LISA FRANKENSTEIN

Lisa Frankenstein - Copyright FOCUS FEATURES– Bundesstart 22.02.2024
– Release 05.02.2024 (US)

Mit FREAKY war Kathryn Newton schon eine gute Anwärterin die Scream-Queen für die aktuelle Kino-Generation zu werden. Und erste Eindrücke von LISA FRANKENSTEIN haben diese verdiente Kandidatur noch bekräftigt. Beschwingter Grusel, ironische Splatter-Einlagen, und ein zeitgeistiger Trend zu Retro-Atmosphäre. Aber vor allem ein Drehbuch von Diablo Cody, die vor 12 Jahren mit YOUNG ADULT die verkannteste, aber dennoch beste der expliziten Komödien geschrieben hat, die seit geraumer Zeit Erwachsene mit ehrlichem und dafür sehr derbem Humor erfreuen. Diablo Cody ist eine sehr präzise Beobachterin ihrer Generation, und der Situationen über die sie schreibt. JUNO wurde ein Instant-Klassiker, JENNIFER’S BODY brauchte etwas länger, wird heute aber als ‚Kult‘ bezeichnet. Und TULLY hat wohl vielen Müttern aus den tiefsten Tiefen ihrer Seele gesprochen. Und jetzt die unglaublich vielseitige Kathryn Newton in Codys jüngster Geschichte. Wie könnte da nicht ein neuer Kult-Klassiker am Start stehen?

In sehr jungen Jahren musste Lisa mit ansehen, wie ihre Mutter von einem irren Axt-Mörder zerkleinert wurde. Jetzt lebt sie mit ihrem debilen und rückgratlosen Vater bei dessen neuer Frau Janet, und deren Tochter Taffy. Taffy ist unglaublich freundlich, und sieht ihn Lisa weniger Stiefschwester als viel mehr Freundin. Janet hingegen ist in ihrem Egoismus und Respektlosigkeit nicht zu überbieten. Cody hat da ein wunderbar hassenswertes Szenario aufgebaut, das Regisseurin Zelda Williams genüsslich in knallige Bon-Bon-Farben taucht, und mit unverwechselbaren 80er Jahre Songs unterlegt.

Und wenn sich die scheue Lisa schließlich in auffallende Cindy Lauper-Klamotten schmeißt, erreicht der Mix von PRETTY IN PINK und Teenager-Slasher seinen Höhepunkt. Nur wirklich zünden will das Spaßfeuerwerk nicht, weil Williams sich nie entscheiden kann, einzelne Szenen oder auch ganze Passagen wirklich zu Ende zu bringen. Sprunghaft, ohne funktionierende Übergänge oder einer fließenden Struktur, stolpert LISA FRANKENSTEIN von einer Situation in die nächste. Mal hysterisch, dann unvermittelt gelassen, mal im Slapstick-Modus und dann wieder seltsam humorlos.

Diverse Elemente, wie der giftgrüne Gewitterhimmel oder die defekte Sonnenbank, ergeben sich nicht aus einer sonst üblichen Kette von schlüssigen Ereignissen, sondern werden aus reinem Selbstzweck in die Szenerie geworfen. Genauso stolpert auch ‚The Creature‘ unvermittelt in Lisas Leben. Der modrige Leichnam eines holden Jünglings, der im 19ten Jahrhundert verstarb, und an dessen Grabstein Lisa ihren melancholischen Gedanken nachhing. Die grundlegend bizarre Romantik geht verloren, weil die Regie mehr an schwacher Situationskomik interessiert ist, als an der Psychologie seiner Figuren.

Die wunderbare Gabe von Diablo Cody, Situationen und Dialoge besonders, aber gleichzeitig wahrhaftig zu gestalten, sucht man in diesem Film vergebens. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen geht der Film bei keinem seiner Ansätze die volle und kompromisslose Strecke. Im feuchten Grab hat die Kreatur einige Verluste am Körper erlitten. Aber mit den Nähkünsten von Lisa und den Elektroschocks von der Sonnenbank können die abgefaulten Teile mit denen von frischen Leichen ersetzt werden. Nicht schwer zu erraten, welches Ersatzteil das I-Tüpfelchen in dieser Beziehung ausmachen wird.

Lisa Frankenstein 1 - Copyright FOCUS FEATURES

Lisas Panik vor der Kreatur wird ausgereizt, bis die Erträglichkeit der einhergehenden Hysterie ausgeschöpft ist. Dann versteckt sie den Halbtoten einfach mitleidig in ihrem Wandschrank. Das ist alles ziemlich holprig inszeniert. Aber richtig ins Straucheln kommt der Film, wenn Lisa ihre Bestimmung entdeckt. Da werden ausgerechnet in jenen Sequenzen paradoxe Abstriche gemacht, die den größten Spaßfaktor versprachen. Weder das die Meucheleien der Spenderkörper zeitgemäß absurd und überzogen blutig inszeniert sind, auch der kathartische Sex des seltsamen Paares wird nicht würdig behandelt.

Wo sich LISA FRANKENSTEIN wirklich mit Intellekt und Radikalität abheben könnte, macht er merkwürdigerweise eine enttäuschende Vollbremsung. Sei es die Beseitigung der verhassten Stiefmutter, die ausgleichende Gerechtigkeit gegenüber des unerträglichen Vaters, die Morde oder die körperliche Beziehung. Und selbst mit ihrem steigendem Selbstwertgefühl, zeigt Lisas Entwicklung kaum Einfluss auf ihr Umfeld. Dennoch schafft es die Regisseurin mit der Energie von Hauptdarstellerin Newton und einigen skurrilen Einfällen das Interesse des Publikums immer wieder neu zu befeuern.

Aber den zwei Damen an der Spitze will es nicht gelingen, dass sich eine wirklich emotionale Bindung zur Protagonistin einstellt. Auch wenn Kathryn Newton wie geboren für die Rolle scheint. Aber Codys Drehbuch will so viel, und Williams will so viel mehr daraus machen. Das Team um WANDAVISION und AMERICAN HORROR STORY Produktionsdesigner Mark Worthington hat mit seiner knallbunten Ausstattung den Geist der 80er-Teen-Komödien hervorragend getroffen. Doch im Set-Design und unter der spannungsarmen Inszenierung, leidet eklatant die Horror-Atmosphäre.

Die maximal auf Genre-Standards ausgerichtet Bildgestaltung von Paula Huidobro leistet für die diversen Szenarien wenig Atmosphäre, und bleibt bildsprachlich frei von eigenen Akzenten. Vielleicht, und das wäre eigentlich auch keine Überraschung, vielleicht hat Zelda Williams ganz bewusst die Inszenierung wie Frankensteins Kreatur angelegt. Ein Stückwerk einzelner Teile, jedes für sich nützlich und funktionsfähig, aber im Gesamten nicht unbedingt der schönste Anblick. Künstlerisch vielleicht eine mutige Entscheidung. Aber da ist zum Beispiel die Sache mit Lisas Mutter und dem Axt-Mörder.

Obwohl explizit eingeführt, bleibt dieser Hintergrund für den weiteren Verlauf vollkommen irrelevant. Es sind solche Elemente, die sehr viel von LISA FRANKENSTEIN nehmen, und ihn weniger genial machen, als er eigentlich immer wieder sein könnte. Auch wenn das Annähen des letzten Körperteils an der Kreatur zum Schreien komisch ist.

Lisa Frankenstein 2 - Copyright FOCUS FEATURES

 

Darsteller: Kathryn Newton, Cole Sprouse, Liza Soberano, Henry Eikenberry, Joe Chrest, Carla Gugino u.a.
Regie: Zelda Williams
Drehbuch: Diablo Cody
Kamera: Paula Huidobro
Bildschnitt: Brad Turner
Musik: Isabella Summers
Produktionsdesign: Mark Worthington
USA / 2024
101 Minuten

Bildrechte: FOCUS FEATURES
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