– Bundesstart 18.12.2025
– Release 27.06.2025 (US)
DCM-Screener, digitales Kino 30.20.2025
In der romantischen Komödie – a.k.a. RomCom – ist immer wieder die Chemie zwischen den Partnern entscheidend. Dieser unerklärliche Funke zwischen den Liebenden, welcher die Beziehung für die Zuschauenden greifbar macht. Selten – ganz selten – achten Filmemacher auch bei den Konstellationen von ‚bester Freundin‘ auf diese Chemie. Zwei Menschen, die sich in- und auswendig kennen, die sich ohne große Worte verstehen, die absolut ehrlich miteinander umgehen können. In „Sorry, Baby“ sind diese besten Freundinnen Eva Victor und Naomi Ackie. Und deren Chemie stimmt, sogar über den normalen Grad hinaus. Ihr Spiel ist kein Spiel, es ist eine faszinierende Natürlichkeit, die die tiefe Freundschaft von Agnes und Lydie glaubwürdig, und somit auch einnehmend und interessant macht. Es ist eines der eindringlichsten von den vielen schönen Details in Eva Victors Autoren- und Regiedebüt, in dem sie auch noch die Hauptrolle übernommen hat.
„Sorry, Baby“ ist ein zutiefst bewegendes Drama, und eine herzerfrischend ausgefallene Komödie. Wobei das Drama nie deprimierend wird, und die Komödie auf absehbaren, herkömmlichen Witz verzichtet. Was Eva Victor dabei dennoch nie aus den Augen verliert, ist das Leid das Agnes zugefügt wurde. Das Kapitel in dem sich Agnes‘ transformativer Vorfall ereignet nennt sich ‚Das Jahr in dem die böse Sache geschah“. Aber Victor erzählt nicht chronologisch. Die Kapitel springen in der Zeit, so führt die Regisseurin an das Schicksal ihrer Protagonistin heran. Nimmt vorweg, baut auf, behandelt. Dennoch bleibt die Geschichte grundehrlich und authentisch im Erzählen.
Agnes lebt allein in einem abgeschiedenen Haus im Ländlichen. Gerade hat sie eine feste Stelle als Professorin an ihrer Universität erhalten. Ihre beste Freundin Lydia, seinerzeit auch Kommilitonin, besucht sie bei Gelegenheit. Lydia ist in einer lesbischen Beziehung, und schwanger. Und Lydia hilft Agnes auch, immer mehr Abstand von dem vergangenen Ereignis zu gewinnen. Mit ihrem scheinbar gleichaltrigen Nachbarn Gavin hat Agnes gelegentlich Sex, ohne Beziehung. Weitere Freundschaften sind spärlich. Aber Agnes findet auch ein offenes Ohr und Zuspruch bei einem Fremden am Rastplatz. John Carroll Lynch ist als eben dieser Fremde ein umwerfender Glücksfall, der mit ehrlicher Sensibilität überzeugt, wenn er der leidenden Agnes beisteht.
Es ist die unaufgeregte Leichtigkeit in der Inszenierung, die Victors Film deutlich von unendlich vielen anderen Filmen abhebt, die ähnliche Voraussetzungen pflegen. Regie- und Autorendebüt, Independent Film, Low-Budget, spezifische Tragödie, unerfahren im Geschäft. Aber anders als andere, will Victor die Erfahrungen ihrer Figur nicht zu Erfahrungen ihres Publikums werden lassen, nicht manipulativ Gefühle aufzwingen. Victor möchte mit ihrer Figur einfach ernst genommen und verstanden werden, bis diese sagen: Ja, ich bin da vollkommen bei dir. Und zu Agnes Erfahrungen gehört dann aber auch, dass zwischendrin immer noch viel Lebenswertes existiert.
Es ist schlicht und einfach, und genau das macht „Sorry, Baby“ nachvollziehbar und glaubwürdig – aber zu keinem Zeitpunkt weniger existenziell. Es ist ein Frauenfilm, und sollte unbedingt auch von Männern gesehen werden. Es wäre sehr einfach, aber auch trivial, ihn als Problemfilm zu bezeichnen, doch Eva Victor verweigert ihrem Film dieses Attribut – auch wenn Agnes mit einem massiven Problem zu kämpfen hat. Der eigentliche ansprechende Faktor in Victors Inszenierung liegt in ihrem Feingefühl die Szenen des Schmerzes, die Szene der Lebensfreude, den Humor und die Tragödie nicht einfach nur real zu gestalten, sondern natürlich und harmonisch zu verflechten. Sehr oft ergeben sich die verschiedenen Stimmungslagen aus der jeweils anderen.
„Sorry, Baby“ als kleines Meisterwerk zu bezeichnen, ist nicht übertrieben. Das ‚klein‘ bezieht sich nicht auf das Budget, sondern die Erreichbarkeit des Publikums. Dabei macht Eva Victor so viel anders und so viel besser, als Filmemacher mit ähnlichen Themen oder Ansprüchen. So auffällig wie der ehrliche Humor und das einnehmende Drama, so auffällig wie die authentischen Darsteller/innen, so auffällig ist auch Mia Cioffi Henrys Bildgestaltung. Die Kamerafrau verzichtet auf handgeführte Einstellungen, die anderorts meist als Ausrede für ‚reale Atmosphäre‘ genommen werden.
Henrys Bilder sind klar, mit festen Perspektiven, ohne Spielereien die sich überordnen wollen. Mit Ausnahme von zwei essenziellen Szenen, die bewusst herausgehoben werden, um das Geschehen noch zu verdichten. Es ist also alles sorgsam und effektiv ausgearbeitet in diesem kleinen feinen Meisterwerk, in dem sich jeder von uns erkennen darf – oder wir jemanden erkennen, der uns nahe steht. Und in dem wir in Agnes eine neue vertraute Freundin finden – und in Eva Victor eine exzellente Filmemacherin.
Darsteller: Eva Victor, Naomie Ackie, Kelly McCormack, Noochie the Cat, Louis Cencelmi, mit Lucas Hedges & John Carroll Lynch u.a.
Regie & Drehbuch: Eva Victor
Kamera: Mia Cioffi Henry
Bildschnitt: Randi Atkins, Alex O‘Flinn
Musik: Lia Ouyang Rusli
Produktionsdesign: Caity Birmingham
USA / 2025
103 Minuten

