Matinee: ZWISCHENFALL IM ATLANTIK

Matinee Bedford Incident 2Matinee Bedford Incident

THE BEDFORD INCIDENT
Bundesstart 14.01.1966 – Release 11.10.1965 (US)

Noch im selben Jahr, als Kubricks „Dr. Seltsam“ die Welt mit dem Atomkrieg amüsierte, wandte sich Sidney Lumet mit „Angriffsziel Moskau“ den realen Gefahren der atomaren Bedrohung zu. Egozentrischer Ungehorsam, zweifelhafte Befehlskette, technisches Versagen. Erst ein Jahrzehnt vorher wurde versucht mit verstrahlten Monstern sinnbildlich den Gefahren des neuen Zeitalters im Kino zu begegnen. Aber in den Sechzigern werden auch im Kino die realen Szenarien Wirklichkeit. James B. Harris ist der Regisseur von „Zwischenfall im Atlantik“, der drei Filme von Stanley Kubrick produzierte und hier sein Regiedebüt gibt. Im Mittelpunkt steht der Zerstörer USS Bedford, der unter NATO-Kommando zwischen Grönland und Island patrouilliert.

Bedford Incident 1 - (c) COLUMBIA PICTURESMit dem neuen Schiffsarzt Lieutenant Commander Chester Potter, kommt auch der renommierte Fotojournalist und Zivilist Ben Munceford an Bord der Bedford. Eigentlich sollte Munceford über die Abschreckung des Zerstörers gegenüber sowjetischer U-Boote berichten, doch seine eigentliche Motivation ist der umstrittene Captain Eric Finlander. Ein derber Mensch, ungehobelt, rücksichtslos, und mit fehlendem Anstand. Munceford interessiert, wie sich ein Befehlshaber wie Finlander einen Zerstörer befehligt, obwohl er schon während der Kuba-Krise mit sehr kontroversen Ansichten aufgefallen war. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, als innerhalb grönländischen Hoheitsgebietes ein sowjetisches U-Boot entdeckt wird. Captain Finlander beginnt das U-Boot bis in internationale Gewässer zu jagen – entgegen der NATO-Order.

Eine Kriegsszenerie, eine psychisch fragwürdige Führungsperson. Ob „Die Caine war ihr Schicksal“ oder „U23 – Tödliche Tiefen“, und viele mehr. Es ist keine unbekannte Geschichte, aber „Zwischenfall im Atlantik“ schwimmt in anderen Gewässern. Die Romanvorlage hat Mark Rascovich geschrieben, welche James Poe ziemlich präzise adaptierte. Nur für das Finale hat sich Poe Freiheiten genommen, die ganz im Sinne des Films wirken. Und dieses Ende dürfte wohl jeden überraschen. Es ist keines, mit dem jemand rechnen würde. Rascovich hat in seinem Roman, wie hier eben auch filmisch umgesetzt, Anleihen an reale Personen und tatsächlichen Vorfällen genommen. Wie zum Beispiel der ehemalige deutsche U-Boot-Kommandant Schrepke, der jetzt als Berater für die NATO auf der USS Bedford tätig ist. Es ist die Authentizität, die dem „Zwischenfall im Atlantik“ mit einer sehr beunruhigenden Atmosphäre umgibt.

Bedford Incident 3 - (c) COLUMBIA PICTURES

 

James B. Harris nimmt sich als Regisseur auch die Zeit, gewisse Situationen und die Heranführung an die Figuren realistisch aufzubauen. Das Publikum kann die Entwicklung regelrecht selbst erfahren, ohne künstlich erklärende Nebensätze oder Situationen zu brauchen. Das betrifft in erster Linie den von Richard Widmark gespielten Captain Finlander, bei dem bis zum Schluss nicht wirklich klar wird, ob er den Verstand verliert. Richard Widmark ist perfekt. Er versteht es innerhalb einer Einstellung unglaublich charmant zu sein, um plötzlich zum bösartigen Narzissten zu wechseln. Da ist die sensible, gleichzeitig aber gefestigte Ausstrahlung von Sidney Poitier das perfekte Gegengewicht zu der Unberechenbarkeit des Captains. Die langjährige Freundschaft von Widmark und Poitier, macht ihre feindselig verbalen Auseinandersetzungen nur noch intensiver. Nach 25 Filmen und 15 Jahre im Geschäft, ist es Poitiers erste Rolle in der seine Hautfarbe weder erwähnt wird, noch von irgendeiner Bedeutung wäre.

Bedford Incident 4 - (c) COLUMBIA PICTURES

 

Einzelne Elemente von Personen und Handlung mögen einen realen Hintergrund haben, doch den Film prägt eigentlich seine Nähe zu „Moby Dick“. An einer Stelle ermahnt Munceford den ungehaltenen Captain sogar, er „würde hier keine Wale jagen“. Rascovichs Romanende ist dem von Melvills Roman sogar ähnlich. Drehbuchautor Poe hat aber das Ende für den Film verändert, zugunsten einer überraschenden und ungewohnten Erfahrung für das Publikum – zumindest was diesen Film angeht. Denn anfänglich tut sich der Film schwer aufzuzeigen worauf er hinaus will. In weiten Teilen könnte dem Regisseur eine gewisse Langsamkeit nachgesagt werden, was sich daraus ergibt, dass hier die ersten Anzeichen ein spannendes Kriegsspektakel erwarten lassen. Der Nervenkitzel entsteht allerdings aus dem intellektuellen Kräftemessen und dem menschlichen Ego – auf Kosten einer brüchigen Weltlage.


Bedford Incident - (c) COLUMBIA-BAVARIADarsteller: Richard Widmark, Sidney Poitier, Martin Balsam, James Macarthur, Wally Cox, Michael Kane, Colin Maitland u.a.

Regie: James B. Harris
Drehbuch: James Poe
Nach dem Roman von Mark Rascovich
Kamera: Gilbert Taylor
Bildschnitt: John Jympson
Musik: Gerard Schurmann
Ausstattung: Arthur Lawson
Großbritannien, USA / 1965
102 Minuten

Bildrechte: COLUMBIA PICTURES / COLUMBIA-BAVARIA
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