerzu überraschend. Mit den unermüdlichen Perspektivwechseln eröffnen sich ständig neue Sichtweisen und Wahrnehmungen. Hinter dem Warnschild der strikten Geheimhaltung zeigt sich plötzlich jenseits des Zaunes ein Zirkus an Schaulustigen und Ständen mit Alien-Merchandise. Wenn Augie vergeblich versucht seine Pfeife anzuzünden und dabei über seine Zukunft sinniert, folgt die Kamera viel lieber dem Feuerzeug, wie es wieder mit Benzin befüllt wird. Es passiert unendlich viel, aber es lenkt immer wieder vom eigentlichen Geschehen ab, was aber eben diesen Vorkommnissen eine neue Ausrichtung gibt.

Dafür ist es massiv enttäuschend, wie Anderson die Möglichkeiten mit seinem atemberaubenden Ensemble ungenutzt lässt. Vielleicht auch ungenutzt lassen muss, weil die Fülle an Künstlern in diesem Rahmen kaum Platz findet. Natürlich bekommen alle ihre Momente, aber nur allzu oft verkommen sie zur Staffage für das eigenwillige Inszenierungskonzept. Nachdem Tom Hanks als kaltherziger Großvater etabliert ist, geschieht kaum noch etwas mit ihm. Sophia Lillies wird zur spannungslosen Stichwortgeberin. Tilda Swinton muss ohne leidenschaftliche Exzentrik auskommen. Oder Willem Dafoe, dessen extrem kurze Rolle als Schauspiellehrer sich erst gar nicht erschließt.

Wenigstens kann Scarlett Johansson als schwarzgefärbtes Lana Turner-Double die besten Szenen für sich verbuchen. Wenn die selbstbewusste Film-Aktrice in Rollenvorbereitung vermeintlich tot in der Badewanne liegt, und dabei über ihre Sehnsüchte redet, kann man eigentlich nicht genug von ihr bekommen. Das markiert die grundsätzliche Schwäche in Wes Andersons ASTEROID CITY, weil er selten so weit weg von seinen Figuren war. Man kann gar nicht genug lobende Worte für das aberwitzige Spektakel an filmtechnischer Extravaganz finden. Aber gleichermaßen wäre auch eine greifbare, von Figuren getriebene Geschichte ganz schicklich gewesen.

Asteroid City 2 - Copyright FOCUS FEATURES

 

Darsteller: Jason Schwartzman, Jake Ryan, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Tilda Swinton, Jeffrey Wright, Bryan Cranston, Adrien Brody, Liev Schreiber, Rita Wilson, Hope Davies, Steve Carrell, Willem Dafoe, Matt Dillon, Maya Hawke, Jeff Goldblum, Rupert Friend u.v.a.

Regie & Drehbuch: Wes Anderson
Story: Wes Anderson, Roman Coppola
Kamera: Robert D. Yeoman
Bildschnitt: Barney Pilling
Musik: Alexandre Desplat
Produktionsdesign: Adam Stockhausen
USA / 2023
104 Minuten

Bildrechte: FOCUS FEATURES
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