– Release 24.12.2025 (world)
Die Frage, was „Anaconda“ ist, lässt sich zuerst leicht beantworten. Es ist eine High-Concept Produktion, mit einer fantastischen Prämisse. Vier Jugendfreunde wollen sich im gesetzteren Alter ihren Traum von einem Blockbuster-Film erfüllen. Einer von ihnen, der scheiternde Schauspieler Roland ‚Griff‘ Griffin, hat die Rechte zu dem Roman bekommen, auf denen der B-Movie „Anaconda“ von 1997 beruht. Ein Film, der seinerzeit eine Offenbarung für ihn und seinen Kumpel Doug McCallister war, ein Hochzeitsfilmer, der einmal Regiegröße in Hollywood werden wollte. Claire Simons ist als Darstellerin dabei, die in vergangenen Tagen ein Auge auf Griff geworfen hatte, dann aber anderweitig verheiratet war, und mittlerweile wieder geschieden ist. Und dann ist da noch der abgestürzte Kumpel Kenny, der hätte als Kameramann endlich die Chance wieder mal an etwas anderes zu denken als an seine Alkohol- und Tablettensucht. Das ist High-Concept. Und das bedeutet, dass diese sympathische Verlierergruppe ihren Weg gehen wird.
Allerdings muss die Frage anders gestellt werden, um adäquater antworten zu können: Was ist dieser „Anaconda“ nicht? Er ist nicht witzig, und er ist nicht originell. Was sich kaltherzig und unfair anhören muss, tut eigentlich im Herzen weh. Die Idee und das Buch kommen von Regisseur Tom Gormican und Autor Kevin Etten. Zusammen haben sie die Nicolas Cage und Pedro Pascal Action-Komödie „The Unbearable Weight of Massive Talent“ gemacht. Eine Meta-Geschichte, die am Ende unter ihrer eigenen Last zusammenbrach. „Anaconda“ versucht sich ebenfalls auf der Meta-Ebene, versteht aber nicht seine Talente und Möglichkeiten auszuspielen.
Etten und Gormicans Geschichte und Gormicans Inszenierung ist eine strukturelle Katastrophe, und verliert sich in absehbaren Standards. Schlimmer noch, die Macher vergessen absolut worum es in ihrem Film-im-Film geht. Lois Llosas „Anaconda“ ist ein Klischee überladener, mit teilweise lächerlichen Spezialeffekten, inkohärent inszenierter Tierhorror mit einer Monsterschlange. Erstklassige Darsteller wie Jennifer Lopez, Eric Stoltz und sogar Ice Cube spielen ihre Blaupausenfiguren mit einer idealistischen Ernsthaftigkeit, die den Film zu einem verdienten Kult-Klassiker macht. Wo liegt also die Motivation, sich mit diesem Kult-Klassiker anzulegen?
Tom Gormican findet keine Ansätze. Die Macher wissen noch nicht einmal, ob sie den ersten „Anaconda“ würdigen oder durch den Kakao ziehen wollen. Inflationsbereinigt hat das Original heute ein Budget von 90 Millionen Dollar. Gormican hat 45 Millionen verbraucht. Die Helden von heute begeben sich mit geringstem Budget in den Amazonas, heuern dort ein Boot an, und engagieren einen Schlangenbesitzer mit einer echten Anakonda. Es gibt eine vollkommen überflüssige Nebenhandlung um eine Gruppe illegaler Goldgräber, mit der darin verwickelten Ana, die das Boot steuert. Daniela Melchior hat die undankbare Rolle der Ana, eine Figur die nichts zur Handlung beiträgt, und nur zur Ausschmückung sporadisch im Bild erscheint.
Keiner der Schauspieler wird nach seinen Möglichkeiten gefordert. Im Gegenteil. Ob Thandiwe Newton, die als Claire zur Stichwortgeberin degradiert ist, oder Steve Zahn, dessen Kenny nur lustlose Drogen-Gags von sich gibt. Der als Schauspieler gescheiterte Cliff wird von Paul Rudd verkörpert, als hätte er alles, selbst sein exzellentes Komödien-Timing vergessen. Natürlich darf Jack Black hier und da – wie es ein Kritiker nannte – seine Ein-Mann-Party abziehen, aber dazu muss man seine Markenzeichen-Faxen auch mögen. Ansonsten bleibt seine Rolle des verkannten Regisseurs hinter allem zurück, was Black anderswo sogar als ernsthaften Darsteller auszeichnet.
„Anaconda“ macht traurig, weil er weder das tut, was jemand von ihm erwartet, noch in eine andere Richtung zu überraschen versteht. Außer das er überraschend unlustig ist. Jede Szene ist so artifiziell aufgebaut, dass jede angedachte Pointe tatsächlich vorhersehbar wird. Will er jetzt das Niveau des Originals auf die Schippe nehmen? Will er sich über die Fans dieses Films lustig machen? Will er gar Tribut zollen? Tom Gormicans „Anaconda“ ist derart nichtssagend, dass sich jeder und jede eine eigene Antwort zurechtbasteln kann. Sogar Nigel Blucks Bildgestaltung und Kameraführung – wie überhaupt die gesamte künstlerisch-technische Umsetzung – folgt dem Prinzip des klassischen, uninspirierten Mainstream-Kinos.
An zwei Punkten leuchtet noch viel schmerzlicher heraus, was hier an Möglichkeiten verloren geht: Wie Cliff durch seine eigene Dummheit zu einem Produzenten-Credit kommt, und das Claire und Cliff für den Film-im-Film die gleichen Kostüme tragen wie Dern und Neill in „Jurassic Park“. Das sind Annäherungen an den Film, wie er letztendlich nicht umgesetzt wurde. Gormican versucht erst gar nicht zu vermitteln, was das Original so besonders macht, aber im Vergleich verdeutlicht sein Film, dass „Anaconda“ von 1997 doch etwas Besonderes bleibt.
Darsteller: Jack Black, Paul Rudd, Thandiwe Newton, Steve Zahn, Daniela Melchior, Selton Mello u.a.
Regie: Tom Gormican
Drehbuch: Tom Gormican, Kevin Etten
Kamera: Nigel Bluck
– Second Unit: Richard Bluck, Matt Toll
Bildschnitt: Craig Alpert, Gregory Plotkin
Musik: David Fleming
Produktionsdesign: Steven Jones-Evans
USA / 2025
99 Minuten

