– Kinostart 27.11.2025
– Netflix ab 12.12.2025
Besprechung beruht auf der Kinofassung
Es war erstaunlich, wie sehr sich „Glass Onion“ als zweiter Teil der „Knives Out“-Reihe in Atmosphäre und Inszenierung von seinem Vorgänger unterschieden hat. Noch viel bemerkenswerter ist dann, wie es Autor und Regisseur Rian Johnson gelingt, für die dritte Ausgabe erneut einen ganz anderen Film zu machen. Was daran so bemerkenswert ist? Das alle drei Film den selben Unterhaltungswert besitzen, und trotz ihrer inszenatorischen Unterschiede dem Betrachter alles geben, was ‚Knives Out‘ vom ersten Film an so besonders gemacht hat. Dieses Mal drängt es den besten Detektiv der Welt, Benoit Blanc, in das Kaff Chimney Rock, im Hinterland von New York. Der ortsansässige Priester Jefferson Wicks, der darauf bestand mit Monsignore angesprochen zu werden, wurde ermordet. Monsignore Wicks hütete seine Gemeinde nicht mit Güte und Geborgenheit, sondern mit Wut und Demagogie. Was nach und nach die meisten Mitglieder seiner Gemeinde aus der Kirche vertrieb. Bis auf sieben Schafe, deren Glaube an den Monsignore ungebrochen blieb. Dennoch muss jemand von ihnen der Mörder sein.
Es bleibt kein Zweifel: Rian Johnson ist die Filmfassung von Agatha Christie – raffiniert, komplex, überraschend, aber mit viel mehr Humor. Und wie der Filmemacher jetzt ein drittes Mal in Reihe vorführt, ist er im Moment der beste Geschichtenerzähler den das Mainstream-Kino hat. Es ist nicht nur das aberwitzig vielschichtige Mördermysterium, sondern die atemberaubende Struktur der Inszenierung. Priester Jud Duplenticy wird wegen eines Fehlverhaltens nach Chimney Rock an die Seite von Monsignore Wicks versetzt. Mit einem Brief an Detektiv Benoit Blanc erklärt er die Personen und Verhältnisse in der Gemeinde, bis zu dem Zeitpunkt des Mordes.
Allein wie Johnson diesen Einstieg – der immerhin 40 Minuten dauert – inszeniert, ist eine Studie für Filmstudenten. Es sind sensationelle Übergänge von einer der Verdächtigen zu einem anderen. Hier gehen Dialoge und Off-Text immer wieder ineinander über. Bilder überschneiden sich, und mit der akustischen Beschreibung von der einen Person wird visuell deren Beziehung zu einer anderen verdeutlicht. Die Dynamik in dieser langen, aber kurzweiligen Sequenz lässt fast vergessen, dass die treibende Kraft im mörderischen Reigen noch gar nicht in Erscheinung getreten ist – Benoit Blanc.
Da ist eine gespenstisch überproduktive Kirchendienerin, ein desinteressierter Hauswart, ein paranoider Bestseller-Autor, ein gescheiterter Jungpolitiker, eine an den Rollstuhl gebundene Cellistin, eine merkwürdig verschlossene Anwältin, und der allzu bieder scheinende Arzt des Ortes. Das sind Glenn Close, Thomas Haden Church, Andrew Scott, Daryl McCormack, Cailee Spaeny, Kerry Washington und Jeremy Renner. Das allein ist schon eine Besetzung von der ein Woody Allen nur träumen konnte. Außerhalb des Kreises von Verdächtigen sind da noch Jeffrey Wright und Mila Kunis, abgesehen natürlich vom Hauptakteur selbst – Daniel Craig, mit Langhaarfriseur.
Craig ist die Hauptfigur, er hat auch zweifelsfrei die besten Pointen, und derer gibt es viele (wenn Blanc zu Duplenticy meint, mit Beweisen würde er den Täter festnageln, um gleich darauf festzustellen, wie unangemessen die Bemerkung im Zeichen des Kreuzes ist). Craig ist als Benoit Blanc – wie schon in den Teilen zuvor – der Kit der alles zusammenhält, der die Geschichte in die richtige Form bringt. Doch der Regisseur nimmt auch hier den Hauptdarsteller immer wieder aus dem Vordergrund, um den anderen Figuren genug Raum zu geben. Es sind komplexe Charaktere, die auch entsprechenden Raum benötigen. „Wake up Dead Man“ ist nicht einfach nur verzwickter Rätselspaß.
Der Film ist auch eine Auseinandersetzung mit menschlichen und gesellschaftlichen Gegensätzen. Jede Aussage, jede Meinung, jeder Charakter bekommt von Johnson auch die Antithese. Der offene Häretiker Benoit Blanc trifft auf die innige Gläubigkeit des Jud Duplenticy. Josh O’Connor spielt seinen Priester mit beachtlicher Eindringlichkeit. Seine Güte und Hingabe ist regelrecht spürbar. Seine Demut für das ihm auferlegte Unrecht ist zutiefst glaubwürdig. Es ist – bei allem was O’Connor schon gemacht hat – sein bemerkenswertestes Glanzstück an Schauspiel. Dazu lässt der Film unentwegt Gegenpole kollidieren. Während Blanc und Duplenticys Dualität von Respekt und Verständnis geprägt ist, kämpfen auf der anderen Seite religiöser Fanatismus gegen alternative Fakten, aber auch verschleierte Habgier gegen verlogene Moral.
Aber „Wake up Dead Man“ bleibt dennoch ein höchst amüsanter und gleichzeitig spannender Rätselkrimi. Mit viel überraschenden Pointen – wovon keine offensichtlich oder flach ist – wie Glenn Close‘ plötzliche Anwesenheit in der Szenerie, wenn jemand über sie redet. Und noch viel mehr gibt es an unerwarteten Wendungen, genau an den Punkten, wenn man sich der Auflösung sicher zu sein scheint. Ein überaus witziges Labyrinth an verdächtigen Momenten und falschen Fährten. Dazu springt die Handlung – ein Markenzeichen des Regisseurs – munter und sehr dynamisch in der Zeit vor und zurück, was zusätzlich die Spannung steigert. Das der Film in der zweiten Hälfte dann noch leichte Anleihen beim Gothic-Horror nimmt, ist einer der schönsten Wendungen. „Knives Out“-Stammkameramann Steve Yedlin schafft dabei wundervolle Bilder mit den alten Gemäuern und herrlichen Licht- und Schattenspielen.
Das Ensemble spricht mit seinen Namen schon für sich. Es sind allesamt komplexe Figuren, von denen jede im Verlauf eine entsprechende Entwicklung vollzieht, und ausnahmslos jede Schauspielerin, jeder Schauspieler macht daraus ein darstellerischen Vergnügen. Das kommt eben auch dabei heraus, wenn ein Filmemacher versteht, jedes Element eines Film als essenziell zu inszenieren. Die Figuren, die Geschichte, und auch die Hintergründe – wie der Kleinstadtmief von Chimney Rock, der die fanatischen Verschwörungstheorien erst möglich macht. Das macht derzeit Rian Johnson zu einem der besten Geschichtenerzähler im Mainstream-Kino.
Ein Mann der in der absurd witzigen Handlung den Glauben an Gott dennoch ernst nimmt. Johnson macht sich über religiöse Besessenheit lustig, über die Eiferer und Phantasten. Aber zu keinem Zeitpunkt stellt der Regisseur und Autor den Glauben oder den rechtschaffenen Gläubigen in Frage. Und wenn Pfarrer Jud Duplenticy über seine wahrhafte Beziehung zu Jesus spricht, und dabei hinter ihm die Sonne durch die Wolken bricht, dann ist das tatsächlich weder kitschig noch spöttisch. Und dieser Aspekt ist auch ein Novum in unserer von Zynismus und Scheinheiligkeit durchzogenen Welt. Eine Welt, in der es aber auch einen Benoit Blanc braucht.
Darsteller: Daniel Craig, Josh O’Connor, Glenn Close, Josh Brolin, Mila Kunis, Jeremy Renner, Andrew Scott, Cailee Spaeny, Daryl McCormack, Jeffrey Wright, Thomas Haden Church, Kerry Washington u.a.
Regie & Drehbuch: Rian Johnson
Kamera: Steve Yedlin
Bildschnitt: Bob Ducsay
Musik: Nathan Johnson
Produktionsdesign: Rick Heinrichs
USA / 2025
144 Minuten

