EIN EINFACHER UNFALL

Ein einfacher Unfall - (c) MUBIYEK TASADEF SADEH
a.k.a. IT WAS JUST AN ACCIDENT
– Bundesstart 08.01.2026
– Release 01.10.2025 (FRA)

„Es war nur ein Unfall“,  sagt die Mutter zu ihrer Tochter, als der Vater in der Dunkelheit einen Hund überfahren hat. Was nur ein Unfall sein sollte, ist Auslöser einer verrückten Kettenreaktion. Das man in diesen ersten Minuten das Opfer des Unfalls nicht sieht, und die Kamera immer nur auf dem Gesicht des Fahrers bleibt, wie er aussteigt, wie er sich umsieht, wie er den Hund betrachtet, wie er wieder einsteigt und weiterfährt, das nimmt unheimlich viel vorweg von dem was kommen wird. Und was da kommen wird, ist nicht einfach, ist oft schmerzhaft, und manchmal urkomisch. Wegen des überfahrenen Hundes, muss der Wagen in eine Werkstatt, wo der Unfallfahrer vom anwesenden Vahid  beobachtet wird, der dem Fahrer später folgt, ihn bewusstlos schlägt, und in der Wüst lebendig begraben will. Vahid ist sich sicher, dass es sich bei dem Fahrer um „Holzbein“ Eghabal handelt, seinem Peiniger aus dem unterdrückenden Regime.

Wer eine Kategorisierung von Jafar Panahis ‚Goldene Palme von Cannes‘-Gewinners erwartet, muss enttäuscht werden. Noch weniger wie sonst, lässt der streitbare Filmemacher seinen Film einordnen. Und die Premiere durfte Panahi einmal außerhalb des Gefängnisses erleben, wo ihn die iranische Regierung sonst gerne wegen seiner unliebsamen Filme hinschickt. „Ein einfacher Unfall“ ist bitterböse Satire, schmerzhaftes Drama, nervenzerreißender Psychothriller, leichte Komödie, und zeitgeistige Gesellschaftskritik gleichermaßen. Das liest sich nach sehr viel an, greift aber alles erstaunlich gut und bemerkenswert einfühlsam ineinander.

Noch während Vahid seinen vermeintlichen Folterer lebendig begräbt, beschleichen ihn Zweifel. Eigentlich konnte er Eghabal lediglich an seiner quietschenden Prothese erkennen. Vahid packt seinen Gefangenen wieder in eine große Werkzeugkiste in seinem Lieferwagen, und es beginnt eine Odyssee zu anderen Opfern des Peinigers. Die Fotografin Shiva würde ihn nur am Geruch identifizieren. Die in ein Brautkleid gewandete Goli müsste die Stimme des Bewusstlosen hören. Und Hamid erkennt ihn nur an den Narben seines Beinstumpfes. Immer wieder kommen Zweifel auf, entladen sich hitzige bis aggressive Diskussionen. Aber keines der damaligen Opfer will durch voreilige Schlüsse genauso werden wie seinerzeit die Folterknechte des Regimes.

Ein einfacher Unfall a - (c) MUBI

Das ist manchmal brüllend komisch, und manchmal aufwühlend dramatisch, und manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Was würde ich tun, ist die hypothetische Frage die sich ständig auftut. Das Besondere hier sind nicht nur die starken, sehr natürlichen Darsteller. Das Besondere ist wie Jafar Panahis versteht Politik und Religion auszublenden. Nur ein einziges Mal fällt der Begriff „iranisch“, und es gibt auch keine direkte Schuldzuweisung an die islamische Führung. Es ist eine reine Opfer-Täter-Geschichte, die auf die Opfer fokussiert bleibt. Und auf sie lädt der Filmemacher auch die ethische und moralische Verantwortung ab. Was würde ich tun?

 

Auch wenn das gezeigte Land leicht zu identifizieren ist, bekommt die aberwitzig absurde Erzählung durch die reduzierte Handlung eine beeindruckende Allgemeingültigkeit. Die starke Reduktion gibt dem starken Ensemble genau die richtige Zeit für die Ebene ihrer Figuren. Und genau die richtige Zeit für die Zuschauenden, um mit diesen ganz normalen, aber belasteten Menschen eine richtige Verbindung einzugehen. Auch wenn der Film von Vahid Mobasseri als Vahid angeführt wird, steht keiner der Gruppe wirklich im Vordergrund. Jede und jeder hat wunderbare und auch beängstigende Momente, in denen sie als Schauspieler – für sich und im Ensemble – überzeugen.

Man spürt ihre Wut, man fühlt ihre Verzweiflung. Und man begreift den Wahnwitz in der Absicht eben nicht so zu sein wie die anderen, aber genau so handeln zu wollen – vielleicht sogar zu müssen. Jafar Panahi ist eine exzellente Studie über gebrochene Menschlichkeit gelungen. Über Menschen, die ein Trauma nie überwunden haben, und über den Schrecken der allgegenwärtig bleibt. Auch wenn Panahi erstaunlich ruhig inszeniert – auch mit sehr langen Einstellungen, die auf den jeweiligen Protagonisten bleiben – ist „Ein einfacher Unfall“ eine Tour de Force von abwechselnden und auch sich vermischenden Gefühlen. Thriller, Komödie, Satire, Psychodrama. Es ist eine Kunst, dies derart natürlich zusammenzubringen, wird aber mit einer solchen Schauspielerriege um einiges einfacher – und erschreckender. Denn der Film zeichnet ein scharfsinniges Gesellschaftsportrait, aber er ist nicht an geheuchelter Aussöhnung interessiert. Was das wahrhaft überraschende und doch selbstverständliche Ende mehr als deutlich macht.

Ein einfacher Unfall b - (c) MUBI


Darsteller: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi u.a.

Regie & Drehbuch: Jafar Panahi
Kamera: Amin Jafari
Bildschnitt: Amir Etminan

Iran, Frankreich, Luxemburg, USA
2025
104 Minuten

Bildrechte: MUBI
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